Uunarteq - Sommer 2015


- Ravneskåret -

Uunarteq ist der grönländische Name für eine verlassene Siedlung auf einer kahlen Landzunge, die von Norden in die Mündung des Scoresbysundes hineinragt. Von Ittoqqortoorrmiit - dem bewohnten Hauptort am Scoresbysund - kann man die Häuser von Uunarteq, das häufig auch Kap Tobin genannt wird, mit freiem Auge in etwa sieben Kilometer Entfernung erkennen. Auf der aus Geröll bestehenden und nur mit spärlichen Grasflecken bewachsenen Landzunge sind die Häuser etwa auf einer Länge von einem halben Kilometer zwischen dem westwärts gerichteten Ufer und einer kleinen Schlucht, genannt Ravneskåret, verstreut. Das wahrscheinlich eigentliche Kap Tobin befindet sich noch einen Kilometer südöstlich der Siedlung. Es ist dies die südlichste Spitze des Liverpool-Landes, die bereits auf einer alten Karte von William Scoresby junior - einem Walfänger, der hier im Jahr 1822 landete - als Cape Tobin verzeichnet ist. Auf dem Weg dorthin befinden sich warme Quellen, deren schwefelhaltiges Wasser zwischen den Gesteinsbrocken aus dem Boden fließt.
Zahlreiche Funde aus der Zeit der Paleo-Eskimos belegen, dass die Gegend an der Mündung des Fjordes als Wohnstätte diente, seit der Scoresbysund von Menschen besiedelt wurde. Der Grund dafür liegt in den besonderen Strömungsverhältnissen, die das Meer an dieser Stelle auch im Winter niemals zufrieren lassen. Diese permanent offene Wasserfläche (auch als polynya bezeichnet) reicht im Winter oft an die Uferfelsen heran und der große Reichtum an Tieren bietet in der kalten Jahreszeit gute Jagdmöglichkeiten. Die Einwohner von Ittoqqortoorrmiit erzählten mir, dass im Winter und Frühjahr einige der Häuser aus diesem Grund alljährlich wieder bewohnt werden.
Im Sommer bietet sich dem Besucher von Uunarteq eine seltsame Mischung von ungezähmter Natur und langsam verfallenden Zivilisationsgütern. Zudem lassen das arktischen Klima und die karge Landschaft den Ort rau und unwirtlich erscheinen.


- Der langsame Zerfall -

Am Nachmittag des 11. August 2015, einem verregneten Dienstag, brachen Eeva Kaisa und ich von Ittoqqortoorrmiit auf, um der weiß markierten Route nach Uunarteq zu folgen. Der "Weg" ist nur für trittsichere Wanderer geeignet, denn je nach Witterung können unerwartete Hindernisse auftreten. Die Markierungen leiten an den östlich von Ittoqqortoorrmiit gelegenen kleinen See, aus dem ein Bach mündet, der in den Amdrup Havn hinunter fließt. Als wir an jenem Tag an den Ausfluss kamen, war wegen der anhaltenden Regenfälle das Rinnsal zu einem Sturzbach angeschwollen, dessen Querung viel zu risikoreich gewesen wäre. Wir mussten den See daher in nördlicher Richtung auf ins Wasser abfallenden Schneefeldern umgehen, um wieder auf den markierten Weg zu gelangen. Bald darauf erforderte der Aufstieg auf den 270 Meter hohen Inugsukajik die Begehung von unwegsamen Geröll und steilem Schnee. Südwestlich dieser Erhebung konnten wir auf der weiten Ebene, die nach Uunarteq hinausführt, die mit grauen Metallkegeln markierte Landebahn des neuen, hier geplanten Flughafens von Ittoqqortoorrmiit sehen.
Nach sechsstündiger Wanderung erreichten wir die ersten Häuser und bezogen ein offen stehendes grünes Haus, vor dessen Eingang ein großer Eisschrank lag. Obwohl das Haus Schutz vor der Witterung bot und der gesamte Hausstand vom Fernseher bis zum kleinen Kuscheltier-Eisbären noch vorhanden war, blieb es im Inneren wegen fehlender Heizmöglichkeiten sehr kühl. Am Ende des Tages fanden wir am südlichen Ende des Ravneskåret noch ein aus einem Schneefeld fließendes Rinnsal, das uns mit Trinkwasser versorgte.


