In den Bergen rund um Kapisillit - Sommer 2017


- Blick vom Nikku auf den Kangersuneq -

Von der grönländischen Hauptstadt Nuuk, die nahe an der äußeren Küste liegt, zieht der Nuukfjord (grönländisch: Nuup Kangerdlua) ins Landesinnere und endet an den Gletschern des Inlandeises. Die großen Gletscher transportieren viel Eis in das hintere Ende des Fjords (den Kangersuneq), das in Folge durch die Bewegung der Gezeiten langsam dem offenen Meer zutreibt. Die eisigen Gewässer sind ein Paradies für viele Arten von Meerestieren. Robben sind auf der Fahrt ins Innere des Fjords häufig zu sehen und auch die Sichtung von großen Walen ist keine Seltenheit.
Kapisillit ist eine kleine Siedlung etwa 75 Kilometer östlich von Nuuk und liegt nahe dem Ende des Kapisillit Kangerluat, einem Seitenarm des Nuukfjords. Der Ort ist neben der Hauptstadt die einzige ständig bewohnte Siedlung der ganzen Region. Der Kapisillit Kangerluat ist nur durch eine wenige Kilometer breite Landbrücke vom Kangersuneq getrennt. Daher ist der imposante, mit Eis gefüllte Fjord auf einer Wanderung von Kapisillit aus zu erreichen, wobei man bereits nach zwei Kilometern durch den Kapisillik-Fluss waten muss. Das grönländische Wort "Kapisillik" bedeutet zu Deutsch "Lachs". Damit ist der atlantische Lachs gemeint, der in Grönland nur in diesem Fluss laicht und der nahegelegenen Siedlung ihren Namen gibt.

Die Fahrt nach Kapisillit. Nuuk, am 15. August. Am späten Nachmittag fanden wir uns am Hafen ein und warteten auf Ittu, der uns vor einigen Tagen zugesagt hatte, uns am Abend mit seinem Boot nach Kapisillit zu bringen. Trotz des schönen Wetters wehte ein kalter Wind und wir verkürzten uns die Wartezeit in dem Pub direkt neben der Hafenanlage. Etwas später trafen noch ein älteres Ehepaar und eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern ein, die ebenfalls mit Ittu nach Kapisillit wollten. Wir erfuhren, dass er nicht nur den Transport organisiert, sondern in Kapisillit auch einige Hütten an Gäste vermietet. Wir hatten vereinbart, ihn um 18.00 Uhr am Hafen zu treffen, aber da er erst an diesem Tag verspätet mit dem Flugzeug aus Dänemark zurückgekehrt war, mussten wir auf sein Kommen noch etwas warten. Als er schließlich eintraf, brachte er dafür viel gute Laune mit, die auf uns alle ansteckend wirkte. Und so waren wir in heiterer Stimmung, als wir etwas später in Ittus geräumigem Boot den Hafen von Nuuk verließen und in Richtung Kapisillit fuhren.
Außerhalb des Hafenbeckens nahm das Boot schnell an Fahrt auf. Am Ufer zogen die vielen bunten Häuser von Nuuk rasch an uns vorbei und wir ließen die Halbinsel, auf der die Stadt liegt, bald hinter uns. Nun breitete sich der weite, tiefblaue Fjord vor uns aus und die markante Berggestalt des Sermitsiaq mit seinen beiden Gipfeln schob sich in unser Blickfeld. Beim Anblick des Berges erinnerte ich mich daran, dass ich bereits vor Jahren Alfred de Quervains Bericht von der ersten Besteigung im Jahre 1909 gelesen hatte. Auf seiner ersten Grönlandexpedition hatte der Gletscherforscher aus der Schweiz in Nuuk (damals noch Godthåb) Station gemacht und in der Umgebung zwei Berge - den Hjortetakken und den Sermitsiaq - bestiegen, womit der Alpinismus in Grönland Einzug hielt. Heute ist die Kulisse des Sermitsiaq so etwas wie das landschaftliche Wahrzeichen von Nuuk, das auch von bildenden Künstlern thematisiert wird. 
Der Sermitsiaq stand jedoch nur am Beginn einer noch weitaus grandioseren Gebirgslandschaft, die wir auf der Fahrt in den Fjord zu sehen bekamen. In ihrer Ursprünglichkeit stand sie in seltsamen Kontrast zu der pulsierenden Stadt, die wir erst vor kurzem verlassen hatten. Die grauen Granitberge zu beiden Seiten des verzweigten Fjords wurden im Verlauf der Fahrt immer höher und mächtiger, wobei einige der felsigen Spitzen mit imposanten Steilwänden in den Fjord abfielen. An anderen Stellen fanden sich zwischen den aufragenden Klippen aus dem Wasser aufsteigende flachere Hänge, die mit spärlicher Vegetation bewachsen waren. Durch den tiefblauen Himmel und das Licht der tiefstehenden Abendsonne erschien mir diese Gebirgslandschaft von einer monumentalen Schönheit, wie ich sie bislang nur in Grönland erfahren habe.
Am Eingang zum Kapisillit Kangerluat passierten wir den Pisissarfik, einen auffälligen Berg, dessen Felswand fast senkrecht zum Fjord hin abfällt. Wie wir von Ittu erfuhren, rankt sich um den Berg eine alte Legende, in der es um einen hier ausgetragenen Wettkampf zwischen einem Wikinger und einem Inuit geht. Diese berichtet, dass der Wikinger die Auseinandersetzung verlor, woraufhin er von seinem Gegner über die Felswand des Berges in den Tod gestürzt wurde. Die Legende verweist auf die Zeit, in der die Wikinger und die Inuits in dieser Region Grönlands aufeinander trafen. Die feindlichen Auseinandersetzungen der beiden Gruppen führten letztlich dazu, dass die Normannen in der Mitte des 14. Jahrhunderts vom Nuukfjord verschwanden.
Wie wir uns dem hinteren Ende des Kapisillit Kangerluat und damit unserem Ziel näherten, begann sich die Landschaft deutlich zu verändern. Die schroffen Berge wichen weicheren und runderen Formen und die Landschaft öffnete sich und ließ einen weiteren Blick zu. Auch die Vegetation in Form von üppigen Grasmatten und niederen Büschen kehrte wieder. Bald war der kleine Hafen und die ersten Häuser von Kapisillit auf einer in den Fjord vorspringenden Landzunge zu sehen. Ittu steuerte jedoch sein Boot daran vorbei und ließ uns näher am hinteren Ende des Kapisillit Kangerluat bei einigen am Ufer stehenden Hütten an Land. Die mit uns ankommenden Fahrgäste bezogen die Unterkünfte, während Eeva Kaisa und ich auf einem etwas erhöht liegenden Platz unser Zelt für die Nacht aufschlugen. 


