Weiße Berge

Die folgenden Bilder entstanden auf einer Schiwanderung durch den Sarek-Nationalpark im April 2017, auf der Wegstrecke zwischen der Njirávbuollda-Renvaktarstuga und Skárjá. Auf dem anschließenden Weg durch das Ruohtesvagge zum Kutjaure wollte unsere Digitalkamera - vermutlich wegen der Kälte und Feuchtigkeit - nicht mehr funktionieren. Erst in Vaisaluokta gelang es uns wieder einige Aufnahmen zu machen.

- Ähpár-Massiv von der Njirávbuollda-Renvaktarstuga -
- Vuojnestjåhkkå (links) und Spijkka (rechts) von der Sonne beschienen -
- Südlicher Vorgipfel des Sarvatjåhkkå vom Sarvalåpptå -
- Bierikbakte (links) und Mellantoppen von der Pielastugan -
- Der Guohper (in Bildmitte) auf dem Weg nach Skárjá -
- Das Guohpervágge -

- Guohperskájdde von Skárjá -
- Das Ruohtesvágge -
- Gavelberget, Såltatjåhkkå, Gassatjåhkkå und Gávabákte (von links nach rechts) -
- Jållok (links) und dahinter der Mihkátjåhkkå -
- Jållok (links) mit Sarektjåhkkå Stor- und Sydtoppen von Skárjá -
- Stortoppen (links) und Sydtoppen des Sarektjåhkkå -

 

21. April 2018          oliver beihammer


 

 

 

 

Westwind - Sommer 2016

Der Campingplatz von Sinebjerg ist ein guter Ausgangspunkt für Kajaktouren südlich der dänischen Insel Fünen. Die Besitzerin des gepflegten Platzes ist sehr hilfsbereit, denn obwohl ich dort nicht mein Zelt aufschlug, durfte ich das Auto abstellen, den Wasserhahn benutzen und ihr verschiedene Dinge zur sicheren Aufbewahrung übergeben. Sie erzählte, dass der Campingplatz während des Winterhalbjahres immer geschlossen sei. Im Herbst gehe es dann jedes Jahr nach Kanada, weil sie dieses Land so liebe. Und den windigen und regnerischen dänischen Winter würden sie und ihr Mann immer zum Teil auf den Philippinen verbringen. Sie meinte, nur der Weihnachtsmann habe noch mehr Ferien als sie, denn der arbeite schließlich nur an einem Tag im Jahr ...


- Die Halbinsel von Dyreborg -

Nachdem ich die Nacht auf den 1. August am Rande einer Christbaum-Plantage verbracht hatte, begann ich in den Morgenstunden am windigen Strand von Sinebjerg den Kajak für die geplante einwöchige Paddeltour zu laden. Trotzdem dauerte es bis zum frühen Nachmittag, bis ich den Bug des Bootes in die heranrauschenden Wellen schob und die Fahrt begann. Die leichte Aufregung, die mit solchen Starts verbunden ist, bringt schon überwunden geglaubte, zwanghafte Charakterzüge ans Licht. Und bis dann mancherlei Dinge, die man für die Fahrt braucht, zumindest zum zweiten Mal überprüft sind, vergeht die Zeit. Einmal auf dem Wasser unterwegs, musste ich jedoch meine Gedanken schnell auf anderes richten. Der auffrischende Westwind schob kräftige Wellen an die Küste und ich musste achtgeben, nicht schon während der ersten Kilometer auf Grund zu laufen. Nach dem herausfordernden Start setzte ich jedoch im Lee der Halbinsel von Dyreborg entspannt zur Insel Bjørnø über und ließ mich anschließend von Wind und Wellen in die östlich gelegene Hansebugt treiben. Als ich am dortigen Badestrand angelandet war, fehlte mir jegliche Lust, mich an diesem Tag noch einmal aufs Meer zu wagen, denn der Wind hatte sich inzwischen auf Stärke fünf gesteigert. Da die einladenden Wiesen dänischer Badeplätze nicht zum Campieren gedacht sind, stellte ich mein Zelt in einem versteckten Winkel erst bei einbrechender Dunkelheit auf.


