SinnZENTRUM Salzburg, Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Philosophische Gesprächsrunde am 1.12.2016

Der Logos des Heraklit

Von dem aus Ephesos stammenden Heraklit sind uns etwa 130 Fragmente überliefert, von denen die meisten nur aus einem einzigen Satz bestehen. Da sich der gedankliche Zusammenhang der einzelnen Sätze nicht mit Sicherheit rekonstruieren lässt, scheint es kaum möglich, Heraklits Lehre einheitlich zu interpretieren. Zudem wurde bereits in der Antike auf die Unverständlichkeit und Rätselhaftigkeit seiner Schriften hingewiesen, was ihm die Beinamen "der Dunkle" und "der in Rätseln Sprechende" einbrachte (Rapp, 2007, S. 56). Trotzdem tritt die philosophische Konzeption des Logos, um die Heraklits Denken kreist, deutlich hervor.
Der Begriff Logos, der sich ursprünglich vom griechischen Verb legein ("sagen" oder auch "sammeln") ableitet, zeichnet sich durch eine große Bedeutungsvielfalt aus und meint in seiner Grundbedeutung etwa "Wort, Rede, Erzählung", sowohl in der gesprochenen wie auch in der geschriebenen Form. Darüber hinaus verstand Heraklit den Logos auch als ein allgemeines in der Wirklichkeit waltendes Prinzip oder eine universale Struktur. Röd (2009, S. 98) verweist darauf, dass Heraklit in seinen Fragmenten den Ausdruck Logos von Anfang an in mehreren Bedeutungen gebrauchte.

1) Der Logos als allgemeines Gesetz des Seins

B 1: "Für dies Wort aber, ob es gleich ewig ist, haben die Menschen kein Verständnis weder ehe sie es vernommen noch sobald sie es vernommen. Alles geschieht nach diesem Wort, und doch geberden sie sich wie die Unerfahrenen, so oft sie sich versuchen in solchen Worten und Werken, wie ich sie künde, ein jegliches nach seiner Natur auslegend und deutend, wie sich's damit verhält. Die anderen Menschen wissen freilich nicht, was sie im Wachen thun, wie sie ja auch vergessen, was sie im Schlafe thun."

B 2: "Drum ist's Pflicht dem Gemeinsamen zu folgen. Aber obschon das Wort allen gemein ist, leben die meisten so, als ob sie eine eigene Einsicht hätten."

B 80: "Man soll aber wissen, dass der Krieg das gemeinsame ist und das Recht der Streit, und dass alles durch Streit und Notwendigkeit zum Leben kommt."

Im Proömium (B 1) verkündet Heraklit, dass in der Gesamtheit der Wirklichkeit ein ewiges allgemeines Gesetz wirksam sei. Obwohl alles gemäß diesem Gesetz geschehe, gleichen die Menschen jedoch Unerfahrenen und brächten kein Verständnis dafür auf.
Röd (2009, S. 97) betont, dass der Logos des Heraklit sich nicht nur in deskriptiven Gesetzesaussagen erschöpft, sondern auch einen deutlich normativen Charakter aufweist. Dies kommt besonders in B 2 zum Ausdruck, wenn es dort heißt, es wäre die Pflicht, diesem allgemeinen Gesetz zu folgen. Worin jedoch das im Wort formulierte allgemeine Prinzip besteht, bleibt in den ersten beiden Fragmenten zunächst im Dunkeln.
In B 80 wird der Krieg bzw. der Streit als ein allgemeines Gesetz beschrieben, dem die Gesamt-Wirklichkeit unterworfen ist. Es ist damit ein Prozess innerhalb des Weltgeschehens gemeint, in dem sich zunächst ein Element auf Kosten eines anderen durchsetzt. Damit jedoch das Verhältnis der einzelnen Elemente in der Gesamtheit immer konstant bleibt, setzt Heraklit voraus, dass sich das Ausbreiten eines Elements durch einen gegenläufigen Prozess wieder ausgleichen muss. Deshalb wird der Streit in diesem Sinne als ein Prinzip der Gerechtigkeit bezeichnet. Das Gesetz vom konstanten Verhältnis der Komponenten der Wirklichkeit wird von verschiedenen Kommentatoren als eine der Grundbedeutungen des Logos hervorgehoben (Rapp, 2007, S. 65 und auch Röd, 2009, S. 107).

2) Der Logos als das eine Weise

B 32: "Eins, das allein Weise, will nicht und will doch auch wieder mit Zeus Namen benannt werden."