- Der Talorsuit (links der Bildmitte) am Eingang der Bucht von Qooqqut -

- Der Pisissarfik am Kapisillit Kangerluat -

Dorfleben und erste Wanderungen. In der ersten Hälfte unseres Aufenthaltes in Kapisillit wurden wir vom Wetter nicht verwöhnt. Mein Tagebuch erinnert mich daran, dass es während einer ganzen Woche aus tiefhängenden grauen Wolken fast durchgehend regnete. Wenn sich manchmal der Himmel gegen Abend etwas aufhellte, neigten wir dazu, dass als Zeichen einer kommenden Wetterbesserung zu deuten. Umso überraschter waren wir, als bereits in der Nacht der Regen wieder auf unser Zelt trommelte und den ganzen nächsten Tag über anhielt. Nach einigen Tagen hatten die schweren Regenfälle die nicht asphaltierte Straße in die Ortschaft in ein schlammiges Bachbett verwandelt. Trotz der darauf verlegten Eisengitter war es unter diesen Umständen schwierig, trockenen Fußes von unserem Zeltplatz zum Hafen mit dem Lebensmittelladen zu kommen. In jenen Tagen lernten wir das Service-Haus in Kapisillit sehr zu schätzen. Mehrfach suchten wir das knallgelb gestrichene Gebäude auf, in dem man für ein vergleichsweise geringes Entgelt duschen und die Wäsche waschen kann. Im Haus ging es sehr gemütlich zu, denn es waren meist nur wenige Leute anwesend. In dem kleinen Raum rechts neben dem Eingang saß eine Grönländerin, die das Geld kassierte, aber aus Mangel an Kundschaft viel Zeit zum Stricken fand. Sie sprach kaum Englisch, nickte uns aber immer sehr freundlich zu, wenn wir das Gebäude betraten. Am Nachmittag verließ sie meistens ihren Platz und kam erst eine Stunde später wieder, um das Haus zu schließen. Es schien sie nicht zu stören, wenn wir auch in der Zeit ihrer Abwesenheit so lange im Haus blieben, bis die letzten Kleider gewaschen und getrocknet waren. Wenn wir nicht im Dorf unterwegs waren, fanden wir bei dem schlechten Wetter viel Zeit zum Lesen. Es war ein Glücksfall, dass ich mir für den Aufenthalt in Kapisillit das Buch A ravens gift von Jon Turk mitgenommen hatte.
Wenn der Regen in den Abendstunden etwas nachließ, begab ich mich gelegentlich mit einer Angel, die uns Ittu überlassen hatte, in die Uferfelsen unterhalb unseres Zeltplatzes. Am hinteren Ende des Kapisillit Kangerluat tummeln sich große Mengen von Kabeljau im Meer und die Fische sind besonders, wenn das Wasser mit der Flut steigt, leicht zu fangen. Als beim ersten Mal überraschenderweise gleich zu Beginn ein großer Kabeljau anbiss, war es für mich als nicht besonders geübtem Angler eine Herausforderung, den wild zappelnden schweren Fisch aus dem Wasser zu ziehen.
