SinnZENTRUM Salzburg, Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Philosophische Gesprächsrunde am 5.2.2015

Der moralische Realismus und die objektiven universellen Werte

Was bedeutet es, wenn wir von objektiven universellen Werten sprechen? Und wie hängen solche Werte mit unveräußerlichen Rechten zusammen, die uns als Menschen zukommen?
Im folgenden möchte ich dazu einige grundlegende Gedanken aus dem lesenswerten Buch von Detlef Horster Jürgen Habermas und der Papst. Glauben und Vernunft, Gerechtigkeit und Nächstenliebe im säkularen Staat nachzeichnen. Horster bespricht an dieser Stelle ausführlich einen Diskurs zwischen Kardinal Ratzinger (dem späteren Benedikt XVI.) und Jürgen Habermas im Jahr 2004, in dem es um die Stellung der Religion und deren Werte in der säkularen Gesellschaft geht. Er stellt aber auch seine eigene Position des moralischen Realismus eingehend dar.

1. Gemeinschaftswerte und gesellschaftliche Moral

Zunächst verweist Horster (2006, S. 16 – 22) auf die Unterscheidung zwischen Gemeinschaftswerten und gesellschaftlicher Moral, die bereits von Hannah Arendt und Habermas beschrieben wurde. Bei den Gemeinschaftswerten geht es um die Werte von bestimmten Gemeinschaften oder Gruppen innerhalb der Gesellschaft, die nicht unbedingt von allen Mitgliedern der Gesellschaft geteilt werden müssen. So kann z. B. voreheliche Enthaltsamkeit ein Wert sein, der von verschiedenen religiösen Gemeinschaften vertreten und gelebt wird. Dieser Wert ist aber nicht Teil der gesellschaftlichen Moral und daher nicht für alle Mitglieder der Gesellschaft bindend. Die gesellschaftliche Moral zeichnet sich hingegen durch einen übergeordneten, für alle Mitglieder der Gesellschaft verbindlichen Charakter aus. „Man kann sich aus der gesellschaftlichen Moral nicht abmelden, so wie man aus der Kirche oder einer anderen Gemeinschaft austreten kann.“ (Horster, 2006, S. 112).

2. Werte für das menschliche Wohlergehen

Im Gegensatz zu Habermas, der die Werte einer Gesellschaft durch einen umfassenden Diskurs aller potentiell betroffenen Gesellschaftsmitglieder generieren will (Diskursethik), gehen die Vertreter des moralischen Realismus von der Existenz objektiv existierender Werte aus, die von menschlicher Zustimmung unabhängig sind (Horster, 2006, S. 37). Das diese wertvoll und gültig sind, ist nach Ansicht der moralischen Realisten unmittelbar durch die Vernunft einsichtig. Deshalb müssen sie auch nicht im Sinne von Habermas erst in einem Diskurs ermittelt werden. Von welchen Werten ist hier die Rede? „Es sind solche, die zum Wohlergehen der Menschen beitragen: etwa Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit, Schutz des Lebens, Schutz der physischen und psychischen Integrität. Wenn etwas zum Wohl der Menschen beiträgt, dann ist es wertvoll.“ (Horster, 2006, S. 38). Diese Werte sind auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in unmissverständlicher Weise niedergelegt.
In Anlehnung an den Züricher Philosophen Peter Schaber betont Horster, dass die diesen Werten zugrunde liegende Werteigenschaft das »Zum-Wohl-Beitragen« ist. “Und diese Werteigenschaft ist es, die objektive und universelle Gültigkeit beanspruchen kann.“ (Horster, 2006, S. 39). Eine Tätigkeit oder Sache wird dann selbst wertvoll, wenn ihr diese Werteigenschaft zugrunde liegt. Das Bergsteigen ist für einige Menschen wertvoll, wenn es ihrem Wohl dient. Der Frieden dient ebenfalls dem Wohl der Menschen und daher ist er wertvoll, auch wenn zwei Staaten möglicherweise unterschiedliche Vorstellungen haben, wie Frieden realisiert wird. Folter, Grausamkeit und Erniedrigung sind deshalb abzulehnen, weil sie im Umkehrschluss schlecht für die Menschen sind. Daraus folgt, dass es bei moralischem Handeln darum geht, Schädigendes zu unterlassen und zum Wohl der Menschen beizutragen. Moralische Regeln dienen darüber hinaus dem Schutz der Menschen, die vom Handeln anderer betroffen sind und dem Schutz ihrer physischen und psychischen Integrität. (Horster, 2006, S. 40).