B 41: "Eins ist die Weisheit die Vernunft zu erkennen, als welche alles und jedes zu lenken weiss."

Der Logos kommt in Heraklits Fragmenten auch als die göttliche Vernunft, als das allein Weise zum Ausdruck, das den Kosmos und seine Ordnung lenkt. "Der Logos hat den Charakter des Göttlichen, und zwar des Göttlichen im philosophischen, nicht im landläufig polytheistischen Sinn. Darum konnte Heraklit sagen, das Eine wolle und wolle nicht „Zeus“ genannt werden (B 32)." (Röd, 2009, S. 99).

3) Der Logos in Gestalt des Feuers - das Prinzip der werdenden und vergehenden Wirklichkeit

B 30: "Diese Weltordnung, dieselbige für alle Wesen, hat kein Gott und kein Mensch geschaffen, sondern sie war immerdar und ist und wird sein ewig lebendiges Feuer; sein Erglimmen und sein Verlöschen sind ihre Maasse."

B 64: "Das Weltall aber steuert der Blitz (...)."

B 67: "Gott ist Tag Nacht, Winter Sommer, Krieg Frieden, Überfluss und Hunger. Er wandelt sich aber wie das Feuer, das, wenn es mit Räucherwerk vermengt wird, nach eines jeglichen Wohlgefallen so oder so benannt wird."

B 90: "Umsatz findet wechselweise statt des Alls gegen das Feuer und des Feuers gegen das All, wie des Goldes gegen Waren und der Waren gegen Gold."

Der Logos in Gestalt des Feuers ist Heraklits Antwort auf die Frage nach der Arché (dem Grund und Urstoff der Weltordnung), mit der sich bereits die milesischen Naturphilosophen beschäftigt hatten. Die Funktion, die bei ihm das Feuer oder der glühende Äther spielt, ist mit der des Wassers bei Thales, dem Apeiron des Anaximander oder der Luft bei Anaximenes vergleichbar (Röd, 2009, S. 99). Heraklit knüpft damit an die in seiner Zeit verbreitete Vorstellung an, nach der die oberen Regionen des Himmels von einem ewigen und göttlichen Feueräther erfüllt waren (Rapp, 2007, S. 79). Der Logos als Feuer ist die Grundsubstanz, aus der die Gesamtheit der Wirklichkeit hervorgeht (erglimmt) und in die alles wieder zurückkehrt (verlöscht). Der in B 64 genannte Blitz, der das Weltall steuert, kann auch im Sinne des ewigen Feuers verstanden werden (Diels, 1903, S. 75-76).

4) Der Logos als die Einheit in den Gegensätzen

B 10: "Verbindungen sind: Ganzes und Nichtganzes, Eintracht und Zwietracht, Einklang und Missklang und aus allem eins und aus einem alles."

B 51: "Sie verstehen nicht, wie das auseinander Strebende ineinander geht: gegenstrebige Vereinigung wie beim Bogen und der Leier."

B 57: "Lehrer aber der meisten ist Hesiod. Sie sind überzeugt, er weiss am meisten, er der doch Tag und Nacht nicht kannte. Ist ja doch eins!"

B 60: "Der Weg auf und ab ist ein und derselbe."

B 61: "Meerwasser ist das reinste und scheusslichste: für Fische trinkbar und lebenserhaltend, für Menschen untrinkbar und tötlich."

B 88: "Es ist immer ein und dasselbe was in uns wohnt: Lebendes und Totes und das Wache und das Schlafende und Jung und Alt. Wenn es umschlägt, ist dieses jenes und jenes wiederum, wenn es umschlägt, dieses.