- Der Amdrup Havn auf dem Weg nach Uunarteq -

Am darauffolgenden Tag gönnte uns das bislang schlechte Wetter eine Verschnaufpause und wir konnten zeitweilig einige Sonnenstrahlen genießen. Nachmittags machten wir uns mit einem Buch (Paleo-Eskimo Settlements in Scoresby Sund, Northeast Greenland) der Archäologen Hanne Tuborg und Birger Sandell im Gepäck auf den Weg zu den unterhalb der Häuser gelegenen Uferfelsen, um nach lithischen Artefakten zu suchen. Nach einer Weile wurde mein Eifer belohnt, als ich in den Ritzen und Spalten der Granitfelsen ein paar Abschläge aus verschiedenfarbigem Achat entdeckte. Schließlich fand ich noch einige Stücke, die meinem laienhaften Auge wie kleine bearbeitete Werkzeuge erschienen. Einige Wochen später bestätigten mir Hanne und Birger, dass alle diese Fundstücke menschlichen Ursprungs sind, da mikrokristalline Quarze in Uunarteq nicht natürlich vorkommen. Drei Stücke konnte Birger mit einiger Sicherheit als verschiedene Typen von Steinwerkzeugen (Burin Spall oder Microblade/ Endscraper/ Sideblade) identifizieren.
Später wanderten wir an der Küste entlang zur Landspitze von Kap Tobin. Die Hütte, die an dem guten Jagdplatz einst stand, ist höchstwahrscheinlich niedergebrannt, wie die verkohlten Holzreste an der Stelle noch bezeugen. Wie um die Siedlung herum ist auch diese Gegend mit allen Arten von Zivilisationsmüll übersät.
Auf dem Rückweg zu unserer Bleibe besuchten wir noch die warmen Quellen, die wir trotz GPS-Unterstützung nicht gleich fanden. Schließlich führte uns aber der deutlich wahrnehmbare Schwefelgeruch zu der Stelle, an der das heiße Wasser aus dem Boden fliesst. In dem Becken lag ein kleinerer Eisbärenschädel, dessen wackelnde Eckzähne im Oberkiefer ich meiner Sammlung einverleibte. 


- William Scoresby junior's Cape Tobin (Kap Topin) -

Am frühen Nachmittag des nächsten Tages machten wir uns auf den Rückweg nach Ittoqqortoorrmiit. Da ich beim Hinweg Probleme mit dem Tragen des Rucksacks gehabt hatte, ließ ich einen Großteil meines Gepäcks im Haus zurück, welches wir später mit dem Boot abholen wollten. Den Inugsukajik überschritten wir noch bei passablem Wetter, aber als wir den See erreichten, den wir beim Hinweg umgehen hatten müssen, traf uns das schlechte Wetter mit voller Wucht. Eeva Kaisa riss der Wind auf Nimmerwiedersehen den Regenschutz vom Rucksack und ich stolperte in einer Windböe und stürzte in das grobe Geröll. Als wir am Abend die Ortschaft erreichten, fehlte uns jegliche Motivation, bei diesem Wetter das Zelt aufzustellen, und wir gönnten uns eine Nacht im orangefarbenen Guesthouse.


- Auf dem Rückweg nach Ittoqqortoorrmiit -

Samstag, 15. August 2015. Nach einem Tag Aufenthalt in Ittoqqortoorrmiit hatten wir heute geplant, mit dem Boot mit einem Abstecher nach Uunarteq (um meine Sachen zu holen) in den Hurry Fjord zu fahren. Gegen Mittag erfuhren wir jedoch von unserem Bootsführer Manasse, dass die Fahrt in den Hurry Fjord wegen zu viel Eis vor Ittaajimmiit (Kap Hope) nicht möglich sei. Schließlich brachte er uns am Nachmittag noch nach Uunarteq, wobei es während der Bootsfahrt wegen des dichten Eises zeitweilig so aussah, als ob auch dieses Unternehmen scheitern würde.
Wir quartierten uns wieder im "Kühlschrank-Haus" ein und wanderten anschließend bei etwas freundlicherem Wetter noch einmal hinaus nach Kap Tobin. Wir beobachteten, wie das Meereis in der Strömung an der Landspitze vorbeitrieb und trotz des vielen Mülls fand ich in den Uferfelsen einige Achatsplitter aus alten Zeiten.


