Im Zeichen des Regenbogens - Sommer 2018

An einem verregneten Nachmittag Ende August fuhr ich mit dem Auto von der Ortschaft Varmahlið durch das Neðribyggð landeinwärts und bog später an einer Seitenstraße ab, die ins Mælifellsdalur und dann weiter ins isländische Hochland führt. Im Mælifellsdalur beginnt der Weg auf den Mælifellshnjúkur, eines weithin sichtbaren Berges in diesem Teil Islands. Die freundliche Dame in der Touristeninformation in Varmahlið hatte mir mitgeteilt, dass sich am nächsten Tag das Wetter vorübergehend bessern sollte und ich gedachte die Regenpause für eine Bergwanderung auf den Mælifellshnjúkur zu nutzen. Nach einer kurzen Fahrt auf der Schotterstraße und einer weiteren Abzweigung kam ich an eine einspurige Brücke, die über einen tosenden Wildbach führte. Ich hielt an, denn mitten auf der Brücke befand sich eine Absperrung und davor eine Tafel, die darauf hinwies, dass das weitere Befahren der Straße nur mit einem Geländefahrzeug erlaubt sei. Ich hatte gehofft, bis ins Mælifellsdalur fahren und dort zelten zu können, aber da ich das Warnschild nicht ignorieren wollte, schwand diese Hoffnung nun augenblicklich dahin. Ein Blick auf die Karte sagte mir, dass der Beginn des Weges auf den Mælifellshnjúkur von hier noch etwa acht Kilometer entfernt war und so stand ich unschlüssig auf der Brücke, blickte auf den reißenden Bach hinunter und überlegte, was nun zu tun sei. Nach einer Weile stieg ich wieder ins Auto und fuhr die Straße hinunter, die ich gekommen war - mit der Absicht unten im Tal einen Übernachtungsplatz zu finden und morgen die Tour von hier zu beginnen.
Ich fuhr die wenig befahrenen Straße im Tal noch einige Kilometer landeinwärts und hielt Ausschau nach einem möglichen Zeltplatz. Da ich nichts fand, was irgendwie einladend auf mich gewirkt hätte, wendete ich schließlich das Auto in einer kleinen Seitenstraße. Gerade als ich wieder Fahrt aufnahm, fiel mir am rechten Straßenrand eine Frau mit einem kleinen Rucksack auf, die dort entlang ging. Im Vorbeifahren registrierte ich noch, dass sie mit beiden Händen eine flache Kiste aus Karton trug, in der zwei Blumentöpfe mit blütenlosen Pflanzen standen. Ich sah sie noch einen Augenblick im Rückspiegel und mir kam der Gedanke an eine Isländerin, die vielleicht von der Nachbarin neue Topfpflanzen bekommen hatte und diese nun nach Hause trug ...
Einigen hundert Meter weiter sah ich rechts oberhalb der Straße ein großes Gebäude, an dessen Seite verschiedenfarbige Kajaks gestapelt waren. Da ich selber oft mit einem Kajak unterwegs bin, folgte ich der Intuition, dass hier vielleicht ein Übernachtungsplatz zu finden sein könnte und fuhr die Zufahrtsstraße hinauf. Ich hielt auf dem großen Vorplatz und sah an dem Schild an der Wand, dass hier ein Rafting-Unternehmen untergebracht war. Da ich niemanden sah, warf ich zuerst einen Blick auf die Seite des Hauses und ging anschließend um das Gebäude herum. Auf Rückseite des Hauses bemerkte ich eine gemähte Wiese, die sich gut als Zeltplatz geeignet hätte. Aber alles wirkte still und verlassen und es schien, dass niemand hier war, den ich hätte fragen können. Als ich etwas in Gedanken versunken wieder zum Vorplatz zurückkehrte, sah ich dort am anderen Ende des Platzes die Frau mit der Blumenkiste stehen, die mir vorhin unten an der Straße aufgefallen war. Ich nahm sie jetzt genauer als vorhin wahr und sah, dass sie rötliches schulterlanges Haar hatte und einen dicken grauen Mantel trug, der ihr bis zu den Knien reichte. Sie war vielleicht 35 Jahre alt. 
"Hello", sagte ich und ging einige Schritte auf sie zu. "Do you live at this place here?"
Sie schien mich nicht verstanden zu haben, denn sie sah mich etwas fragend an und antwortete: "I speak English."
"I speak English too. I'm looking for a place to camp here. There are good places behind the house."
"We can go in and ask", meinte sie und deutete auf eine etwas versteckt liegende Tür, die mir bislang nicht als Eingangstür aufgefallen war.
Wir traten in das Gebäude und kamen in einen großen Raum, auf dessen gegenüberliegender Seite ein junges Mädchen hinter einem klobigen Ladentisch stand. Ich wunderte mich in diesem Moment etwas über meine Begleiterin, denn sie schien ebenfalls die Absicht zu haben, hier zu übernachten. Aber ein Blick auf ihren kleinen Rucksack sagte mir, dass sie wahrscheinlich weder ein Zelt noch einen Schlafsack bei sich hatte. Ich erklärte dem Mädchen hinter dem Ladentisch kurz unser Anliegen. Sie meinte, es dürfe eigentlich kein Problem sein, dass wir hier zelten, aber sicherheitshalber würde sie noch kurz den Chef des Unternehmens fragen. Als sie in einer Seitentür verschwunden war, wandte ich mich der Frau zu, die bislang wortlos neben mir gestanden hatte. Ich