Annehmen und Verantwortung

Die folgenden Zeilen entstanden aus der Auseinandersetzung mit dem vierten Kapitel in Deepak Chopras Buch Die sieben geistigen Gesetze des Erfolgs. Das vierte Kapitel trägt den Titel Das Gesetz des geringsten Aufwandes.

Die Existenzphilosophen, namentlich Karl Jaspers sahen die Fähigkeit zur Entscheidung als zentral für die menschliche Existenz an. Diese Einsicht brachte er zum Ausdruck, indem er menschliches Sein als "entscheidendes Sein" bezeichnete. Viktor Frankl hob diesen Gedanken von Jaspers als grundlegend für die Logotherapie und Existenzanalyse immer wieder hervor. Durch diesen anthropologischen Grundbestand haben wir es auch in der Hand, uns für bestimmte Geisteshaltungen zu entscheiden, an denen wir unser Leben ausrichten können. Eine dieser Haltungen lässt sich in den beiden Begriffen "Annehmen und Verantwortung" zusammenfassen. Es handelt sich hier um einen Akt der Entscheidung, den wir immer wieder vollziehen können. Der gedachte oder gesprochene Satz "Heute/in der nächsten Stunde/in der nächsten Minute werde ich die Dinge annehmen, die mir widerfahren." und die darin formulierte Absicht drücken diese Entscheidung aus. Menschen, die diese Entscheidung immer wieder vollziehen, leben in einer Haltung des Annehmens. Aber wie könnten wir diese Haltung noch genauer fassen?
Annehmen bedeutet, dass wir uns selbst, andere Menschen, Situationen, Ereignisse und Umstände im gegenwärtigen Augenblick so akzeptieren, wie wir oder sie sind. Annehmen und Akzeptanz hat etwas mit Vertrauen in das Leben und einer sich daraus ergebenden Gelassenheit und inneren Ruhe zu tun. David Steindl-Rast nennt dieses Vertrauen in das Leben "Glauben". Es geht darum, etwas zu bejahen, dass sich uns gegenwärtig anders darstellt, als wir es uns vielleicht gewünscht hätten. Schließlich bedeutet Annehmen auch, unser menschliches Sein an die Realität des uns widerfahrenden Lebens anzupassen und nicht davon auszugehen, dass sich das Leben stets an unsere Vorstellungen anpasst.
Dieses Annehmen und Akzeptieren gelingt leichter in dem Vertrauen bzw. "Glauben", dass hinter allen Dingen und Ereignissen ein uns noch verborgener tieferer Sinn steht. Frankl fasste diese Art von Sinn mit dem Begriff "Über-Sinn". In seinem Buch Ärztliche Seelsorge sprach er von einem Glauben, "einem ahnenden Hinauslangen" in eine für unser Verstehen nicht erfassbare "Über-Welt", die den Sinn des Ganzen erst konstituiert.
Die Dinge so anzunehmen, wie sie gegenwärtig sind, schließt aber nicht aus, dass wir uns wünschen können, dass sie in Zukunft einen anderen Verlauf nehmen. Es ist uns je nach Lebenssituation gegeben, die Zukunft auch nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Wenn wir uns jedoch dafür entscheiden, die Dinge, die uns jetzt widerfahren so annehmen, wie sie sind, erwächst daraus ein "innerer" Frieden. Eckhart Tolle beschreibt diesen Zusammenhang so: "Strebe nicht nach Frieden. Nimm das an, was ist und der Frieden wird zu dir kommen."

Es gibt keine notwendige kausale Verbindung zwischen bestimmten "äußeren" Ereignissen und unseren Gefühlen und daraus folgenden Handlungen. Als Menschen sind wir nicht zu einem bestimmten Verhalten determiniert, sondern wir können uns für den Umgang mit den Dingen, die uns widerfahren, entscheiden. Auch wenn wir uns z. B. durch andere Menschen enttäuscht oder verletzt fühlen, gibt es verschiedene Möglichkeiten mit diesen Gefühlen umzugehen und zu handeln. Daher ist es häufig verfehlt, die Verantwortung für unsere Gefühle und das, was wir tun auf unsere Mitmenschen abzuschieben. Wir können uns immer entscheiden, auf das, was uns von anderen Menschen oder von uns selbst her widerfährt, auf andere Art und Weise zu reagieren. Ein beeindruckendes Beispiel für den Umgang mit Emotionen ist das Leben des vietnamesischen Mönchs Thich Nhat Hanh, der die Praxis der Selbstdistanzierung ausübt und in seinen Vorträgen betont.
Verantwortung bedeutet in diesem Sinne, sich von den anstehenden Dingen des Lebens "ansprechen" zu lassen und um konstruktive Lösungen zu bemühen. Steindl-Rast formuliert die entscheidende Frage so: Welche Gelegenheit bietet diese Situation, um dem weiteren Verlauf der Dinge eine positive Wendung zu geben?

Ein besonderer Aspekt des Annehmens besteht darin, andere Menschen in ihrer Weltsicht, ihren Werten und Bedürfnissen zu bejahen und zu bestätigen. Es gibt eine Fülle von Möglichkeiten sich im Denken und Fühlen auf diese Welt zu beziehen. In dem Maß wie wir das Sein und den Weltbezug eines Menschen annehmen und wertschätzen können, werden wir wahrscheinlich das Bedürfnis verlieren, ihn von unserer Sicht der Dinge überzeugen zu wollen oder unseren Standpunkt verteidigen zu müssen. Die Figur des Sokrates, die uns in Platons Schriften als ein so offener, fragender und undogmatischer Geist entgegentritt, erinnert uns immer wieder an diese Haltung. Trotzdem versäumte es Sokrates nie, seinen Gesprächspartnern auf geschickte Weise aufzuzeigen, wenn ihre Meinungen letztendlich doch nicht haltbar waren. Ebendiesen Gedanken formulierte auch Martin Buber in seiner Schrift Zwiesprache, wenn er von der Möglichkeit spricht, zu einer Person im Gespräch Ja zu sagen, d.h. sie in ihrem Sosein anzunehmen und zu bestätigen und trotzdem schrittweise zu zeigen, was an den Überzeugungen dieser Person nicht stimmt.

Literatur

Buber, M. (1994) Das dialogische Prinzip. Ich und Du/ Zwiesprache/ Die Frage an den Einzelnen/ Elemente des Zwischenmenschlichen. Gerlingen.

Chopra, D. (2012) Die sieben geistigen Gesetze des Erfolgs. Berlin.

Frankl, V. E. (2011) Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. München.

Steindl-Rast, D. (2012) Credo. Ein Glaube, der uns alle verbindet. Freiburg im Breisgau.

Tolle, E. (2002) Leben im Jetzt. Lehren, Übungen und Meditationen aus »The Power of Now«. München.

 

18. September 2017          oliver beihammer