- Fünische Landschaft in der Hansebugt -

Der darauffolgende sonnige Tag mit stetig wehendem Wind aus Westen versprach ein guter Paddeltag zu werden. Von Wind und Wellen geschoben überquerte ich zunächst ohne große Anstrengung den Nakkedølle Fjord. Anschließend paddelte ich entlang der Küste weiter und die malerische fünische Landschaft mit den sanften Hügeln, den gelben Kornfeldern und den tiefgrünen Laubwäldern zog auf der linken Seite an mir vorbei. Von der Gunst des Augenblickes dazu verleitet, gab ich mich mit der größten Selbstverständlichkeit dem Gedanken hin, dass beim Rückweg der Wind in anderer Richtung wehen oder zumindest viel schwächer sein würde. Am Nachmittag ging ich bei Lehnskov an Land, saß in der wärmenden Sonne und schaute den vielen Segelschiffen im Svendborg Sund zu. Als ich später bei Svendborg die Nordspitze der Insel Tåsinge umrundete, waren an den Stränden und auf dem Wasser viele Menschen unterwegs, die offensichtlich das wunderbare Wetter genossen - eine lichte und heile Welt, wie mir schien. Am Abend kamen schließlich noch an den prunkvollen, herrschaftlichen Gebäude von "Valdemars slot" in Sicht. Erst später erfuhr ich, dass es sich hier um eine der schönsten Schlossanlagen Fünens handelt. Da in der Nähe der Anlage kein brauchbarer Zeltplatz zu finden war, überquerte ich trotz meiner Müdigkeit noch die Lunkebugten und landete schließlich am flachen Strand von Stenoddens Sommerland an. Die sauber gemähte Wiese mit dem dazu gehörigen Picknick-Tisch bot alles, was ich mir für die bevorstehende Nacht wünschte.


- Rastplatz bei Lehnskov -

Stenoddens Sommerland ist ein großes Areal, das von rechtwinkelig verlaufenden Straßen in viele kleinere Grundstücke geteilt wird. Hinter den oft ebenso rechtwinkelig geschnittenen Hecken befinden sich viele Sommerhäuser, in denen Erholungsbedürftigen und Rentner wohnen. Als ich versuchte, dort an dem verregneten Morgen jenes Mittwochs etwas Trinkwasser zu bekommen, wirkte das Ganze geradezu gespenstisch verlassen. Schließlich traf ich auf einen Mann mit einem Hund, der mir zuerst zu Wasser verhalf und mir dann von seinen Reisen nach Nordwestgrönland erzählte. Zwei Mal sei er in Siorapaluk, der nördlichsten bewohnten Siedlung der Welt gewesen, einem winzigen Ort, in dem nur einige Jägerfamilien lebten. Im Winter könne man von Quaanaaq aus nur mit dem Hundeschlitten dorthin gelangen, berichtete er, und ich hörte fasziniert seinen Erzählungen zu. Nachdem ich mich von ihm verabschiedet hatte, fragte ich mich, wie lange man sich nach solchen Abenteuern damit zufrieden geben könnte, die Ferien in der wohlgeordneten Welt von Stenoddens Sommerland zu verbringen. Da es am Vormittag in Strömen regnete, beschloss ich, an diesem Tag meine Fahrt nicht fortzusetzen. Stattdessen holte ich die wasserdicht verstauten Bücher zu den Vorsokratikern aus dem Kajak und beschäftigte mich einige Stunden mit der Weltsicht antiker Philosophen. Später am Tag erhielt ich noch Besuch von einem älteren Herrn, der ebenfalls hier die Sommermonate verbrachte. Als ich nach einer Weile den Grönlandfahrer vom Vormittag erwähnte, meinte er, dass auch er in den Jahren 1964/65 ein Jahr auf Grönland verbracht hätte - als Elektriker auf der amerikanischen Thule-Airbase. Ich fragte ihn, ob er nach mehr als 50 Jahren noch einmal nach Grönland zurück wollte. Vielleicht wäre es möglich, sagte er, und ich glaubte, in seiner Stimme eine leise Sehnsucht zu vernehmen. Er müsse aber zuerst mit seiner Frau sprechen, meinte er abschließend. Am Abend fand ich während eines Spazierganges am Strand viele Feuersteinknollen, die hier an der Küste überall vorkommen und von der Bewegung des Wassers zu runden Formen geschliffen werden. Vom Aufenthalt in Ostgrönland im letzten Jahr wusste ich, das die Paleo-Eskimos vor Jahrtausenden dieses Material zur Herstellung ihrer Werkzeuge verwendet hatten.   