erkundigte mich, woher sie denn komme und sie teilte mir mit, dass sie ursprünglich aus Nordkalifornien stamme. In diesem Moment fiel mir auf, dass über ihrem rechten Ellbogen ein Paar Kletterschuhe hing, das an den Schuhbändern miteinander verknüpft war. Ich deutete auf die Kletterschuhe und erzählte ihr, dass ich vor 30 Jahren in Kalifornien gewesen und damals dort viel geklettert war. Ich hatte erwartet, dass sie vielleicht darüber etwas mehr wissen wollte, aber sie nickte nur still und so behielt ich meine Erinnerungen für mich. In diesem Augenblick trat das Mädchen vom Rafting-Unternehmen wieder durch die Tür. In etwas bedauerlichem Ton teilte sie uns mit, der Chef habe abgelehnt, dass wir hier übernachten. Die Wiese hinter dem Haus sei zwar zum Zelten gedacht, aber das sei Leuten vorbehalten, die hier eine Rafting-Tour gebucht hätten. Diese Information war etwas enttäuschend, aber wir nahmen die Dinge, wie sie waren und verabschiedeten uns.
Wir traten ins Freie. Vom Vorplatz blickte ich hinüber auf die gemähten Felder auf der anderen Seite des Tales und die kahlen Hügel, die sich dahinter erhoben. Hinter den Hügeln war nun deutlich der Mælifellshnjúkur zu sehen, um den sich die dichten Wolken inzwischen etwas aufgelockert hatten.
Ich deutete auf den Berg und sagte zu meiner Begleiterin: "I would like to hike up this mountain tomorrow. The weather will be probably better than today."
"Can you go up there?" fragte sie in lebendigerem Tonfall als bisher.
"Yes, there's a trail going up from Mælifellsdalur. Just behind those hills you can see over there."
Sie nickte und meinte: "The landscapes here remind me in some ways to Northern California."
"And what will you do now?" fragte ich sie, nachdem ich von meinen Plänen erzählt hatte.
"I will walk to the next City."
"Okay ..." erwiderte ich etwas unschlüssig und machte schließlich ein paar Schritte in Richtung des Autos. Auf halbem Weg dorthin drehte ich mich nach ihr um, aber sie war mir nicht gefolgt. Sie stand immer noch vor der Eingangstür, die Blumenkiste in den Händen.
Plötzlich hatte ich das Gefühl ihr helfen zu wollen und sagte: "I can give you a ride. I will go towards Varmahlið for some kilometers before I turn off the road."
Sie kam auf mich zu und ich nahm ihren kleinen Rucksack und stellte ihn zwischen die Vordersitze des Autos. Wir stiegen ein und während der kurzen gemeinsamen Fahrt erzählte sie mir, dass sie bereits ein Monat hier in Island gewesen sei und in dieser Zeit versucht habe, etwas Isländisch zu lernen. Meine Frage, ob sie denn in Island bleiben wolle, bejahte sie, fügte aber gleich hinzu, dass sie jetzt bald eine Arbeit finden müsse. Während sie von ihren Plänen berichtete, fiel mir auf, dass sie ein schönes Englisch sprach, in klaren und regelmäßigen Sätzen und insgesamt sehr ruhig und gefasst wirkte. Schließlich erkundigte sie sich, wie lange ich noch in Island bleiben wolle. Ich antwortete, dass ich in etwa zehn Tagen von Seydisfjörður mit dem Fährschiff nach Dänemark fahren wolle und von da mit dem Auto weiter nach Hause. Auch dieses Mal fragte sie mich nicht, wo dieses Zuhause sei und so schwieg auch ich.
Schließlich kamen wir an die Abzweigung, die ins Mælifellsdalur führt und ich hielt an. Ich nahm ihren Rucksack aus dem Auto und gab ihn ihr in die Hand.
Obwohl ich wusste, dass ich darauf schon eine Antwort bekommen hatte, fragte ich sie noch einmal: "And you will go to the next City now? It's more than ten kilometers away from here."
"Yes", sagte sie in bestimmtem Tonfall. "It's not very far. Just a few miles. That's just me."
"Okay ..." erwiderte ich. "I understand. I like to walk too."
Wir gaben uns zum Abschied nicht die Hand, sahen uns nur einen langen Augenblick an. Irgendetwas ließ mich noch kurz zögern, aber schließlich sagte ich: "I wish you that your plans work out. And all the best for you."
Sie nickte, sagte aber nichts mehr. Ich stieg ins Auto, startete den Motor und schaute noch einmal durch die hintere Seitenscheibe. Ich sah, wie sie sich im Gehen noch einmal umgewandt hatte und winkte ihr zu. Sie winkte ebenfalls. Dann fuhr ich los.
Während ich die Straße hinauf fuhr, klang die Stimmung dieser Begegnung noch in mir nach.
Die Suche nach einem neuen Leben ...
Mit leichtem Gepäck ...
Einem kleinen Rucksack, einem Paar Kletterschuhe und einer Blumenkiste ...
Etwas verschämt dachte ich daran, mit wie vielen Dingen wir uns oft umgeben. Aber in einer anderer Sphäre meines Bewusstseins spürte ich einen Anflug von Freiheit und Leichtigkeit. Ich fühlte, dass diese Freiheit und Leichtigkeit aus einem großen Schatz erwachsen - aus dem Vertrauen in dieses Leben oder den Glauben daran, dass es etwas gibt, worin wir zuletzt gut geborgen und aufgehoben sind.