- Treibeis vor Kap Tobin -

Der Sonntag begann mit starker Bewölkung und Nebel und später am Tag regnete es immer wieder kräftig. Am Morgen machte ich mich allein zu unserer "Quelle" im Ravneskåret auf, um unsere Trinkwasservorräte wieder aufzufüllen. Während ich über den steinigen Hügel ging, ließ ich meinen Blick über das dichte Meereis schweifen, konnte aber nichts Ungewöhnliches erkennen. Nachdem ich unsere Eimer gefüllt hatte und mich gerade auf den Rückweg machen wollte, hörte ich plötzlich ein eigentümliches Fauchen hinter mir. Als ich mich umwandte, sah ich auf dem gegenüberliegenden Geröllhang in etwa 20 Meter Entfernung einen ausgewachsenen Eisbären. Zu einer Felsspalte hingewandt stand er seitlich zu mir und sah mit gedrehtem Kopf ruhig zu mir her. Ich nahm das Gewehr von der Schulter, machte es für den Notfall schussbereit und sah ihn eine kurze Weile an. Dann nahm ich die gefüllten Wasserkübel und machte mich langsam auf den Rückweg. Als ich auf der Anhöhe war, konnte ich sehen, wie der Bär seine Aufmerksamkeit bereits wieder der Felsspalte zugewandt hatte.
Eisbären haben in Ittoqqortoorrmiit keinen besonders guten Ruf. Bei verschiedenen Begegnungen mit Einheimischen hatte ich die Gelegenheit, schaurige Geschichten zu hören. So wurde mir erzählt, dass sie Robben (und möglicherweise auch Menschen) jagen, indem sie zunächst den Kopf senken und sich dann mit blitzschnellen Sprüngen so auf ihre Beute stürzen, dass von dieser lediglich ein großer Fettfleck übrig bleibt. Oder dass sie durch gezielte Hiebe mit den Vordertatzen mühelos menschliche Köpfe von den Schultern fliegen lassen könnten. Trotz dieser wenig ermutigenden Geschichten kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass ich auf unseren Reisen ins Land der Eisbären bisher nur solchen Exemplaren begegnet bin, die - wie der letztere - relativ wenig Interesse an Menschen zeigten. Tatsächlich ist es jedoch so, dass die Tiere wegen den klimatischen Veränderungen auch im Sommer vermehrt in die Nähe der Siedlung kommen und es wird über verschiedene Maßnahmen nachgedacht, um die Sicherheit der Bevölkerung - vor allem der Kinder - zu gewährleisten.
Wegen des miserablen Wetters hielten wir uns im weiteren Tagesverlauf zumeist in unserer Behausung auf. Der von mir gesichtete Bär kam am Nachmittag ganz in die Nähe unseres Hauses und von der Veranda aus konnten wir uns ohne größere Sorgen dem Anblick des beeindruckenden Tieres hingeben. Als sich der Bär wieder verzogen hatte, verbrachten wir gegen Abend einige Zeit im Freien mit Schießübungen, denn um in einer Notsituation entsprechend handeln zu können, braucht es vorher einiges an Übung. 


- Im "Kühlschrank-Haus" -

Am nächsten Tag, unserem letzten Tag in Uunarteq, versuchten wir auf der Anhöhe über den Häusern noch eine historische Stätte aus der Dorset-Zeit zu finden, welche die Archäologen in ihrem Buch beschrieben hatten. Wir konnten nach einigem Suchen eine ringförmige Struktur ausmachen, waren aber nicht sicher, ob es sich tatsächlich um die beschriebene Stelle handelte. Als wir von dem Hügel hinunterschauten, sahen wir unten in Richtung der Häuser "unseren" Eisbären auf einem Schneefleck hocken. Er schien auch jetzt kein Interesse an uns zu haben und nach einer Weile erhob er sich und trottete langsam in östlicher Richtung davon.
Kurz nach Mittag erblickten wir von der Anhöhe aus Manasse, der sich mit seinem Boot durch das immer noch dichte Eis zu uns vorgearbeitet hatte. Er gab einen Schuss ab, um seine Ankunft anzukündigen und legte etwas später am steinigen Ufer an. Nachdem wir unsere Sachen verladen hatten, fuhren wir bald zügig über das Wasser zurück nach Ittoqqortoorrmiit. Manasse legte dort an, überprüfte noch kurz die Eissituation vor Ittaajimmiit und gab zu unserer Freude bald darauf grünes Licht für die Weiterfahrt in den Hurry Fjord. 


