Auf dem Weg nach Karigasniemi - Ostern 2016


- Muotkatunturit -

Als Eeva Kaisa und ich am Morgen des 19. März in Ivalo ankamen, sahen wir zu unserer Freude, dass hier sowohl den Temperaturen als auch der Schneelage nach noch ein strenger Winter herrschte. Bei zumindest zehn Minusgraden in den Nächten und einem knappen Meter Schnee brauchten wir uns über schlechte Bedingungen auf unserer geplanten "Schitour" keine Sorgen zu machen. Nachdem sich in unseren Breiten rund um Salzburg die kalte Jahreszeit schon seit Jahren durch wiederkehrenden Schneemangel auszeichnet, waren wir dieses Mal vom Wunder des Winters in Lappland besonders angetan.
Von Ivalo wanderten wir mit Schiern und Schlitten zuerst durch den Hammastunturi, dann durch den Randbereich des Lemmenjoki-Nationalparks und schließlich über die Muotkatunturit nach Karigiasniemi. Wir waren 11 Tage unterwegs und mit zwei Rasttagen und zum Teil eher kurzen Tagesetappen verlief die Tour insgesamt eher entspannt und beschaulich. Den Hammastunturi und den Lemmenjoki-Nationalpark besuchten wir zum ersten Mal, während wir die Muotkatunturit von früheren Aufenthalten bereits kannten. Wir hatten daher die Gelegenheit, zwei unserer Lieblingshütten in Finnisch-Lappland, die Autiotupa am Kurtojoki und die Stuoraäytsi-Autiotupa erneut zu besuchen. In den vergangenen beiden Jahren hatten wir auf unseren Ostertouren jeweils einen längeren Abstecher nach Norwegen - zumeist zu den Samen im Ovre Anarjohka-Nationalpark - unternommen. Darauf verzichteten wir in diesem Jahr und blieben nur diesseits der Grenze in Finnland. Von Sulaoja kurz vor Karigasniemi hätten wir bei den guten Schneeverhältnissen unsere Tour gerne noch durch die Paistunturit nach Utsjoki fortgesetzt. Etwas schweren Herzens verzichteten wir darauf, weil die uns verbleibende Zeit für diese letzte Etappe zu knapp gewesen wäre.