Ich hielt bei einem Hof inmitten ausgedehnter Felder, auf denen einige Pferde grasten. Im Garten vor dem Haus arbeitete eine ältere Frau, die ich erneut nach einem Zeltplatz in der Umgebung fragte. Es stellte sich jedoch heraus, dass sie kein Englisch sprach und trotz meiner Bemühungen gelang es mir nicht, ihr mein Anliegen verständlich zu machen. So entschied ich mich, die kurze Strecke weiter zur Brücke zu fahren, bei der ich vor einer Stunde umgekehrt war. Dort stellte ich das Auto auf einem Grasfleck zwischen der Straße und einem angrenzenden Weidezaun ab. Ich ging bis zur Absperrung auf der Brücke, stützte mich auf das Geländer und blickte wieder hinunter in den tosenden Bach. Schließlich bemerkte ich, dass sich vor dem Auto neben dem Weidezaun ein kleiner ebener Grasfleck befand. Nach einer Weile stellte ich dort das Zelt auf und holte vom Bach einige Flaschen frisches Trinkwasser. Es regnete nicht und ich saß am Abend in der kühlen Luft eine Weile vor dem Zelt. In dem Bewusstsein, dass es mir in diesem Augenblick an nichts mangelte, überkam mich ein Gefühl tiefer Zufriedenheit. Zugleich wunderte ich mich, dass ich am Nachmittag diesen Ort wieder verlassen hatte, um einen anderen Zeltplatz zu suchen ...
Bei Einbruch der Dunkelheit begann es zu regnen. Schwere Tropfen schlugen die ganze Nacht hindurch aufs Zelt. Als ich in der Morgendämmerung einen Blick ins Freie tat, regnete es immer noch und die Welt schien hinter trüben grauen Wolkenschleiern verschwunden. Alle Gedanken daran, heute den Mælifellshnjúkur zu besteigen, schwanden aus meinem Kopf und ich döste den Morgen hindurch im Schlafsack dahin. Plötzlich drang es in mein Bewusstsein, dass es im Zelt ungewöhnlich hell war und ich bemerkte, dass der Regen aufgehört hatte. Ich schälte mich aus dem wärmenden Schlafsack und ging ins Freie. Die dichten Nebel hatten sich inzwischen etwas verzogen und der Mælifellshnjúkur, der über Nacht schneeweiß geworden war, hob sich deutlich vom blassgrauen Himmel ab. In der Hoffnung, dass das nun etwas bessere Wetter zumindest vorübergehend anhalten würde, beschloss ich, den Aufstieg zu wagen. Und so wanderte ich nach einem kurzen Frühstück zügigen Schrittes dem weiter oben liegenden Mælifellsdalur entgegen. Nach einigen Kilometern entschied ich mich, die Straße zu verlassen. Ich ging an einem Weidezaun entlang und nachdem ich die nach oben steiler werdenden Wiesen hinter mir gelassen hatte, kam ich auf mit Steinen übersäte Hänge, die nur spärlich mit Gras und weichen Moosen bewachsen waren. Dazwischen lag in dünnen Krusten der Schnee, der über Nacht gefallen war.
Ich warf einen Blick zurück.
Über den kargen Hängen des Berges lagen tief die grauen Wolken und in dem Spalt dazwischen konnte ich bis hinunter ins Mælifellsdalur sehen. Ein Lichtstrahl brach durch die Wolken. Ein Teil des Tales wurde nun von der Sonne beschienen und der Bach am Grund glitzerte wie eine silbrige Ader im hellen Licht. Plötzlich spannte sich das Segment eines schmalen, zunächst kaum sichtbaren Regenbogens in den Spalt zwischen Himmel und Erde. Ich stand da und betrachtete dieses Schauspiel der Natur, das sich nun so unerwartet am Himmel zeigte. Mir kam die biblische Geschichte von Noah in den Sinn, in der nach der Sintflut ebenfalls ein Regenbogen am Himmel erschienen war. Ich glaubte mich vage daran zu erinnern, dass in dieser Geschichte der Regenbogen als Zeichen für eine immerwährende Verheißung Gottes an die Menschen steht ...