Trotz des schlechten Wetters gelangen uns in dieser ersten Woche zwei Wanderungen, die uns erste Eindrücke von der subarktischen Landschaft in der näheren Umgebung des Ortes bescherten. Unser erster Ausflug führte uns auf eine etwa 500 Meter hohe Erhebung südlich des Pingu - dem "Hausberg" von Kapisillit. Von unserem Zeltplatz umrundeten wir den Pingu in östlicher Richtung und stapften anschließend über eine Ebene mit triefend naßem Gras, über die auch kleinere Bäche flossen. In höheren Regionen kamen wir auf felsigem Untergrund besser voran und beobachteten aus wenigen Metern Entfernung eine Gruppe von Schneehühnern im graubraunen Sommerkleid, die sich von unserer Anwesenheit nicht weiter stören ließen. Obwohl es auch auf dieser Wanderung zeitweilig regnete, hoben sich später die dichten Wolken so weit, dass wir von oben einen freien Blick auf den Kapisillit Kangerluat hatten, in dem weit draußen vereinzelt ein paar Eisberge schwammen. Nur die Gipfel der höheren Berge auf der rechten Seite des Fjords, wie der markante Pisissarfik, hüllten sich in Wolken. Im Nordwesten erspähten wir auch einen Teil des mit Eis gefüllten Kangersuneq, der zwischen den grauen gerundeten Bergen weiß herüber schimmerte. Von unserem Aussichtspunkt stiegen wir schließlich zum Ufer des Fjords ab und fanden dort einen Pfad, dem wir zurück in die Ortschaft folgten.
20. August. In der Nacht auf diesen Sonntag hatte es wieder stark geregnet, aber am Vormittag sah das Wetter etwas freundlicher aus. Es hörte auf zu regnen, einige blaue Flecken waren am Himmel zu sehen und gelegentlich fielen einige Sonnenstrahlen durch die sich langsam lichtenden Wolken. Kurz nach Mittag brachen wir zu einer Wanderung zum Kangersuneq auf. Wir querten zunächst den Kapisillit-Fluß, kamen bald darauf an einigen Hütten vorbei und wanderten schließlich auf der Landbrücke über eine sumpfige Ebene, die sich bis zum Ufer des Kangersuneq erstreckt. Als wir dort anlangten, hing ein schwerer feuchter Dunst über dem Fjord. Es war windstill und nichts regte sich. Wie ein gigantischer Spiegel lag die riesige unbewegte Wasserfläche vor uns, die durch die stahlgraue Farbe und die zahllosen darin treibenden Eisschollen kalt und leblos wirkte. Wir wanderten auf die kleine Landzunge, die hier in den Fjord ragt und ließen uns für eine Weile auf der Anhöhe bei einem Steinmann nieder. Anschließend besuchten wir noch zwei Plätze in der Nähe, die in der Karte als "Eskimo-Ruinen" eingezeichnet waren. An dem einen Ort war auf einer ebenen Kiesfläche ein großer Steinkreis zu sehen. Der andere zeigte sich als eine Ansammlung von Steinen auf einer mehrere Quadratmeter großen Fläche mit hohem Grasbewuchs, die sich dadurch auffallend von der mageren Vegetation der Umgebung abhob. An diesem Tag am Kangersuneq wusste ich noch wenig über die Geschichte des Nuukfjords, aber es beschäftigte mich die Frage, welche Menschen unter diesen Bedingungen hier in früheren Zeiten gelebt hatten. Später erfuhr ich, dass sich nur wenige Kilometer entfernt, in Nuunnguaq eine bedeutende Ausgrabungstelle der Saqaqq-Kultur befindet - der ersten Menschen, die hier vor Jahrtausenden gesiedelt hatten. Als wir uns am späteren Nachmittag auf den Rückweg nach Kapisillit machten, schien sogar etwas die Sonne und wir saßen in der angenehmen Wärme vor einer der Hütten auf dem Weg. In der Nacht begann es jedoch wieder zu regnen und der Niederschlag hielt auch die beiden darauffolgenden Tage an.