- Der ehemalige "Hafen" von Uunarteq -
 
- Eisbären wissen zu stehen und zu schauen -

 

2. Februar 2016          oliver beihammer


 

 

 

Sarek - Ostern 2017


- Die Pielastuga mit Blickrichtung nach Skárjá -

Am Palmsonntag wäre der Bus von Kiruna nach Ritsem bereits am frühen Morgen gefahren, der Bus nach Nikkaluokta jedoch erst am späteren Vormittag. Da wir eine anstrengende Anreise von Salzburg nach Kiruna mit einer fast schlaflosen Nacht am Flughafen in Stockholm hinter uns hatten, fiel Eeva Kaisa und mir die Entscheidung leicht, den späteren Bus nach Nikkaluokta zu nehmen. Das bedeutete zwar, dass wir einige Wandertage vor uns hatten, bis wir den Sarek-Nationalpark erreichen würden, andererseits ergab sich daraus aber die Gelegenheit, das Gebiet um den Kebnekaise einmal im Winter zu besuchen.
Es schneite leicht, als wir an diesem ruhigen Sonntag unsere Pulkas über den menschenleeren Stadtplatz von Kiruna zogen. Zusammen mit einer vierköpfige Familie warteten wir an der Busstation auf den Bus nach Nikkaluokta. Wir erfuhren, dass sie schon vor Jahren von Deutschland nach Schweden ausgewandert war und nun in der Osterwoche auf dem Kungsleden unterwegs sein wollte.
Als wir in Nikkaluokta nach einem Besuch in der schönen Gaststätte startklar waren und die ersten Schritte in Richtung Kebnekaise Fjällstation taten, begannen sich die dichten Wolken langsam zu lichten. Später überquerten wir auf der breiten Spur das Eis des Láddjujávri und es überkam mich ein Gefühl der Dankbarkeit, als sich die Nebel noch mehr verzogen und die mächtigen Berge zu beiden Seiten des Tales sichtbar wurden. Am frühen Abend hüllte sich die Landschaft erneut in Wolken und es schneite wieder leicht, als wir einige hundert Meter hinter der Kebnekaise Fjällstation unser Zelt errichteten.


- Farbakzente auf dem winterlichen Weg zur Kebnekaise Fjällstation -

Am Vormittag des 10. April verließen wir bei Nebel und Schneefall die Kebnekaise Fjällstation in Richtung Singistugorna. Obwohl ich den Weg durch das Láddjuvággi schon mehrmals im Sommer gewandert war, erschien mir die Gegend wegen der anderen Jahreszeit und der schlechten Sicht fremd und unbekannt. Nichts erinnerte mich daran, dass ich schon einmal hier gewesen war. Nach einigen Stunden näherten wir uns dem in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Tal des Kungsleden und trotz der tiefhängenden Wolken konnten wir in der Ferne die Singistugorna erkennen. Unter den Hängen des Unna Jierttáš bogen wir nach Süden ab und mussten uns in dem von Felsen durchsetzten Hang einen Weg nach unten suchen, bis wir die markierte Spur im Tal erreichten. Der Weg zur Kaitumjaurestugorna zog sich noch etwas in die Länge und wir waren schon sehr müde, als wir am Ende des Tages unsere Pulkas auf die kleine Anhöhe zogen, auf der die Hütte liegt. Wir nächtigten im Zelt, aber der Einladung des Hüttenwarts, in der Hütte unsere Abendmahlzeit zu kochen, folgten wir gerne.


- Die Hütten am Kaitumjaure -

Am folgenden Tag besserte sich das Wetter wieder und die imposanten Berge rund um den Padje Kaitumjaure kamen zum Vorschein. Wir beschlossen, nach dem gestrigen anstrengenden Tag einen Rasttag einzulegen, den ich teilweise mit dem Studium von Kants Erkenntnistheorie verbrachte.
Am frühen Nachmittag traf die Familie von der Busstation in Kiruna zusammen mit einer schwedischen Familie ein und die geräumige Hütte füllte sich mit Leben. Bald gingen die Kinder nach draußen und begannen ein Tunnelsystem durch den meterhohen Schnee hinter der Hütte zu graben. Ich staunte über ihre Ausdauer und ihre scheinbar unerschöpfliche Energie, als sie am Abend nach vielen Stunden an der frischen Luft immer noch nicht ans Aufhören dachten. Am Abend genossen wir noch alle die Sauna, die etwas abseits in einer eigenen kleinen Hütte untergebracht ist.