Auf dem weiteren Weg nach oben lichteten sich die dichten Wolken zusehends. Schließlich war der schneebedeckte obere Teil des Berges vor einem bleichen Himmel zu erkennen, hinter dem irgendwo die Sonne zu erahnen war. Durch den lockeren Schnee stapfte ich die letzten Meter zum Gipfel. Als ich oben war, pfiff ein eisiger Wind über den Gipfel des Mælifellshnjúkur, der jedoch die allgegenwärtigen Wolken so weit vertrieb, dass ich auf der einen Seite in das grüne Tal, aus dem ich gekommen war und auf der anderen Seite bis ins isländische Hochland sehen konnte. Beglückt über diese Ausblicke, blieb ich trotz der Kälte eine halbe Stunde. Nachdem ich noch einmal in alle Richtungen geschaut hatte, verließ ich schließlich den unwirtlichen Ort und begann den Abstieg auf dem markierten Weg. Auf dem Weg nach unten wurde es bald deutlich wärmer und der Wind ließ nach. Als ich die Straße im Mælifellsdalur  erreichte, fand ich dort einen Tisch mit einer Bank vor, auf der ich mich eine Weile niederließ.
Auf dem weiteren Weg nach unten näherte sich hinter mir ein gelber Lastwagen, der auf der mit Schlaglöchern übersäten Straße langsam ins Tal fuhr. Das Gefährt blieb neben mir stehen und der Fahrer gab mir mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass ich neben ihm im Führerhaus Platz nehmen könnte. Ich lehnte das Angebot jedoch dankend ab. Bereits zuvor hatte ich deutlich gespürt, dass ich diese Tour zu Fuß beenden wollte. Der Fahrer sah mich etwas verständnislos an, setzte dann aber unmittelbar darauf seine Fahrt fort. Bevor ich schließlich die Brücke und das Zelt erreichte, blickte ich noch mehrmals auf den Mælifellshnjúkur zurück, dessen Gipfel inzwischen wieder von Wolken verhüllt war.
Am frühen Abend verließ ich meinen Lagerplatz und fuhr nach Hólar im Hjaltadalur, dem alten Bischofssitz im Norden Islands. Kurz bevor ich Hólar erreichte, begann es aus dunklen Wolken wieder heftig zu regnen. Ich ließ die Häuser von Hólar hinter mir und fuhr auf der nicht asphaltierten Straße noch langsam bis ans hintere Ende des Tales. Als ich bei einbrechender Dunkelheit einige hundert Meter unterhalb des Gehöftes von Reykir das Zelt aufstellte, gönnte mir der Regen eine Pause. Ich kannte den Platz an dem Bach mit dem warmen Wasser, weil wir bereits vor zwei Jahren hier gewesen waren. Damals waren viele Pferde hier gewesen, aber jetzt waren es vor allem neugierige Schafe. 
Am folgenden Tag unternahm ich eine lange Bergwanderung in den rauen Bergen bei Reykir. Die Wolken verzogen sich im Laufe des Vormittags und später strahlte die Sonne mit unverminderter Kraft vom tiefblauen Himmel und wärmte mir den Rücken.