- Fünischer Flint -

Der nächste Morgen zeigte sich immer noch stark bewölkt, aber zumindest hatte der Regen aufgehört. Da auch der Wind nachgelassen hatte, schob ich den Kajak um 10.00 Uhr ins Wasser, mit der Absicht, heute eine längere Strecke zurückzulegen. Die ersten Kilometer kam ich auf der Ostseite von Tåsinge gut voran, aber als ich die Landspitze von Færgeodde umrundete, wehte mir aus dem Siø Sund ein kräftiger Wind entgegen, der wieder Zweifel an diesem Vorhaben aufkommen ließ. Ich schaffte es noch, bis zum kleinen schützenden Hafen von Vemmenæs zu gelangen, wo ich unter dem Vordach der Holzhütte am Parkplatz auf bessere Zeiten wartete. Der unfreiwillige Aufenthalt an dem windgeschützten Platz gab mir jedoch auf Neue die Gelegenheit, mich der antiken Philosophie zu widmen. Als mir am Nachmittag schien, dass sich Wind und Wellen etwas beruhigt hatten, verstaute ich die Bücher und unternahm einen neuerlichen Versuch, in südwestlicher Richtung zur Landspitze von Stjovl Knude zu gelangen. Ich paddelte bis zur Brücke, die nach Langeland hinüberführt, aber als ich von der windgeschützten Seite im Siø Sund zwischen den massiven Betonpfeilern die Durchfahrt wagen wollte, brandeten mir Wind und Wellen mit einer solchen Stärke entgegen, dass ich ein weiteres Vorankommen für diesen Tag ein für alle Mal aufgab. Auf dem Weg zurück zum Hafen kamen mir zwei deutsche Kajakfahrer entgegen, die noch zur weiter südlich gelegenen Insel Strynø weiterpaddeln wollten. Ihr Angebot, mit ihnen zu kommen, lehnte ich dankend ab, denn ich hatte mich bereits entschieden, die Nacht unter dem Dach der Hütte am Hafen zu verbringen. Zudem erschien mir bei diesem Wind die mehrere Kilometer lange Überfahrt nach Strynø als zu riskant.


- Der Sjø Sund und die Brücke nach Langeland -

Nach den rauen Bedingungen der letzten Tage hatte sich das Wetter am 5. August deutlich gebessert. Bei wenig Wind paddelte ich ohne Schwierigkeiten unter der Brücke hindurch und ging später bei Stjovl Knude kurz an Land. Die seichten Gewässer des Tåsinge Grund lagen ruhig und still vor der Küste und einige Gewitterwolken, die im Süden über der Insel Strynø hinwegzogen, verdeckten die Sonne nur für kurze Zeit. In Vårø Knude, der südlichsten Landspitze von Tåsinge, hielt ich Mittagsrast. Unweit von mir saß ein älteres Ehepaar, das sich den beschaulichen Platz für ein Picknick ausgesucht hatte. Die beiden schienen für irgendwelche Gespräche nicht die geringste Lust zu verspüren und gaben sich äußerst wortkarg. Nach einer Weile stiegen sie ohne Abschiedsgruß in ihr kleines Motorboot und verschwanden hinter der nächsten Landspitze. Auf dem Weg nach Norden Richtung Vornæs Skov legte der Wind von Westen her wieder deutlich zu, hielt sich aber soweit in Grenzen, dass ich ohne großes Zögern die Querung über den Svendborg Sund anging. In sicherem Abstand wartete ich noch, bis das von Aerø kommende Fährschiff passiert hatte. Ich schaukelte in den vom Schiff verursachten meterhohen Wellen auf und nieder und setzte anschließend zügig meine Fahrt fort, um keinem der vielen anderen hier fahrenden Schiffe in die Quere zu kommen. Als ich bei Lehnskov wieder die Küste von Fünen erreichte, begann die harte Paddelarbeit gegen den Wind. Daher legte ich bereits nach zwei Kilometern am sonnigen Badestrand von Ballen an, und wegen der Annehmlichkeiten, die ich hier vorfand (Toilette und Trinkwasser!), beschloss ich bald, die Nacht hier zu verbringen. An dem schönen Strand waren viele nette Dänen unterwegs, so auch eine ältere Dame, die sich offensichtlich um mein Wohlergehen sorgte. Sie drückte mir 20 Kronen in die Hand und meinte, sie hätte jetzt nichts anderes, was sie mir geben könnte, aber davon sollte ich mir wenigstens einen Eislutscher kaufen.


