Augenblicke im Hier und Jetzt

„Es genügt, hier zu sein.“ Der amerikanische Autor und Arzt Deepak Chopra sagt, dass dieser kurze Satz einer seiner Lebensmaximen sei. Doch was bedeutet dieses Hier-Sein eigentlich?
Um sich der Antwort auf diese Frage anzunähern, ist es hilfreich, den Blick auf das mögliche Gegenteil dessen zu lenken, was gemeint sein könnte. Von John Lennon stammt der Ausspruch „Life is what happens to you while you're busy making other plans.“ Damit spricht er etwas an, das viele Menschen aus eigener Erfahrung kennen und das zunächst mit unserer Fähigkeit zu denken zu tun hat. Im Ablauf eines Tages gehen uns die meiste Zeit Gedanken und Überlegungen durch den Kopf, mit denen wir zu den vielfältigen Inhalten unseres Bewusstseins (sinnliche Wahrnehmungen, Vorstellungs- und Erinnerungsbilder, körperliche Empfindungen, Emotionen …) auf verschiedene Weise Stellung nehmen. Der Vorgang besitzt eine große innere Dynamik, sodass manchmal der Eindruck entsteht, dass nicht wir es sind, die denken, sondern dass das Denken etwas ist, das Macht über uns besitzt und sich auch ungewollt einstellt. Typischerweise beschäftigen wir uns häufig mit Inhalten, die entweder auf die vor uns liegende Zukunft oder auf die von uns erlebte Vergangenheit bezogen sind. Das Pläne-Machen von dem Lennon spricht, ist ein Teil der auf die Zukunft bezogenen Gedanken, mit der wir diese nach unseren Vorstellungen gestalten wollen. Das Vergangene hingegen lässt sich nicht mehr ändern und es hängt von unserer Einstellung ab, wie wir damit umgehen.
Gedankliche Inhalte spiegeln sich auf unterschiedliche Weise auf der emotionalen Ebene wider. Sieht es danach aus, dass sich die Zukunft nach unseren Wünschen entwickeln könnte, geht dies mit Gefühlen wie z.B. Vorfreude einher, die wir subjektiv als positiv erleben. Das Gegenteil ist der Fall, wenn wir uns an unangenehme Erlebnisse wie Enttäuschungen oder Kränkungen erinnern, die vielleicht Ärger oder Wut hervorrufen. Vorstellungen und Erinnerungen, die emotional "unterlegt" sind, geben oft dem damit verbundenen Denken eine besondere Energie.
Das Bezeichnende an dieser Form des Erlebens ist, dass ihnen häufig ein bestimmter Modus der Gegenüberstellung fehlt. Vorstellungsbilder, Gedanken und Gefühle nehmen uns derartig in Beschlag, dass die "innere" Distanzierung von diesen Bewusstseinsinhalten fehlt.

Die menschliche Fähigkeit, die das sich ereignende Leben, welches Lennon zitiert, wieder zum Vorschein bringt, ist die Fokussierung unseres Bewusstseins auf etwas, das sich im Moment ereignet. In vielen Fällen geht es hier um eine Willensentscheidung, die die Aufmerksamkeit einer bestimmten "äußeren" oder "inneren" Wahrnehmung zuwendet. So geschehen z.B. die vielen Atemzüge, die jeder von uns tagtäglich macht, zwar unweigerlich, aber Teil einer tiefergehenden bewussten Erfahrung werden sie nur dann, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf sie richten.
Bewusste Erfahrungen, die durch konzentrierte Aufmerksamkeit zustande kommen, haben mehrere bestimmte Merkmale. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass für eine bestimmte Zeitdauer - und sei sie auch noch so kurz - eine gedankliche Stellungnahme zum momentanen Erleben nicht existiert, denn in dem Moment, in dem gedankliche Reflexion einsetzt, ist das Erleben in seiner ganzen Unmittelbarkeit schon wieder vorbei. Zudem ist es wahrscheinlich diese Form des bewussten Erlebens, die uns mit größtmöglicher Klarheit und Eindeutigkeit den Charakter oder das "Wie" einer bestimmten Wahrnehmung vor Augen führt. Wenn ich z.B. die Augen schließe, einen einzigen Atemzug mache und währenddessen meine ungeteilte Aufmerksamkeit auf diesen Vorgang gerichtet ist, habe ich in aller Tiefe erfahren, wie es sich für menschliche Wesen aus der Innenperspektive anfühlt, wenn sie atmen. Solche Erfahrungen sind außerdem dadurch charakterisiert, dass unser ganzes Sein im Jetzt, im gegenwärtigen Augenblick angekommen ist. Unsere Aufmerksamkeit ist zur Gänze bei etwas, das sich unserem Bewusstsein im Jetzt darbietet. Das ist das Hier-Sein, das in dem Zitat von Chopra erwähnt wurde. Es scheint viele Erlebnisse solcher Präsenz zu geben, in denen wir, die wir die Erfahrung machen, in gewisser Weise mit dem Inhalt dieser Erfahrung verschmelzen. In diesen Augenblicken ist nur mehr dieses andere in seiner ganz bestimmten Eigenart (in seinem "Wie") existent. Andererseits tritt aber immer wieder das erlebende Subjekt - der "Jemand", der diese Erfahrung macht - in unser Bewusstsein. Als menschliche Wesen haben wir die komplexe Fähigkeit, uns während bestimmter Erfahrungen sozusagen zu ertappen und diese Erkenntnis auch sprachlich zu formulieren. Dadurch wird wieder klar, dass ich jemand bin, der vom Inhalt meiner Erfahrungen ganz und gar verschieden ist.
Wir können aber nicht nur auf den Atem, sondern auf alles, was wir in der "inneren" oder "äußeren" Wirklichkeit wahrzunehmen vermögen, unsere Aufmerksamkeit richten. Sinnliche Wahrnehmungen, körperliche Empfindungen, Emotionen und sogar das Denken selbst können auf diese Weise zum Gegenstand der Betrachtung werden. Das Denken neigt dazu, dass es aufhört, sobald wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten. Derjenige, der sich selber beim Denken ertappt, befindet sich wieder im Hier und Jetzt. Das ist das Wesen der Meditation.

Literatur

Chopra, D. (2010) Die sieben Schlüssel zum Glück. München.

 

27. Februar 2016          oliver beihammer