- Die Brücke auf dem Weg ins Mælifellsdalur -

- Der Gipfel des Mælifellshnjúkur -

- Aussicht vom Gipfel des Mælifellshnjúkur -

- Ausblick zum isländischen Hochland -

- Das Mælifellsdalur -

 

27. Oktober 2018          oliver beihammer


 

 

 

Johannes vom Kreuz: Am Abend des Lebens

Am Abend unseres Lebens werden wir nach der Liebe gerichtet werden.

Johannes vom Kreuz (1542 - 1591)

Am Abend unseres Lebens wird es die Liebe sein, nach der wir beurteilt werden, die Liebe, die wir allmählich in uns haben wachsen und sich entfalten lassen, in Barmherzigkeit für jeden Menschen.

Frère Roger (1915 - 2005)

Es gibt viele Dinge, die uns als Menschen erstrebenswert erscheinen und wir verwenden viel Zeit und Energie darauf sie zu erlangen. Wenn wir jedoch den Worten von Johannes vom Kreuz und Frère Roger glauben dürfen und unsere begrenzte Existenz vom Ende her denken, dann wird für das gelingende Leben vor allem die Liebe zählen, die wir in diese Welt hinein getragen haben.
Überaus bemerkenswert ist die Einsicht von Frère Roger, dass die Liebe etwas ist, dass allmählich in uns wächst und sich entfaltet, wenn wir uns dafür entscheiden. 

 

14. Oktober 2018          oliver beihammer


 

 

 

 

Die einsamen Berge im Norden Islands - Sommer 2016


- Grjótárdalur auf Tröllaskagi -

Als wir im August dieses Jahres mit dem Fährschiff Norröna auf die Ostküste Islands zusteuerten, hatten wir noch wenig Vorstellung davon, was uns in Island erwarten würde. Ich war - auf dem Weg nach Ostgrönland - drei Mal zuvor in Island gewesen, hatte aber bei diesen Gelegenheiten nur die Hauptstadt Reykjavik und deren nähere Umgebung kennengelernt.

Der erste Tag in Island. Donnerstag, 11. August. Bald nach dem Erwachen begab ich mich aus der Koje in der Tiefe des Schiffsbauches auf das am höchsten gelegene Deck über dem Bug der Norröna. Zu dieser frühen Morgenstunde war es auf dem Schiff ruhig und still, obwohl viele Fahrgästen an Bord waren. Der andauernde starke Wind der letzten Tage hatte sich über Nacht gelegt und trotz der vielen Wolken war der Horizont deutlich sichtbar. Begleitet vom tiefen Brummen des Schiffmotors schob sich das Schiff im sanften Auf und Ab der anrollenden Wellen durch das bleigraue Meer. Nach einer Weile konnte ich im Westen schemenhaft die Küste Islands am Horizont erkennen.
Einige Stunden später erreichte die Norröna die Mündung des Seyðisfjörður, den schmalen Fjord an der Ostküste Islands, an dessen Ende die gleichnamige Ortschaft liegt. Zu beiden Seiten des Fjords ragten mit sattem Grün bewachsene Berge aus dem Wasser, über die immer wieder rauschende Bäche herunterströmten. Je weiter wir in den Fjord hineinfuhren, umso öfter waren unter den Berghängen kleinere Ansammlungen von Häusern zu sehen. Als schließlich Seyðisfjörður in Sicht kam, war ich etwas überrascht, wie klein die Ortschaft war, auf die das große Schiff zusteuerte. Nachdem die Norröna an der Hafenmauer  angelegt hatte, rollten wir nach einer halben Stunde Wartezeit in einer Reihe mit vielen anderen Fahrzeugen vom Schiff. Das Wetter war so, wie ich es zuvor auf Island schon öfter erlebt hatte: Dunkle, graue Wolken hingen tief an den Berghängen und die nassen Sraßen mit den vielen Pfützen erinnerten daran, dass es hier vor kurzem noch geregnet hatte. Als wir wenig später durch die Ortschaft fuhren, prasselte der Regen erneut auf die Straßen von Seyðisfjörður nieder. Wir besuchten die Kirche und gingen damit einer alten Gewohnheit nach, in einer unbekannten Ortschaft zuerst immer die Kirche aufzusuchen.