- Das Service-Haus (rechts) in Kapisillit -

- Aussicht auf den Kapisillit Kangerluat auf unserer ersten Wanderung -

- An den Ufern des Kangersuneq -

Aputitooq, Pingu und Nikku. Am ersten schönen Tag nach der verregneten Woche erstiegen wir den südlich von Kapisillit liegenden Aputitooq. Um den höchsten Punkt des 1126 Meter hohen Berges zu erreichen, nahmen wir eine lange Tagestour in Kauf - vor allem, weil wir einen anderen Rückweg nach Kapisillit wählten, der sich jedoch landschaftlich als sehr lohnend erwies. Wir folgten zunächst den Spuren unserer ersten Wanderung, überquerten wieder die nasse Ebene mit den kleinen Wasserläufen und stiegen von dort in ein nach Süden verlaufendes Tal mit einem rauschenden Bach auf. Dort sahen wir zum ersten Mal in unserem Leben wild lebende Rentiere, zuerst eine kleinere Gruppe mit fünf Tieren und später noch eine größere mit etwa zwanzig. Sie unterschieden sich äußerlich kaum von den Rentieren der Samen, die uns von Nordskandinavien her vertraut sind. Tatsächlich erfuhr ich später, dass die heutigen wild lebenden Rentiere am Nuukfjord von indigenen Grönlandrentieren und einer Herde norwegischer Rentiere abstammen, die in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts hierher gebracht wurde. Nach der Sichtung der Rentieren stiegen wir auf Pfaden, die ebenfalls von diesen Tieren stammten, auf einen flachen Pass auf und kamen daraufhin in felsiges Gelände mit ausgedehnten Schneefeldern. Nach fünfeinhalb Stunden Aufstieg erreichten wir die flache Gipfelkuppe, auf der ein großer Steinmann stand. Obwohl sich der zunächst blaue Himmel wieder einzutrüben begann, hatten wir einen großartigen Ausblick in alle Richtungen. Trotz der dahinziehenden Nebelschleier war im Osten hinter vielen vorgelagerten Bergen die weiße Linie des Inlandeises deutlich zu sehen. Weiter im Süden erspähten wir einen Blick auf die an den Ameralik (Lysefjord) angrenzende sandige Ebene des Austmannadalen. Dort befindet sich der berühmte Nansens teldplats - der Ort an dem Fritjof Nansen mit seinen Gefährten im Jahre 1888 nach der ersten Durchquerung des grönländischen Inlandeises das Meer erreichte. In der entgegengesetzten Richtung sahen wir den Kapisillit Kangerluat in seiner ganzen Länge mit den zahllosen schroffen Granitbergen in Richtung des offenen Meeres. Wir blieben fast eine Stunde, bis wir uns wegen der fortgeschrittenen Tageszeit von dem grandiosen Ausblick verabschieden mussten. Wir stiegen auf unserer Aufstiegroute ab, wandten uns aber dann nach Osten in ein Tal mit zwei kleinen Seen und anschließend weiter hinunter in das weite Tal des Kapisilik-Flusses. An den Hängen oberhalb des Qajartariassuaq (ein großer See) sahen wir noch mehrere versprengte Gruppen von Rentieren. Der Weg zurück nach Kapisillit führte teilweise durch wegloses, mühsam zu durchquerendes Gebüsch und zog sich deshalb noch sehr in die Länge. Aber trotz aller Mühen erreichten wir am Abend zwar etwas müde, aber ansonsten wohlbehalten unser Zelt.