Es ist ein Grundanliegen Heraklits, in vielen Varianten auf die Einheit in den gegensätzlichen Bestimmungen der Dinge hinzuweisen. Der zentrale Gedanke der Gegensatz-Fragmente, dass sich die Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit aus der Einheit differenziert und schließlich wieder in die Einheit zurückkehrt, kommt in der Wendung "aus allem eins und aus einem alles" (B 10) am deutlichsten zum Ausdruck.
Von Gadamer (1999, S. 62) wird auch das Proömium (B 1) als Ausdruck des Logos im Sinne der Lehre von den Gegensätzen interpretiert: "Wenn in ihm eine Vielheit angekündigt wird, die ›Worten und Taten‹, wie sie allen begegnen, durchzugehen, muß man in Wahrheit dabei gerade das Eine, das das allein Wahre ist, im Auge behalten. Der Satz zeigt die Menschen alle im gleichen Irrtum, Gegensätzliches für getrenntes Seiendes zu halten, statt die wahre Einheit zu erkennen. Das ist die Paradoxie, daß er dieses Eins-Sein ›auseinandersetzen‹ will, und das ist der Logos, den es zu hören gilt." Der Gedanke, den Gadamer hier vorbringt, wird in ähnlicher Weise auch von Röd (2009, S. 106) hervorgehoben: Bei Heraklit kündigt sich langsam die für das metaphysische Denken lange wirksame Annahme an, dass neben der empirischen Wirklichkeit eine gedachte und durch die Vernunft erfassbare Wirklichkeit (das Eine) existiert, die im Vergleich zur Erfahrungswelt die "wahrere" ist.
In Heraklits Fragmenten kommen die unterschiedlichen Bestimmungen der Dinge zumindest auf zweierlei Art und Weise zum Ausdruck. Zum einen verweisen sie auf etwas, das zur gleichen Zeit zwei unterschiedliche Bestimmungen verkörpert, wie z. B. der Weg, der sowohl bergauf als auch bergab führt (B 60). In anderen Fragmenten (B 57, B 88) kommt der Gegensatz jedoch dadurch zum Ausdruck, dass eine Bestimmung im Laufe der Zeit in eine entgegengesetzte "umschlägt", wie etwa beim Wandel vom Tag zur Nacht, vom Wachen zum Schlaf usw. (Röd, 2009, S. 101).

Die Lehre vom Fluss der Dinge

B 12: "Wer in dieselben Fluten hinabsteigt, dem strömt stets anderes Wasser zu. Auch die Seelen dünsten aus dem Feuchten hervor."

B 54: "Verborgene Vereinigung besser als offene."

B 123: "Die Natur liebt es sich zu verstecken."

B 125: "Auch der Gerstentrank zersetzt sich, wenn man ihn nicht umrührt."

In B 12, dem wahrscheinlich bekanntesten Wort Heraklits, wirft er die Frage nach der Identität der Dinge im kontinuierlichen Wechsel verschiedener Bestimmungen auf. Das Problem, an das hier gerührt wird, ist die Tatsache, dass sich die Wasserpartikel eines Flusses ununterbrochen ändern und in diesem Sinne der Fluss niemals derselbe ist. Gleichzeitig bezeichnen wir den Fluss jedoch immer mit dem gleichen Namen, solange sich sein grober Verlauf nicht ändert. Darüber hinaus verweist Heraklit darauf, dass für manche Dinge die kontinuierliche Veränderung sogar notwendig ist, damit sie ihre Beständigkeit und Identität bewahren. So wie der Gerstentrank in seine Bestandteile zerfällt, wenn er nicht mehr in Bewegung ist (B 125), so gehört auch das Strömen des Wassers notwendig zum Wesen des Flusses.
Die Lehre vom Fluss der Dinge, die eng mit der Gegensatz-Lehre zusammenhängt, ist ein wesentlicher Bestandteil von Heraklits philosophischer Konzeption. Es gilt als wahrscheinlich, dass seine Grundthese in der Annahme bestand, dass sich die Tatsache, dass alles veränderlich ist, im Rahmen von Gesetzmäßigkeiten vollzieht, denen die gesamte Wirklichkeit unterliegt. So wie in vielen Erfahrungen des Menschen das Werden und Vergehen aller Dinge offensichtlich erscheint, legt andererseits die Beobachtung der Gestirne und Himmelserscheinungen eine regelmäßige Ordnung nahe, nach der sich das Geschehen im Kosmos vollzieht (Rapp, 2007, S. 70 und auch Röd, 2009, S. 105). Obwohl vordergründig die gegensätzlichen Bestimmungen und die Veränderlichkeit des Seienden in der empirischen Wirklichkeit beobachtbar sind, waltet in allem eine verborgene Harmonie (B 54), die das Wesen der Dinge (die Natur) ausmacht und im Hintergrund wirksam ist (B 123).

Literatur

Diels, H. (1903) Die Fragmente der Vorsokratiker. Berlin.
Alle zitierten Fragmente Heraklits sind in der alten Schreibweise aus diesem Buch übernommen.

Gadamer, H.-G. (1999) Der Anfang des Wissens. Stuttgart.

Rapp, Ch. (2007) Vorsokratiker. München.

Röd, W. (2009) Die Philosophie der Antike 1. Von Thales bis Demokrit. München.

 

26. November 2016          oliver beihammer