- Seyðisfjörður -

Bald darauf verließen wir Seyðisfjörður in der Hoffnung, dass andernorts das Wetter besser sein würde. Wir fuhren über die kurvenreiche Straße auf den Pass in Richtung Egilsstaðir an der Ringstraße. Die Passhöhe lag in dichtem Nebel. Erst weiter unten lichteten sich die Wolken und Egilsstaðir mit dem langezogenen See Lagarfljót kam in Sicht. Von der Ortschaft fuhren wir auf der Ringstraße weiter nach Westen und hielten das nächste Mal an einem Parkplatz unter einem mächtigen Wasserfall. Der Karte entnahmen wir, dass es der Fluss Ysta Rjúkandi war, der hier ins Tal herunterstürzte. Wir waren nicht die einzigen, die in einer Regenpause den schmalen Pfad hinaufstiegen und die tosenden Wassermassen bestaunten, die sich über mehrere Kaskaden ihren Weg nach unten bahnten.
Auf der weiteren Fahrt ging es auf die Hochebene der Jökuldalsheiði hinauf. Das weite Land wirkte wie eine karge Mondlandschaft, eine spärlich bewachsene Ebene mit Berge aus dunklem Lavagestein, die mich an hingeschüttete Kohlehaufen erinnerten. Der öde und unwirtliche Eindruck wurde durch die tief hängenden Wolken und den schneidend kalten Wind noch verstärkt. An den Halteplätzen stiegen wir manchmal aus, waren aber für die Witterung noch ungenügend gekleidet und flüchteten deshalb bald wieder in unser Auto. Auf der weiteren Fahrt nach Westen wunderte ich mich, wie stark befahren die Ringstraße war - ganz abgesehen von manchen waghalsigen Überholmanövern vorbeirauschender Lastkraftwagen. Irgendwann dämmerte mir jedoch, dass in den vielen Autos mit isländischen Kennzeichen nicht nur Isländern hinter dem Steuer saßen, sondern dass es sich oft um Touristen handelte, die mit Leihautos unterwegs waren.
Am späten Nachmittag näherten wir uns unserem Tagesziel - dem Mývatn. Nach der Fahrt über die karge Hochfläche hielten wir an und blickten vom Námafjall hinunter auf den von Lavagestein umgebenen, verzweigten See. Da im Gebiet um den Mývatn freies Campieren und Zelten nicht erlaubt ist, fanden wir uns schließlich am Campingplatz der Ortschaft Reykjahlið im Nordosten des Sees ein. Hier erlebten wir das erste Mal die distanzierte Haltung der Einheimischen, die dann entsteht, wenn sich an einem Ort viele Menschen drängen, die es alle unterzubringen gilt. Einer der Betreiber des Platzes ging an unserem Auto vorbei und als er den Kajak auf dem Dach sah, wies er mich darauf hin, dass das Befahren des Sees mit einem eigenen Boot verboten sei. Ich könnte aber ein Boot mieten, dann wäre es erlaubt, meinte er kurz. Nach diesem Erlebnis wussten wir, dass wir den Mývatn bald verlassen würden. Zweifelsohne ist die Gegend um den See in geologischer und naturkundlicher Hinsicht etwas Besonderes, aber auch später hatte ich nicht mehr das Bedürfnis dort länger als für eine Pause auf der Durchfahrt zu halten. Inzwischen habe ich allerdings sehr freundliche Isländer getroffen, die mir glaubwürdig versicherten, dass am Mývatn ihre Lieblingsplätze in Island zu finden seien ...