Am folgenden Tag unternahm ich alleine eine Nachmittagstour auf den Pingu. Ich entschied mich dafür, von den Häusern hinter der Ortschaft direkt nach oben zu steigen und musste dafür in dem felsigen Gelände den Weg gelegentlich etwas suchen. Oben angelangt, hatte ich jedoch in der Nachmittagssonne einen schönen Bick hinunter nach Kapisillit und die umliegenden Meeresarme.
Am nächsten Tag, dem 25. August, fiel unsere Wahl auf den Nikku, einen von Kapisillit deutlich zu sehenden Berg, direkt über dem Kangersuneq. Bei dem sonnigen Wetter versprachen wir uns von oben einen schönen Blick auf den imposanten Fjord. Wie sich später zeigte, wurden unsere Erwartungen mehr als erfüllt. Da wir inzwischen Gefallen an Rundtouren gefunden hatten, wanderten wir zuerst nach Illorsuit, einem in der Karte verzeichneten Ort im Tal des Kapisillik-Flusses. Am dortigen gleichnamigen See, dem Illorsuit Tasiat, hatten einst die Wikinger gesiedelt. Von dort stiegen wir durch steileres Gelände auf ein von kleinen Tälern durchzogenes Hochplateau, dessen höchster Punkt der Gipfel des Nikku darstellt. Die Orientierung auf der zergliederten Hochfläche war wegen der begrenzten Sicht etwas schwierig, aber schließlich sichtete Eeva Kaisa in der Ferne auf einer felsigen Kuppe einen Steinmann, der in etwa dort lag, wo wir den Gipfel vermuteten. Bald darauf kamen wir an einen namenlosen See vorbei, den ich auf der Karte wegen seiner drei Ausbuchtungen zweifelsfrei identifzieren konnte. Kurz unter dem Gipfel querten erstaunlicherweise noch einige Rentiere unseren Weg, die offensichtlich sogar das felsige Gelände hier oben nicht scheuten. Als ich die letzten Schritte hinauf zum höchsten Punkt des Nikku tat, eröffnete sich mir ein überwältigender Ausblick auf den Kangersuneq. Von hier konnten wir die ganze Länge des gewaltigen Meeresarmes überblicken und auch deutlich die großen, vom Inlandeis herunterfließenden Gletscher sehen, die riesige Mengen von Eis in das hintere Ende des Fjords schieben. In dem glatten Wasser mit den unzähligen Eisbrocken spiegelte sich der Himmel und der Fjord erschien daher an diesem Tag blau. Ich machte einige Fotos, die jedoch nur begrenzt den Eindruck der erfahrbaren Wirklichkeit wiedergeben. Beglückt von dem Erlebnis verließen nach einer halben Stunde den grandiosen Aussichtspunkt und wählten einen breiten, zum Fjord hinunterziehenden Rücken für den Abstieg. Auf dem letzten Stück des Weges nach unten, der über steiles Gras in ein kleines Tal führte, verlor ich Eeva Kaisa kurzzeitig aus den Augen. Als ich auf mein Rufen keine Antwort bekam, begann ich nach ihr zu suchen, aber es stellte sich bald heraus, dass Eeva Kaisa auf einem anderen Weg sicher nach unten gelangt war. Als wir später dem Ufer des Kapisillit Kangerluat entgegen wanderten, sahen wir in der Entfernung unweit des Strandes einen orangefarbenen Gegenstand, der sich aus der Nähe als ein großes Zelt zu erkennen gab. Zwei gebückte Gestalten, die mit einem Stirnband eine schwere Last trugen, gingen langsam darauf zu. Die beiden grönländische Jäger hatten in der Umgebung Rentiere erlegt und transportierten ihre Beute nun zu ihrem Lager. Nachdem wir noch einmal einigermaßen trockenen Fußes den Kapisilik-Flusses gequert hatten, erreichten wir nach diesem erfüllten Tag im Schein der Abendsonne unser Zeltlager.