Im Vergleich zu den letzten Jahre hatten wir dieses Mal viele Begegnungen mit anderen Menschen, die jedoch nicht alle positiv waren. Als wir am Abend des vierten Tages am Ufer des Paatari bei Menesjoensuu unser Zelt aufstellten, kam aus einer Hütte in der Nähe ein fluchender Same auf uns zu, der uns unter Androhung von Waffengewalt zu verstehen gab, dass wir so schnell wie möglich verschwinden sollten. Als wir daraufhin eilig unser Zelt auf den Schlitten schnallten und so schnell wie möglich weiterzogen, stürzte noch ein zweiter Mann daher, der auf sein Schneemobil sprang und in vollem Tempo hinter uns her raste. Bevor er mit seinen Kufen in meinen Schlitten krachte, drehte er im letzten Moment noch ab und zog noch einige Schlangenlinien über den gefrorenen See, bis er schließlich verschwand. Eeva Kaisa, die das ordinäre Geschrei der beiden Männer auf Finnisch besser verstand als ich, war von der ganzen Situation ziemlich verängstigt. Auf unseren Touren in Lappland hatten wir so etwas noch nie erlebt und konnten es uns letztlich nur durch den augenscheinlich alkoholisierten Zustand der Beiden erklären.
Am Tag darauf kehrten wir in der Kruununtupa ein, in der sich bereits vor unserer Ankunft einige französische und deutsche Austauschstudenten aus Tampere eingefunden hatte. Die Gruppe war mit einem Leihauto auf dem Weg zum norwegischen Eismeer und hatte die wenigen Kilometer von der Straße mit Schneeschuhen zurückgelegt. Die jungen Leute ließen sich nicht davon abhalten, den Holzofen der kleinen Behausung mit jeder Menge Birkenholz fast zum Glühen zu bringen, sodass wir uns alsbald für eine Nacht im Zelt an der kühleren Luft entschieden. Als ich nach der kalten Nacht am nächsten Morgen die Hüttentür öffnete, betrug der Temperaturunterschied nach draußen schätzungsweise 50° Celsius. Nach diesem Temperaturschock hätte ich gerne etwas frische Luft in die Hütte gelassen, wurde aber von einem der Schläfer unverzüglich aufgefordert, die Tür zu schließen, weil es "so kalt" sei.
Am Karfreitag gelangten wir zur Autiotupa am Kurtojoki, wo wir am darauffolgenden Tag Besuch erhielten. Jouni, ein Rentierzüchter aus Angeli kam in Begleitung eines Ehepaares aus Helsinki, das sich hier im Norden niederzulassen wollte. Jouni erzählte viel von seiner Arbeit mit den Rentieren, erwähnte aber schließlich, dass er sich seit einiger Zeit altersbedingt aus diesem Geschäft zurückgezogen hatte. Seine beiden Töchter hätten jedoch Männer geheiratet - stark wie die Affen - die diesen anstrengenden Beruf nun statt seiner ausübten. Eeva Kaisa gefiel Jounis bildhafte Sprache, während ich es bedauerte, dass mein Finnisch bei weitem nicht gut genug war, um seinen Erzählungen zur Gänze folgen zu können. Daraufhin meinte Jouni, dass er in jahrzehntelangem Kontakt zu den norwegischen Rentierzüchtern auch kein Wort Norwegisch gelernt hätte. Dass er mit den norwegischen Samen eine eigene Sprache - nämlich das Samische - sprach, verschwieg er in diesem Zusammenhang wohlwollend. Vor der Rückfahrt nach Angeli entzündete Jouni im Schnee vor der Hütte ein Feuer und alle stärkten sich mit auf Birkenzweigen gebratenen Würsten, die der Rauch schwarz gefärbt hatte.
Am Nachmittag des Ostersonntag gelangten wir auf dem Weg zu Stuoraäytsi-Autiotupa zum Samenlager Porttikaltio. In eine der leerstehenden Hütten hatten sich zwei Finnen aus Kuopio mit einem großen Jagdhund eingemietet. Wir erfuhren, dass sie hier die letzten Tage mit der Jagd nach Schneehühnern verbracht hatten. Die beiden Jäger luden uns in die Hütte ein und wir aßen, was von den heute erlegten Vögeln noch übrig war. Während Mikko nach dem Essen mit seinem Hund müde auf dem Bett lag, braute sein Gefährte mit einer halben Packung Kaffe und dem Ausspruch "I am not a coffeecooker but a coffeemaker" ein pechschwarzes Getränk, das wie flüssiger Teer aussah. Nachdem ich davon zögerlich eine halbe Tasse zu mir genommen hatte, spülte ich den kräftigen Nachgeschmack mit einem Glässchen Schnaps hinunter, während sich Eeva Kaisa mit diesem Nachtisch sehr zurückhielt. Schließlich boten uns die beiden Jäger an, bei ihnen in der Hütte zu übernachten. Wegen des Hundes, der in der beengten Hütte heftige Gerüche verbreitete, hätten wir es vorgezogen, die Nacht draußen im Zelt zu verbringen, konnten jedoch das gut gemeinte Angebot nicht abschlagen.
Nach einigen weiteren Schitagen erreichten wir am 30. März Karigasniemi an der norwegischen Grenze. Wir gingen in das einzige Restaurant im Ort und sahen bereits im Eingangsbereich eine Reihe von Spielautomaten, die gut besucht waren. Im hinteren Teil der Gaststätte saßen neben uns einige junge Norweger, die kurz zuvor auf ihren Schneemobilen mit einem Höllenlärm durch die Straßen gedonnert waren. Sie stärkten sich mit riesigen Hamburgern und jeder Menge Coca-Cola, bevor sie sich wieder auf ihre Gefährte schwangen und davonbrausten. Wir planten am folgenden Tag bereits mit dem ersten Bus nach Inari zu fahren und stellten deshalb unser Zelt hinter einer leerstehenden Holzhütte in der Nähe der Busstation auf. Gegenüber stand noch ein flaches Haus aus Backstein, das trostlos und verlassen aussah. Als wir gerade zu Abend gegessen hatten, fuhr ein Auto vor und eine Dame stieg aus, die offensichtlich das Haus bewohnte. Sehr entrüstet drohte sie uns, gleich die Polizei zu holen. Um weitere Komplikationen zu vermeiden, packten wir unverzüglich unsere Sachen. Die darauffolgende eisige Nacht verbrachten wir schließlich in unseren Schlafsäcken unter dem Vordach des aufgelassenen Kiosk an der Strasse. Dafür standen wir am nächsten Morgen pünktlich um sieben Uhr an der Straße, als der Bus nach Inari vorfuhr. Als wir in dem angenehm warmen Bus saßen, verspürten wir keinen Wehmut, Karigasniemi für dieses Mal zu verlassen.
In Inari verbrachten wir noch einige Tage bei unseren Freunden Sirkka und Antti, die wir in den letzten Jahren zu Ostern regelmäßig besucht hatten. Eine Tour über den Vuontis- und Muutusjärvi, die wir in diesen Tagen bei schönem Wetter unternahmen, dauerte beinahe 11 Stunden. Das war länger als wir vermutet hatten, aber die Größe finnischer Seen ist leicht zu unterschätzen.

Bei der Durchsicht der Fotos dieser Reise fiel mir auf, dass die Aufnahmen auch dieses Mal zum größten Teil die weite nordfinnische Landschaft und die dort befindlichen Behausungen zeigen. Natürlich gäbe es bei dieser Art des Unterwegs-seins viele Gelegenheiten den Blick mehr auf die Details zu richten, aber offenbar hat mich das bislang nicht sonderlich interessiert. Nachfolgend eine Auswahl der auf dieser Reise entstandenen Bilder.


- Menesjärvi mit Blick Richtung Lemmenjoki-Nationalpark -

- Matti-Mustan Autiotupa -

- In der Matti-Mustan Autiotupa -

- Paatari -

- Autiotupa am Kurtojoki -

- Njurgunoaivi, Muotkatunturit -

- Muotkatunturit mit Blick nach Norwegen -

- Stuoraäytsi-Autiotupa -

- Muutusjärvi -

- Am Ufer des Muutusjärvi -

- Am Treppenaufgang bei Freunden -

 

7. Jänner 2017          oliver beihammer