- Am Badestrand von Ballen mit Blick auf Skarø -

Am nächsten Morgen regnete es wieder in Strömen und das Laden des Kajaks gestaltete sich daher mühsam. Der gestrige Wind war jedoch soweit abgeflaut, dass ich während der ersten sechs Kilometer entlang der Küste gut vorankam, und nach einer Weile verzogen sich die Regenwolken wieder und die Sonne kam zum Vorschein. Als ich mich jedoch anschickte, erneut den Nakkedølle Fjord zu queren (dieses Mal in anderer Richtung), hatte der Wind bereits so zugenommen, dass von genussvollem Paddeln keine Rede mehr sein konnte. Um meine Kräfte zu sparen, fuhr ich die mir entgegenkommenden Wellen schräg an und wurde dadurch weit ins Innere des Fjordes abgedrängt. Dafür erwartete mich bei Dybskrog ein wunderschöner Platz, um für eine Mittagspause an Land zu gehen. Ich saß an dem sonnigen Strand unter großen jahrhundertealten Laubbäumen, die kräftig über mir im Wind rauschten. Nach der erholsamen Rast gewährte mir die windgeschützte Bucht einen leichten Start. Als ich mich aber wieder der exponierten Südküste näherte, machte der inzwischen noch heftigere Gegenwind ein weiteres Vorankommen fast unmöglich. Unter Aufbietung aller Kräfte kämpfte ich mich noch die zwei Kilometer bis zur Insel Kidholm voran. Als ich den Bug des Kajaks nach Norden drehte, um noch den allerletzten Kilometer bis zu meinem ersten Zeltplatz zu schaffen, hatte ich keine Kraft mehr, um das Boot auf Kurs zu halten. Damit war die Gefahr groß, dass mich die von links anrollenden Wellen mit der Längsseite an den steinigen Strand drückten. Ich landete noch sicher an und zog daraufhin das Boot zum Schutz gegen die Wellen etwas höher den grasigen Hang hinauf. Es war noch nicht spät am Nachmittag und ich hoffte, später die Fahrt bei besseren Bedingungen fortsetzen zu können. Aber auch als die Sonne nach Stunden schon tief im Westen stand, war von einem Nachlassen des Windes keine Rede. Schließlich erkannte ich, dass sich die Verhältnisse heute kaum mehr bessern würden und richtete mich auf dem unebenen Untergrund einigermaßen gemütlich im Zelt ein.


- Die Insel Kidholm vor der Südküste von Fünen -

Nach dem gestrigen sonnigen Abend begann der letzte Paddeltag wieder stark bewölkt. Zumindest war der Wind soweit abgeflaut, dass mir an diesem Sonntag ein ruhiger Start gelang. Ich querte die Hansebugt und paddelte anschließend am Nordufer des Faaborg Fjordes entlang. Meine Hoffnungen, im Inneren des Fjordes ruhigeres Wasser vorzufinden, wurden nicht enttäuscht. Als ich im Hafen von Faaborg an den dort vor Anker liegenden Schiffen vorüberglitt, war von dem übers Land pfeifenden Wind kaum noch etwas zu spüren. Leicht brachte ich die wenigen Kilometer bis Dyreborg hinter mich und wagte danach noch einen Versuch, die Landspitze von Knolden in Richtung Sinebjerg zu umrunden. Einen halben Kilometer vor dem exponierten Felsen pfiff mir jedoch wieder der wohlbekannte Westwind entgegen, der meterhohe Wellen vor sich herschob. Da ich keine Lust verspürte, mich auf den letzten Kilometern noch diesen Bedingungen auszusetzen, machte ich kehrt und flüchtete auf das ruhige Wasser des Noret, eines von Wind und Wellen geschützten Binnengewässers, der an der Westseite durch eine schmale Landbrücke vom Meer getrennt ist. Bei der Straße am Damm mit den vielen kleinen Wochenendhäusern zog ich den Kajak an Land und erklärte die Tour für dieses Mal für beendet. Anschließend ging ich zu Fuß auf kleinen Straßen die wenigen Kilometer nach Sinebjerg. Von den erhöhten Wegen blickte ich hinunter auf das tosende Meer und bereute meine Entscheidung nicht. Als ich eine Stunde später meinen Kajak mit dem Auto abholte, traf ich eine Frau aus Innsbruck, die sehr davon angetan war, weit von der Heimat einen Tiroler zu treffen, der hier mit dem Boot unterwegs war. Die schöne Begegnung überzeugte mich vollends, dass es gut gewesen war, die Fahrt hier zu beenden.