- Abendstimmung über dem Padje Kaitumjaure -

Der Ruhetag erwies sich als gute Entscheidung, denn der vierte Tag unserer Tour verlangte uns einiges ab. Bei sonnigem Wetter verließen wir am Morgen den Kaitumjaure und brachten die Steigung auf die Anhöhe, die den Kaitumjaure vom Teusajaure trennt, gut hinter uns. Nach einer abenteuerlichen Abfahrt querten wir den schmalen Teusajaure und begannen den Aufstieg auf den Übergang nach Vakkotavare. Im unteren bewaldeten Teil führte die Spur unserer Vorgänger über einige steilere Stufen, die wir mit den Pulkas im flacheren Gelände umgehen mussten. Weiter oben war die Spur längst verweht und wir sanken mit den Schlitten in dem kalten trockenen Schnee so tief ein, dass es nur mit großer Anstrengung vorwärts ging. Die Markierung führte über die flachen Ausläufer des Ráhpattjårro und als der höchste Punkt des Überganges bereits in Sicht war, musste ich wegen zunehmender Erschöpfung in kurzen Abständen mehrmals stehen bleiben. Als wir es schließlich geschafft hatten, hielten wir erneut an, aber der eisige Wind trieb uns bald weiter. Von der Anhöhe waren nun im Süden die Berge des Sarek vom Niják bis zum Ähpar-Massiv deutlich zu sehen. Das schroffe, von Schnee und Eis überzogene Gebirge sah so grimmig kalt aus, dass mir Bilder von Gebirgszügen in der Antarktis in den Sinn kamen. Zu unserer Freude kamen wir jedoch in dem von nun an abfallenden Gelände wieder viel leichter voran. Auf dem letzten steilen Stück hinunter nach Vakkotavare zogen wir es vor, die Schier auf die Schlitten zu schnallen und stapften durch den Schnee zur Hütte.
Der Hüttenwart empfing uns freundlich, meinte aber, er sei sehr müde und werde daher gleich zu Bett gehen. Ich hingegen begann gleich nach unserer Ankunft einige Meter über der Straße im Schnee eine Plattform für unser Zelt auszuschaufeln. Als ich nach der kräfteraubenden Arbeit die Zeltstangen ineinander schob, gab plötzlich unerwartet der Schnee unter meinem rechten Bein nach und ich fiel auf eine der drei Zeltstangen, die mit einem knackenden Geräusch brach. Müde und frustriert begab ich mich in die Hütte zu Eeva Kaisa. Wir beschlossen, die Nacht in der Hütte zu verbringen und alles weitere auf den nächsten Tag zu verschieben. Ich war jedoch von den Ereignissen des Tages so aufgewühlt, dass ich trotz des weichen Bettes lange nicht einschlafen konnte.


- Eeva Kaisa auf dem Kungsleden unterwegs nach Vakkotavare -

Der Gründonnerstag begann als strahlend heller Tag mit wolkenlosem Himmel. Ich fand meine innere Ruhe wieder, tauschte das gebrochene Segment der Zeltstange aus und fixierte anschließend den Gummizug mit Hilfe einer Schnur, die mir der Hüttenwart gab. Bis dies erledigt, alles gepackt und die Hütte geputzt war, war der Tag bereits vorangeschritten. So kam es, dass wir die bekannten Familien vom Kaitumjaure noch einmal sahen, die am Teusajaure übernachtet hatten und nun in Vakkotavare eintrafen.
Schließlich zogen wir mit vielen Glückwünschen versehen am frühen Nachmittag los. Im Moment schienen alle Schwierigkeiten überwunden und so waren wir wieder in guter Stimmung, als wir unsere Pulkas über die helle Schneefläche des Suorvajaure in Richtung Sarek-Nationalpark zogen. Am Südufer des Sees schlugen wir nach der kurzen Tagesetappe unser Lager auf. Die Windmühle am Staudamm in der Nähe drehte sich im auffrischenden Wind schnell und als die Sonne hinter den Bergen verschwand, wurde es bitter kalt. Eeva Kaisa litt etwas unter der Kälte und verließ an diesem Tag den Schlafsack kaum mehr. Ich musste einmal während der Nacht nach draußen und tat dies mit der leichten Bekleidung, die ich meist im Schlafsack trage. Der eisige Wind fuhr mir in der Finsternis so durch Mark und Bein, dass ich von nun an mit meiner Schihose schlief, um für diese nächtlichen Ausgänge besser gewappnet zu sein.