Erster Besuch am Goðafoss. Ein imposanter Wasserfall in Nordisland, bei dem der Fluss Skjálfandafljót über eine bogenförmige Felsstufe in die Tiefe stürzt, trägt diesen Namen. Er befindet sich an der Ringstraße zwischen dem Mývatn und Akureyri und ist deshalb für isländische Verhältnisse leicht erreichbar. Eine Sage berichtet, dass um das Jahr 1000 n. Chr. Þorgeir, der Gode von Ljósavatn, beschloß, dass das ganze Land das Christentum als neuen Glauben annehmen sollte. Nach dieser Entscheidung schleuderte er seine alten Götterbilder den rauschenden Wasserfall hinunter, woraufhin dieser den Namen "Goðafoss" ("Götter-Wasserfall") erhielt. Der Goðafoss ist eine der wenigen Sehenswürdigkeiten an der Ringstraße, die wir besucht haben.
Als wir am zweiten Tag vom Mývatn nach Westen fuhren und das Schild neben der Straße passierten, welches das Naturschauspiel ankündigt, kam von der Anhöhe bald ein großer Parkplatz mit zahlreichen Autos in Sicht. Wir hielten in der Nähe des Flusses vor einem größeren Gebäude (ein Restaurant mit Souvenirladen) und konnten etwas flussaufwärts eine Aussichtskanzel über den tosenden Wassermassen erkennen. Da sich dort viele Menschen tummelten, hatten wir nach den Erlebnissen am Mývatn keine Lust uns dorthin zu begeben. Wir beschlossen, den Ort bei der Rückreise im September zu besuchen, in dem Glauben, dass es hier später im Jahr vielleicht etwas ruhiger wäre. Nach diesem Erlebnis am nunmehr zweiten Tag unseres Aufenthaltes in Island wurde uns klar, dass wir uns auf die Suche nach einem anderen Island machen mussten - einem Island fernab der Touristenströme an der Ringstraße.

Die Berge rund um den Eyjafjörður. Dieses stille und weitgehend unberührte Island fanden wir schließlich in den rauen Gebirgslandschaften der Halbinseln Fjörðum und Tröllaskagi zu beiden Seiten des Eyjafjörður. Abgesehen von einer einzigen Ausfahrt mit dem Kajak auf dem an diesem Tag fast spiegelglatten Fjord, wanderten wir durch stille Hochtäler, überquerten rauschende Bäche, stiegen über grobes Geröll und hartes Gletschereis auf entlegene Gipfel und staunten über die grandiosen Ausblicke, die sich uns von dort boten.


- Paddeln am Eyjafjörður mit Blick auf den Kaldbakur -

Es begann damit, dass wir nach Erreichen des Eyjafjörður die Ringstraße verließen und nordwärts in die kleine Ortschaft Grenivík fuhren. In dem ruhigen Ort mit den freundlichen Menschen fühlten wir uns wohl und wir kehrten später noch öfter dorthin zurück. In der Umgebung von Grenivík unternahmen wir einige Bergtouren, die sich wegen ihrer Einsamkeit und den großartigen Ausblicken auf den Eyjafjörður und die umliegenden Berge tief in mein Gedächtnis eingeprägt haben. Wir hätten gerne noch die Leirdalsheiði und die Flateyjardalsheiði in Fjörðum besucht, mussten aber darauf verzichten, weil das Befahren der holprigen Straßen in diesen Tälern nur mit einem Jeep gestattet ist.


- Ausblick vom Útburðarskálarhnjúkur auf die Berge von Fjörðum -

Im Anschluss daran erkundeten wir einige Täler und Berge auf der Halbinsel Tröllaskagi. Da es in diesem Sommer das Wetter überwiegend gut mit uns meinte, gelangen uns dort mehrere Touren, von denen einige die Höhepunkte der gesamten Reise darstellten. Immer wieder staunten wir, wie wenig begangen und rau diese Berge waren. Markierte Wege fanden wir nur verhältnismäßig wenige vor und wenn, dann fiel die Markierung eher spärlich aus. Auf der Mehrzahl der Gipfel, die wir erstiegen, mussten wir uns den Weg selber suchen. Wenn wir es durch die Vegetation in tieferen Lagen und weiter oben über unwegsames Geröll und Schnee bis auf die Gipfel schafften, fanden wir oft Steinmänner vor, die davon zeugten, dass die Berge doch gelegentlich bestiegen werden. Auf einigen Gipfeln deuteten jedoch kaum irgendwelche Spuren auf frühere Besteigungen hin.


