SinnZENTRUM Salzburg, Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Philosophische Gesprächsrunde am 2.10.2014

Das Weltbild des ethische Realismus

In dem Grundlagenwerk Ärztliche Seelsorge von Viktor Frankl (2007, S. 83) findet sich folgendes Zitat: “Der Wert ist dem Akt gegenüber, der ihn intendiert, notwendig transzendent. Er transzendiert den wertkognitiven Akt, der sich auf ihn richtet, analog dem Gegenstand eines Erkenntnisaktes, der ja ebenfalls außerhalb dieses (im engeren Wortsinn kognitiven) Aktes gelegen ist. Die Phänomenologie hat gezeigt, daß der transzendente Charakter des Gegenstandes im intentionalen Akt inhaltlich jeweils auch schon mitgegeben ist.”

Was bedeutet es, dass ein Gegenstand gegenüber einem erkenntniskognitiven Akt transzendent ist?

Was könnte damit gemeint sein, dass ein Wert gegenüber einem wertkognitiven Akt transzendent ist?

Die Beschäftigung mit diesem Frankl-Zitat und den genannten Fragen ist deshalb lohnend, weil wir hier einen Verweis auf das Weltbild finden, auf dem die Logotherapie und Existenzanalyse entwickelt wurden. Dieses Weltbild hat einen Namen, es ist der ethische Realismus (oder moralischer Realismus). Der ethische Realismus geht bis in die Antike zurück, wird jedoch heute noch von einigen Philosophen vertreten.

1. Der ontologische Realismus

Zunächst einige kurze Bemerkungen zum Begriff Realismus. In der philosophischen Disskussion gibt es inzwischen eine Vielzahl von Realismen, die erkenntnistheoretische Fragestellungen zu erklären versuchen. Die Grundlage für diese Theorien ist der sogenannte ontologische Realismus.

Seine Grundthese formuliert der deutsche Philosoph Franz von Kutschera (1989, S. 490) folgendermaßen: “Es gibt eine Wirklichkeit, die in ihrer Existenz wie Beschaffenheit unabhängig ist von der Existenz und Beschaffenheit menschlicher Erfahrungen, Denkformen und Annahmen.”

Der ontologische Realismus setzt also das Vorhandensein einer äußeren Wirklichkeit voraus, die von der Existenz menschlichen Lebens unabhängig ist. Mit dieser Annahme erhebt sich die erkenntnistheoretische Frage, was wir von einer solchen Wirklichkeit wissen können, bzw. wie wahr unsere Annahmen über sie sind. Der Homo-Mensura-Satz des Protagoras (“Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, dass sie sind, der Nichtseienden, dass sie nicht sind”) kann in Hinblick auf diese Fragen gedeutet werden. Die Menge der Erfahrungen, die wir von einer äußeren Wirklichkeit machen können, ‘bemisst’ sich an den Eigenheiten unseres menschlichen Seins, etwa an der Konstitution unseres Wahrnehmungssystems. So liegt z. B. ein bestimmter Frequenzbereich von Schallwellen, der für Fledermäuse wahrnehmbar ist, außerhalb des Bereiches unserer natürlichen akustischen Wahrnehmung.

Die zweite These des ontologischen Realismus, die grundsätzliche Überlegungen zur Erkenntnistheorie umfasst, lautet daher: “Der ontologische Realismus ist zweitens so zu formulieren, daß die Welt etwas ist, das wir prinzipiell erfahren, durch Erfahrung erkennen, also auch begrifflich bestimmen und sprachlich beschreiben können. Eine Realität, deren Existenz wie Beschaffenheit wir prinzipiell nicht erkennen können, kann für uns naturgemäß kein Thema sein.” (v. Kutschera 1989, S. 513).

Den Vorgang etwas durch Erfahrung zu erkennen und in weiterer Folge begrifflich bestimmen und sprachlich zu beschreiben, können wir (in Analogie zu Frankls wertkognitven Akten) als erkenntniskognitive Akte bezeichnen. Wie diese Art von Erkenntnis funktioniert, ist das Thema einer bereits lang andauernden und inzwischen sehr komplexen philosophischen Diskussion. Wir können jedoch sagen, dass die Transzendenz eines Gegenstandes gegenüber dem erkenntniskognitiven Akt bedeutet, dass dieser Gegenstand in der äußeren Wirklichkeit existiert (in diesem Sinn transzendent ist), auch wenn sich nie ein Erkenntnisvorgang auf ihn richtet.

2. Der ethische Realismus

Neben der Erfahrung von Gegenständen und Sachverhalten der äußeren Welt spielen im menschlichen Leben Werterfahrungen eine große Rolle. Der ethische Realismus deutet nun deren Existenz in dem Sinn, dass es analog zu der vom menschlichen Sein unabhängigen äußeren Welt, auch vom menschlichen Sein unabhängige Werttatsachen gibt. Diese existieren daher auch unabhängig von unserer Erfahrung, unseren subjektiven Präferenzen und ob wir sie subjektiv für wahr halten. Wir sind jedoch als Menschen in der Lage, diese objektiven Werttatsachen zumindest teilweise zu erkennen (v. Kutschera, 1994, S. 243). Max Scheler vertritt in seinem Hauptwerk Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik ebenfalls die Auffassung, dass Wertqualitäten einem eigenen Existenzbereich angehören. Seiner Auffassung  nach existieren Werte unabhängig von menschlicher Erfahrung oder Veränderungen der äußeren Welt, an denen sie in Erscheinung treten. (Scheler, 1916, S. 10).

Nach Scheler und Frankl (2007, S.83) sind beim Erkennen und Erfahren von Werten intentionale Gefühle von grundlegender Bedeutung. Die Transzendenz eines Wertes gegenüber einem Akt der Werterfahrung (wertkognitiven Akt) bedeutet, dass objektive Werttatsachen auch dann existieren (in diesem Sinn transzendent sind), wenn sie von Menschen unerkannt bleiben und möglicherweise nie als Wert erfahren werden.

Literatur

Frankl, Viktor. E. (2007) Ärztliche Seelsorge, Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. München.

Von Kutschera, Franz. (1989) Bemerkungen zur gegenwärtigen Realismusdiskussion. In: Traditionen und Perspektiven der analytischen Philosophie. Hg.: W. L. Gombocz, H. Rutte, & W. Sauer. Wien.

Von Kutschera, Franz. (1994) Moralischer Realismus. In: Logos: Zeitschrift für systematische Philosophie N.F. 1.

Scheler, Max. (1916) Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik. Halle an der Sale.

 

5. Oktober 2014          oliver beihammer