- Das Áhkká-Massiv vom Suorvajaure -

Am nächsten Morgen brachen wir bei starker Bewölkung und leichtem Schneefall auf und passierten bald den Rentier-Sammelplatz (Rengärde) unweit des Staudammes. Nach einer Weile trafen wir in dem waldigen Gelände auf eine Schispur, die sich in unserer Richtung durch die Bäume wand. Die Spur erleichterte uns das Vorankommen sehr und an der Baumgrenze sahen wir schließlich im Nebel die Umrisse von zwei mit Rucksäcken beladenen Gestalten, die außerdem noch große Pulkas hinter sich her zogen. Wir holten sie bald ein und es stellte sich heraus, dass es zwei Finnen waren, die sich überaus wortkarg gaben. Immerhin erfuhren wir, dass sie so wie wir in das Zentrum des Sarek nach Skárjá wollten. Ich dachte, dass es nun an mir sei, die Spurarbeit zu leisten, was sich durch das einsetzende Schneetreiben wieder als überaus anstrengend erwies. Später übernahm wieder einer der beiden Finnen die Führung und als er an mir vorbeizog, kommentierte er das ungemütliche Wetter mit der knappen Bemerkung: "This is a hard place."
Am späten Nachmittag erreichten wir die Njirávbuollda-Renvaktarstuga einen Kilometer nördlich der Grenze zum Nationalpark. Uns schien, dass wir an diesem Tag der Mühe und Kälte genug gehabt hatten und schlugen im Windschatten der Hütte das Zelt auf. Die beiden Finnen zogen ohne viele Erklärungen weiter ihres Weges.


- Zelten neben der Njirávbuollda-Renvaktarstuga -

Samstag, 15. April. Als ich am Morgen erwachte und der Helligkeit im Zelt gewahr wurde, wusste ich, dass das Wetter wieder besser war. Tatsächlich schien bald die Sonne und im Südwesten waren zwischen umherziehenden Wolken einige der markanten Berggestalten des Sarek zu sehen: Links das zackige Ähpar-Massiv und weiter rechts die Gipfel von Sarvatjåhkkå, Vuojnestjåhkkå und Spijkka.
Als wir weiterzogen, bemerkten wir, dass die Finnen unweit von uns gezeltet hatten und ebenfalls gerade dabei waren aufzubrechen. Zunächst kamen wir auf einer älteren Schispur gut voran, aber auf dem Eis des Liehtjitjávrre war diese verweht und kaum mehr zu sehen. Der weiche Schnee klebte auf den Pulkas, wodurch der weitere Weg wieder zur Kraftprobe wurde. Wir hielten am Südufer des Sees und sahen, dass sich hinter uns die beiden Finnen näherten. Wir gaben uns der Hoffnung hin, dass sie uns bald einholen und bei der anstrengenden Spurarbeit behilflich sein würden. Als wir sie jedoch nach einer Weile in der Ferne auf der anderen Seite des Sees erblickten, wussten wir, dass wir von ihnen keine Hilfe mehr erwarten konnten. Offensichtlich hatten sie ihren Plan nach Skárjá zu gehen aufgegeben und waren im Begriff ins Guhkesvágge abzubiegen. Etwas enttäuscht zogen wir langsam weiter und trafen bald auf eine Gruppe junger Schweden, die eine Woche in der Nähe gezeltet und einige Gipfel bestiegen hatten. Für eine kurze Strecke konnten wir auf dem weiteren Weg ihre Spur nutzen. Aber bald mühten wir uns wieder auf uns allein gestellt durch den pappigen, klebrigen Schnee und langsam schwand die Hoffnung, dass wir bei diesen Bedingungen unser Tagesziel - die Pielastugan - noch erreichen würden. Schließlich erschienen zu unserer Freude am Ende des Tales zwei Punkte, die beim Näherkommen als hintereinander fahrende Hundegespanne zu erkennen waren. Als sie neben uns hielten, zeigte sich, dass die Hundeführer nicht allzu gut Englisch sprachen. Ich fragte sie, woher sie denn kämen und der ältere Mann auf dem hinterem Schlitten deutete zufrieden auf die winselnden Hunde und meinte mit französischem Akzent: "About thirthy kilometers back." Ich nahm das zum Anlass auf uns und unsere Pulkas zu zeigen und sagte: "We are our own dogs." Die Franzosen schienen das für einen guten Scherz zu halten, denn sie wirkten sehr belustigt, bevor sie sich von uns verabschiedeten.
Auf der Spur der Hundeschlitten ging es von nun an zu unserer großen Erleichterung wieder gut voran. Als wir etwas später den drei Kilometer langen Bierikjávrre überquerten, umfing uns eine wunderbar stille, tiefwinterliche Stimmung inmitten der mächtigen weißen Bergen. Am frühen Abend richteten wir uns im Zelt neben der Pielastugan gemütlich für die Osternacht ein.