- Aufstieg auf den Lambárdalsöxl, Glerárdalur - 

Wir hatten vor der Abreise nach Island daran gedacht, dass wir zuerst die Gegend um den Eyjafjörður besuchen und dann weiter zu den Vestfirðir (Westfjorden) reisen wollten. Das hing damit zusammen, dass ich im Sommer 1998 eine Familie in Reykjavik kennengelernt hatte, die mir schon damals die Vestfirðir als lohnendes Reiseziel empfohlen hatten. Aber dazu kam es auch in diesem Sommer 2016 nicht. Die Gebirge um den Eyjafjörður boten so viele interessante Ziele, dass nach einer Weile von einer Weiterfahrt in einen anderen Teil Islands keine Rede mehr war.

Zweiter Besuch am Goðafoss. Am 5. September fuhren wir nach Wochen in den einsamen Bergen nach Seyðisfjörður zurück. Als wir bei sonnigem Wetter wieder am Goðafoss hielten, wurde uns schnell klar, dass die Zahl der schaulustigen Touristen kaum geringer war als beim ersten Besuch. Trotzdem wanderten wir dieses Mal die kurze Wegstrecke zur Aussichtskanzel, die einen schönen Blick auf den Wasserfall bietet. Vor, hinter und seitlich von uns klickten unzählige Kameras, wodurch ich die Lust zum Fotografieren etwas verlor. Zudem wurde ich durch das Verhalten von einigen anwesenden Leuten ohnehin bald von der Natur abgelenkt. Ich sah junge Männer, die über das Stahlgeländer der Aussichtskanzel kletterten und sich auf die über dem Fluss liegenden Felsvorsprünge begaben. Dort nahmen sie Siegerposen ein und ließen sich so von ihren Gefährten fotografieren. Aber auch Damen wagten es, über das Geländer zu steigen, um etwas später in graziöser Haltung nahe vor der Kulisse der schäumenden Wassermassen zu sitzen. Viele von den Touristen auf der Aussichtskanzel lichteten sich selbst vor dem Naturschauspiel mit Hilfe langer Selfie-Sticks ab. Manche verstauten diese daraufhin in den kleinen rückwärtigen Hosentaschen ihrer Jeans, wobei sie die unsichere Art der Aufbewahrung nicht zu stören schien. Wir sahen dem bunten Treiben eine Weile zu, das in seltsamem Gegensatz zu unseren Erlebnissen der letzten Wochen stand. Schließlich warf ich einen letzten Blick hinunter auf den tosenden Wasserfall und die umgebende weite Landschaft, die sich im warmen gelben Licht dieses Spätsommernachmittags kräftig gegen das Blau des Himmels abhob. Anschließend gingen wir langsam zurück zum Auto und fuhren auf der Ringstraße weiter nach Osten. Bald zogen Wolken auf und später begann es zu regnen.


- Goðafoss -

Seyðisfjörður. Am frühen Abend dieses Tages kamen wir in Seyðisfjörður an, zwei Tage bevor die Norröna zurück nach Dänemark fuhr. Wegen des schlechten Wetters flüchteten wir uns bald in die trockene Küche des Campingplatzes. Trotzdem blieb mir die Aufgabe nicht erspart, später in der Finsternis und bei strömendem Regen auf dem aufgeweichten Platz das Zelt aufzustellen. Bis auf wenige hellere Stunden blieb das Wetter während unserer letzten Tage in Island kalt und regnerisch und besserte sich erst, als am Abend des 7. September die Norröna aus dem Hafen von Seyðisfjörður auslief.
Die Kirche, die wir gerne noch einmal besucht hätten, war um diese Jahreszeit bereits verschlossen, aber wir unternahmen einigen Spaziergängen durch den Ort und besuchten das Hallenbad. Am Campingplatz waren Reisende aus allen Nationen anzutreffen, von denen viele ebenfalls auf die Abfahrt des Schiffes warteten. Dort lernten wir Stefan und Axel kennen, zwei Radfahrer aus Deutschland, die in diesem Jahr auf einer langen Fahrradtour quer durch Europa unterwegs gewesen waren und nun auf dem Rückweg nach Hause waren. Wir sind mit den beiden über die Reise hinaus in Kontakt geblieben. Und so bescherte uns diese Sommerreise nicht nur bleibende Erinnerungen an Islands einsame Berge, sondern auch Freundschaften, die bis heute andauern.

 

1. Oktober 2018          oliver beihammer