- Kurz vor dem Ende der Fahrt -

Nachdem ich am Campingplatz von Sinebjerg eine angenehme Nacht verbracht hatte, fuhr ich am Morgen des 8. August nach Odense, um dort am Bahnhof Eeva Kaisa abzuholen, die die letzten Wochen in Finnland verbracht hatte. Von Odense ging es weiter nordwärts nach Hirthals, von wo am Tag darauf unser Schiff nach Island abfuhr. Auch hier im nördlichsten Teil Dänemarks war es sehr windig und das aufgewühlte weiße Meer schob gigantische Brecher an die sandige Küste. Nie zuvor hatte ich die unvorstellbare Kraft des Meeres so erlebt wie hier.


- Ein bewegtes Meer auf der Überfahrt nach Island -

 

22. November 2016          oliver beihammer


 

 

    

Jahr 2004

Norwegen, Schweden: Beisfjorden - Abisko

25. - 28. August, Oliver Beihammer
Karte: Fjällkartan Abisko-Kebnekaise-Narvik BD6 (S) 1:100 000

(1) Beisfjord (Zelt) - Stubblidalen - Hunddalshytta (Zelt).
(2) Hunddalshytta (Zelt) - Oallavággi - Grenzstein Rr 263 - Unna Allakasstugorna (Zelt).
(3) Unna Allakasstugorna (Zelt) - Čoalmmevággi - Rádunjárga (Hütte).
(4) Rádunjárga (Hütte) - Dag Hammarskjöldsleden - Abiskojaurestugorna - Abisko (Zelt).