- Unserer Ankunft bei der Pielastuga -

Der Ostersonntag begann als heller Tag mit einigen umherziehenden Wolken. In der aufgehenden Sonne strahlten die Berge weiß und warfen scharfe blauviolette Schatten. Die schlechten Schneebedingungen der letzten Tage lagen hinter uns, denn von der Pielastuga ging es auf windgepresstem Schnee ohne weitere Hindernisse nach Skárjá. Dort kehrten wir eine Weile in den angenehm warmen Rastschutz mit dem Notfallstelefon ein. Die umherziehenden Wolken lösten sich langsam auf und gaben den Blick auf die grandiose umliegende Berglandschaft frei. Besonders beeindruckte uns der Blick in das Ruohtesvágge und auf die zwei zackigen Gipfel des Sarektjåhkka, die sich über dem Mihkájiegna deutlich vor dem tiefblauen Himmel abhoben. Wir versuchten die Szenerie in Bildern festzuhalten, bis unsere Kamera plötzlich nicht mehr funktionieren wollte.
Auf dem weiteren Weg durch das Ruohtesvágge sahen wir am Nachmittag viele Schiläufer mit Pulkas, die alle nach Skárjá zogen. Einer von ihnen war ein kräftiger Finne aus Oulu, der gleich zwei Schlitten hinter sich herzog. Er erzählte, dass er zwei Freunde unterstütze, die morgen den gesamten nördlich liegenden Gebirgsstock vom Kantberget bis zum Vuojnestjåhkka an einem Tag überschreiten wollten. Am späten Nachmittag stellten wir in der Nähe des flachen Ruohtesvárásj unser Zelt auf. Als die Sonne hinter den Bergen verschwand, fiel die Temperatur wieder auf -20°C. Von einem Frühjahr war hier in den schwedischen Bergen Mitte April noch nicht das Geringste zu verspüren.


- Stor- und Sydtoppen des Sarektjåhkka -

Auch der Ostermontag war ein makellos schöner Tag. Wir entschieden uns für den weiteren Weg durch das Sierggavágge, das wir bereits von einer Sommerwanderung im Jahr 2008 kannten. Als wir die Renvaktarstuga auf der Westseite des Tales passierten, versuchte ich die Erinnerungsbilder von damals mit den momentanen Eindrücken in Verbindung zu bringen, was mir jedoch wegen der anderen Jahreszeit nicht recht gelingen wollte. Nachdem wir in der Nähe des großen Rentier-Sammelplatzes eine Weile angehalten hatten, folgten wir ohne große Hindernisse dem Flusstal des Sjpietjavjåhkå und erreichten bald die große Ebene, die zur Kisurisstugan führt.
Als wir bei den Hütten anlangten, war die größere Hütte wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Eine kleinere Hütte etwas abseits stand jedoch für Schiwanderer offen. Wir versuchten eine Weile erfolglos den Gasofen in Gang zu bringen, bis wir das Vorhaben schließlich etwas entnervt aufgaben. Erst später entdeckten wir, dass man dafür an der Außenseite der Hütte die Metallkappe abnehmen muss, die die Luftzufuhr schützt. Wir aßen in der Hütte unsere Abendmahlzeit, zogen es aber vor, im Zelt an der frischen Luft zu schlafen.


- Kisurisstugan -

Den Tag darauf verbrachten wir in der Umgebung der Kisurisstugan. Ich erwog kurz eine "Schitour" auf die Kisuris zu unternehmen, zog es aber schließlich vor, mich dem Studium der Philosophie von Kant zu widmen. Gegen Mittag besuchten uns zwei Samen von der Nationalparkverwaltung in Jokkmokk, die nicht nur Teile der großen Hütte erneuerten, sondern gleich auch den Boden im Vorraum "unserer" kleineren Hütte austauschten. Obwohl die beiden sehr freundlich waren und es uns in der kleinen Unterkunft an nichts mangelte, gelang es uns seltsamerweise nicht, uns in der schwedischen Hütte wirklich heimisch zu fühlen. Vielleicht lag es daran, dass uns in der Vergangenheit die schlichte Machart finnischer Autiotupat (Selbstversorgerhütten) immer am meisten gefallen hatten. Die Nacht verbrachten wir wieder im Zelt, wobei ich wegen meiner etwas unruhigen Stimmung und der Kälte der klaren Nacht nur schlecht schlief. Erst als gegen Morgen Wolken aufzogen, wurde es deutlich wärmer.