3. Gerechtigkeit und Nächstenliebe

Die gesellschaftliche Moral basiert auf der Vorstellung von grundlegenden Werten und daraus folgenden Rechten für den einzelnen Menschen. Eine grundlegende Idee dieses Moralsystems ist der Gedanke der Wechselseitigkeit: alles, was wir anderen zu geben bereit sind, dürfen wir auch umgekehrt von ihnen erwarten (Horster, 2006, S. 83). Der wesentliche Wert, der dem Wohl der Menschen in einer Gesellschaft dient, ist die Gerechtigkeit, die auch die gerechte Verteilung der verfügbaren Güter beinhaltet. Indem er sich auf die amerikanische Philosophin Elizabeth Anderson bezieht, favorisiert Horster (2006, S. 68) hier eine Vorstellung von Gerechtigkeit auf der Grundlage der angeborenen Würde des Menschen. Danach können Menschen diese angeborene Würde unter keinen Umständen verlieren, es ist jedoch möglich, dass diese Würde verletzt wird. Gerecht ist eine Gesellschaft in diesem Sinne dann, wenn sie allen Menschen ein Dasein ermöglicht, das der Würde des Menschen angemessen ist. In der Praxis heißt das, dass niemand zugemutet wird, unter elenden Bedingungen existieren zu müssen.
Im ersten Satz der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wird die angeborene Würde aller Menschen, als Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in dieser Welt genannt.

Zusätzlich zu den Moralvorstellungen von Wechselseitigkeit und Gerechtigkeit, die eine Gesellschaft gewährleisten soll, wird im besonderen von Benedikt XVI. die gelebte Nächstenliebe angemahnt. Hier sind Menschen über das Prinzip der Wechselseitigkeit hinaus bereit, etwas zu geben, ohne das dafür eine Gegenleistung erwartet wird (supererogatives Handeln). Das biblische Vorbild für diese Art des Handelns ist der barmherzige Samariter, der den Mann, der in die Hände der Räuber fiel, weit über das hinaus versorgte, was von ihm erwartet werden konnte. Auch Horster spricht von einer seines Erachtens zentralen Aussage des Papstes (2005, S. 17), wenn dieser in der Enzyklika Deus Caritas Est schreibt: „ Liebe – Caritas – wird immer nötig sein, auch in der gerechtesten Gesellschaft. Es gibt keine gerechte Staatsordnung, die den Dienst der Liebe überflüssig machen könnte. Wer die Liebe abschaffen will, ist dabei, den Menschen als Menschen abzuschaffen. Immer wird es Leid geben, das Tröstung und Hilfe braucht. Immer wird es Einsamkeit geben. Immer wird es auch die Situationen materieller Not geben, in denen Hilfe im Sinn gelebter Nächstenliebe nötig ist. Der totale Versorgungsstaat, der alles an sich zieht, wird letztlich zu einer bürokratischen Instanz, die das Wesentliche nicht geben kann, das der leidende Mensch – jeder Mensch – braucht: die liebevolle persönliche Zuwendung.“

Literatur

Benedikt XVI. (2005) DEUS CARITAS EST. Rom.
http://www.gott-ist-liebe.at/download/deuscaritas.pdf

Horster, D. (2006) Jürgen Habermas und der Papst. Bielefeld.

Resolution 217 A (III) der Generalversammlung vom 10. Dezember 1948. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.
https://www.amnesty.at/de/view/files/download/showDownload/?tool=12&feld=download&sprach_connect=101

 

1. Februar 2015          oliver beihammer