- Aussicht vom Aputitooq auf den Kiinasaqi, den höchsten Berg am Nuukfjord -

- Blick vom Aputitooq in Richtung des wolkenverhangenen Inlandeises -

- Kapisillit vom Gipfel des Pingu -

- Der hintere Kangersuneq mit den Gletschern des Inlandeises vom Nikku -

Die letzten Tage in Kapisillit und die Fahrt nach Qooqqut. Am nächsten Tag, einem Samstag sah es am Morgen nach Regen aus, aber die Wolken verzogen sich rasch. Bald schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Trotzdem gedachten wir nach den ausgiebigen Bergtouren der letzten Tage einen Rasttag einzulegen. Gegen Mittag wanderten wir langsam in die Ortschaft, wo wir auf einer erhöht liegenden Bank saßen und auf den in der Sonne glänzenden Kapisillit Kangerluat hinausblickten. Während Eeva Kaisa dies von Anfang an genoss, fühlte ich mich zunächst etwas unruhig, denn ich war in dem Gedanken befangen, man müsse hier die schönen Tage für verschiedene Touren nutzen, bevor wieder der nächste Dauerregen einsetzte. Wie sich noch zeigen sollte, war diese Überlegung zumindest nicht ganz falsch, denn wenige Tage später saß ich in Qooqqut bei sehr ungemütlichem Wetter wieder tagelang im Zelt fest - dieses Mal allerdings alleine, denn Eeva Kaisa war inzwischen nach Hause gereist. Ich stand von der Bank auf und machte einen Besuch in der nahen Kirche. Als ich mich später wieder zu Eeva Kaisa setzte, begann auch ich mich einer gewissen Beschaulichkeit hinzugeben.
Am Nachmittag sahen wir Ittus Boot langsam über den Fjord auf Kapisillit zufahren. Als wir ihn etwas später trafen, bot er uns an, dass wir heute mit ihm nach Nuuk zurückfahren könnten. Wir lehnten das gutgemeinte Angebot ab, denn nun in aller Eile unsere Sachen zu packen, wäre ein unpassender Abschluss für unseren Aufenthalt hier gewesen. 
Am Sonntag Mittag traf Ittu mit einigen Leuten erneut in seinem Boot ein. Nun war auch für uns die Stunde der Abreise gekommen. Die Neuankömmlinge bezogen die Hütten am Ufer, während wir unsere Sachen an Bord brachten. Wir legten vom Ufer ab, mussten allerdings nach einer kurzen Strecke wieder umkehren, weil die Bordelektronik einen möglichen Defekt der Maschine anzeigte. Die Schwierigkeiten waren jedoch schnell behoben und bald darauf fuhren wir, an einigen in der Sonne glitzernden Eisbergen vorbei, in den weiten Fjord hinaus. Nach einer Stunde Fahrt bog Ittu in die Bucht von Qooqqut ein und steuerte auf deren hinterstes Ende zu, wo sich ein tosender Bach ins Meer ergoss. Da es hier keine Anlegestelle gab, stieß er sanft mit dem Bug des Bootes auf die schrägen Uferfelsen und hielt ihn mit Maschinenkraft entgegen der Wellenbewegung am Felsen. Da das mehr schlecht als recht funktionierte, warf ich ohne lange zu zögern meinen Rucksack und eine Kiste mit Verpflegung auf die Felsen hinüber. Ich blickte Eeva Kaisa noch kurz an, gab ihr einen Abschiedskuss und sprang über die Reling des Bootes ebenfalls an Land. Einen Augenblick später legte das Boot auch schon wieder ab und Ittu rief im Gedröhne der Maschine noch zu mir herüber: "I will come and look for you!" Dann gab er Gas und das Boot entfernte sich rasch. Eeva Kaisa stand am Heck, blickte zu mir herüber und winkte. Ich winkte zurück. Daraufhin sammelte ich mein Gepäck ein und schleppte es über die schrägen Felsen zu einer ebenen Grasfläche hinauf. Ich blickte noch einmal auf die Bucht hinaus, auf dem das Boot nur mehr ganz klein zu sehen war. Als ich den Hügel auf der anderen Seite etwas hinunterging, war auch das Rauschen des Baches nicht mehr zu vernehmen und es umfing mich eine tiefe Stille.
Was ich in den Tagen in Qooqqut erlebte, möchte ich ein anderes Mal ausführlicher erzählen. Für jetzt nur so viel: Es schüttete wieder tagelang und im Wind brandete das graue Meer donnernd an den steinigen Strand. An den schöneren Tagen erstieg ich noch drei Berge: die Norsana, den Qaaqarssuaq und einen namenlosen 1504 Meter hohen Berg. Von letzterem versicherte mir ein einheimischer Däne glaubhaft, dass dies der Zweithöchste am Nuukfjord sei. Die Ausblicke von all diesen Gipfeln auf das gewaltige Fjordsystem haben sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt.


- Blick vom Qaaqarssuaq auf den weitverzweigten Nuukfjord -

 

16. Mai 2019          oliver beihammer