Der weitere Weg führte uns am folgenden Tag zum Kutjaure, dessen südliches Ufer die Grenze zum Padjelanta-Nationalpark bildet. Außerhalb des Nationalparks waren wieder viele lärmende Schneemobile anzutreffen, von denen wir bislang nur wenige gesehen hatten. Auf der ausgefahrenen Spur erreichten wir zügig den Akkajaure, wo uns in der Akkastugorna zwei Norweger begegneten, die in Kautokeino gestartet waren und gerade zu ihrer letzten Etappe nach Sulitjelma aufbrachen. Auf dem anschließenden Weg über den Akkajaure nach Vájsáluokta pfiff uns ein eisiger Westwind entgegen. Deshalb waren wir froh, als wir schließlich das raue Eis des Sees verließen und auf die Anhöhe über dem Seeufer aufstiegen, auf dem die Vaisaluoktastugan liegt. Wir waren an diesem Abend die einzigen Besucher der Hütte und so entschieden wir uns, die Nacht in der schönen Unterkunft zu verbringen. In dem komfortablen Bett verbrachte ich zur Abwechslung wieder einmal eine Nacht mit ungestörtem Schlaf.


- Bootsanlegestelle am Akkajaure unterhalb der Vaisaluoktastugan -

Der 20. April war der letzte Tag unserer Tour. Auf den letzten zehn Kilometern über den Akkajaure nach Ritsem hatten wir mit zeitweiligem Schneegestöber und extrem schlechter Sicht zu kämpfen. Als die schemenhaften Umrisse der felsige Insel mitten im See auftauchten, konnte ich keine anderen Spuren mehr erkennen und zog noch einmal das GPS-Gerät zu Rate. Kurz bevor wir Ritsem erreichten, hatte sich das schlechte Wetter aber bereits verzogen und es schien wieder die Sonne. Wie schon öfter zuvor, wich bei mir die Vorfreude auf die Annehmlichkeiten der Zivilisation schnell einer gewissen Ernüchterung. Zu schnell war ich in dem kleinen Laden mit den Dingen konfrontiert, die auch im Alltag immer wieder eine gewisse Irritation in mir hervorrufen.
Wir fuhren im Nachmittags-Bus nach Gällivare und wechselten dort in den Bus nach Kiruna. In der Stadt lag zwar erstaunlicherweise noch genug Schnee auf den Straßen, dass wir unsere Pulkas ohne größere Schwierigkeiten von der Busstation bis zu unserer Herberge ziehen konnten. Dort standen wir jedoch vor verschlossenen Türen, denn unsere vorangegangenen Versuche dem Besitzer telefonisch mitzuteilen, dass wir bereits einen Tag früher als angekündigt eintreffen würden, waren erfolglos geblieben. So kam es, dass wir schließlich im nur wenige hundert Meter entfernten "Yellow house" landeten, einer Jugendherberge, in der wir schon vor einigen Jahren mehrere Nächte verbracht hatten. Als mir der Besitzer des "Yellow house" mitteilte, dass das Gebäude bald der Versetzung der Stadt zum Opfer fallen würde, war ich froh, dass wir dort noch einmal eingekehrt waren.


- "Yellow house" in Kiruna -

 

19. Juni 2018          oliver beihammer


 

 

 

Weiße Berge

Die folgenden Bilder entstanden auf einer Schiwanderung durch den Sarek-Nationalpark im April 2017, auf der Wegstrecke zwischen der Njirávbuollda-Renvaktarstuga und Skárjá. Auf dem anschließenden Weg durch das Ruohtesvagge wollte unsere Digitalkamera - vermutlich wegen der Kälte und Feuchtigkeit - nicht mehr funktionieren. Erst bei der Kisurisstugan gelang es uns wieder, einige Aufnahmen zu machen.

- Ähpár-Massiv von der Njirávbuollda-Renvaktarstuga -
- Vuojnestjåhkkå (links) und Spijkka (rechts) von der Sonne beschienen -
- Südlicher Vorgipfel des Sarvatjåhkkå vom Sarvalåpptå -
- Bierikbakte (links) und Mellantoppen von der Pielastugan -
- Der Guohper (in Bildmitte) auf dem Weg nach Skárjá -
- Das Guohpervágge -

- Guohperskájdde von Skárjá -
- Das Ruohtesvágge -
- Gavelberget, Såltatjåhkkå, Gassatjåhkkå und Gávabákte (von links nach rechts) -
- Sarektjåhkkå Stor- und Sydtoppen von Skárjá -

 

21. April 2018          oliver beihammer