Im August 2004 reiste ich zum ersten Mal nach Finnland und besuchte Eevi Paavola und ihrer Familie in Oulu. Während dieser Zeit hatte ich bei einem Besuch im kasvitieteellinen puutarha (im biologische Garten) meine erste Begegnung mit Eeva Kaisa. Trotz der schönen Begegnungen und Annehmlichkeiten in Finnland ließ mich jedoch meine Sehnsucht nach den norwegischen und schwedischen Bergen nicht los. So kam es, dass ich Oulu nach fünf Tagen verließ und mit der Bahn über Kiruna und Abisko nach Narvik fuhr. Die Nacht nach meiner Ankunft verbrachte ich im Zelt am Strand der Ortschaft Beisfjord am Ende des gleichnamigen Fjords, der etwas südlich von Narvik liegt.
Am Morgen des 25. August brach ich zu jener Tour auf, die ich in Folge nur mit viel Glück einigermaßen wohlbehalten überstand und an die ich deshalb noch lange mit gemischten Gefühlen zurückdachte. Nach einer kühlen und regnerischen Wetterperiode hatte sich das Wetter an diesem Tag deutlich gebessert, was beim Start sehr zu meiner guten Stimmung beitrug. Auf dem geplanten Weg nach Abisko wollte ich als erste Tagesetappe über das Stubblidalen zur Hunddalshytta aufsteigen (diese Route war in die schwedische Fjällkarte als möglicher Weg eingezeichnet). Nachdem ich die letzten Häuser der Ortschaft bald hinter mir gelassen hatte, wanderte ich in das mit dichter Vegetation bewachsene Stubblidalen und stieg schließlich am hinteren Ende des Tales über steileres Gelände nach oben. Auf etwa 1000m Seehöhe gelangte ich unterhalb des Vomtinden zu einem Wegabschnitt glatter abschüssiger Granitplatten, der mit einigen Steinmännern markiert war. Da das Gestein wegen der vorangegangenen Niederschläge glitschig und nass war, trat ich den Weg nach vorne nur langsam und zögernd an, dachte noch daran, dass mich der von feinen Rissen durchzogene Granit an die Felsen des Yosemite-Valley erinnerte und dann in seiner Plötzlichkeit doch völlig unerwartet - flutsch! Nur für einen kurzen Moment unaufmerksam glitt ich auf dem nassen Gestein aus und begann unverzüglich Fahrt aufzunehmen. Im Bruchteil einer Sekunde registrierte ich zu meinem Entsetzen, dass die Granitplatten nach unten hin noch deutlich steiler wurden und in einem Gewirr von großen scharfkantigen Granitblöcke am Ufer des Basejávri endeten. Ich brachte noch ein kurzes Stoßgebet heraus, bevor ich nach etwa 20 Metern der rasenden Fahrt wie durch ein Wunder zum Stehen kam. Ich saß auf der geneigten nassen Granitplatte und wagte mich zunächst nicht zu rühren, da ich Angst hatte, dass ich gleich wieder ins Rutschen kommen würde. Zudem hatte ich mir den rechten Daumen gequetscht, der sich schnell dunkelviolett verfärbte und pochend zu schmerzen begann. Mir wurde schnell klar, dass ich keine fremde Hilfe erwarten konnte und ich mich nun selber aus dieser misslichen Lage befreien musste. Und so rappelte ich mich nach Weile trotz des Gewichts des wohlgefüllten Rucksackes entschlossen auf und begann mit einer gewissen Kaltblütigkeit über den mit Wasser überströmten Fels nach oben zu klettern. Bald gelangte ich wieder in leichter gangbares Gelände, kam schließlich zum Ufer des Basejávri und stieg anschließend auf den Sattel auf, hinter dem das Hunddalen beginnt. Bevor ich meinen Weg fortsetzte, ließ ich mich dort oben eine Weile nieder, um mich etwas von diesem Erlebnis zu erholen. Ich erinnere mich, dass es ungewöhnlich still war und das Wasser des Basejávri im fahlen Licht dieses Nachmittags inmitten der mit Schnee bedeckten Geröllwüste völlig unbewegt unter mir lag. Als ich die Hundalshytta erreichte, hatten sich alle Wolken verzogen, aber es gelang mir nicht, den schönen Abend zu genießen. In der darauffolgenden Nacht wollte ich wegen meinem schmerzenden Daumen keinen Schlaf finden. Trotzdem war mir bewusst, dass es das Schicksal an diesem Tag noch einmal gut mit mir gemeint hatte.
Am dritten Tag erreichte ich über das Čoalmmevággi den Kungsleden und traf dort eine Frau aus Südschweden, mit der ich mich eine Weile unterhielt. Sie berichtete mir auch über ihre Wintertouren in diesem Gebiet, die sie regelmäßig unternahm. Abschließend sagte sie sinngemäß zu mir, dass sie schon wüsste, dass ältere Frauen hier draußen nicht alleine im Winter unterwegs sein sollten. Aber sie könne nicht damit aufhören, weil sie dieses Land zu allen Jahreszeiten so sehr liebe. Später an diesem Tag erreichte ich die Rádunjárga, einen kleinen Rastschutz, in dem ich bei wechselhaftem Wetter eine geruhsame Nacht verbrachte.
Am folgenden Tag entschied ich mich in einer längeren Tagesetappe nach Abisko zu wandern, von wo ich zwei Tage später mit der Bahn die Heimreise antrat. Als ich schließlich in Wals eintraf, bekam ich bald Nachrichten von meinen finnischen Freunden, die wissen wollten, wie es mir auf meiner Wanderung ergangen war ...


- Beisfjorden bei einem neuerlichen Besuch im Sommer 2014 -

- Stubblidalen mit Vomtinden, Sommer 2014 - 

 

13. März 2018          oliver beihammer