Die einsamen Berge im Norden Islands - Sommer 2016


- Grjótárdalur auf Tröllaskagi -

Als wir im August dieses Jahres mit dem Fährschiff Norröna auf die Ostküste Islands zusteuerten, hatten wir noch wenig Vorstellung davon, was uns in Island erwarten würde. Ich war - auf dem Weg nach Ostgrönland - drei Mal zuvor in Island gewesen, hatte aber bei diesen Gelegenheiten nur die Hauptstadt Reykjavik und deren nähere Umgebung kennengelernt.

Der erste Tag in Island. Donnerstag, 11. August. Bald nach dem Erwachen begab ich mich aus der Koje in der Tiefe des Schiffsbauches auf das am höchsten gelegene Deck über dem Bug der Norröna. Zu dieser frühen Morgenstunde war es auf dem Schiff ruhig und still, obwohl viele Fahrgästen an Bord waren. Der andauernde starke Wind der letzten Tage hatte sich über Nacht gelegt und trotz der vielen Wolken war der Horizont deutlich sichtbar. Begleitet vom tiefen Brummen des Schiffmotors schob sich das Schiff im sanften Auf und Ab der anrollenden Wellen durch das bleigraue Meer. Nach einer Weile konnte ich im Westen schemenhaft die Küste Islands am Horizont erkennen.
Einige Stunden später erreichte die Norröna die Mündung des Seyðisfjörður, den schmalen Fjord an der Ostküste Islands, an dessen Ende die gleichnamige Ortschaft liegt. Zu beiden Seiten des Fjords ragten mit sattem Grün bewachsene Berge aus dem Wasser, über die immer wieder rauschende Bäche herunterströmten. Je weiter wir in den Fjord hineinfuhren, umso öfter waren unter den Berghängen kleinere Ansammlungen von Häusern zu sehen. Als schließlich Seyðisfjörður in Sicht kam, war ich etwas überrascht, wie klein die Ortschaft war, auf die das große Schiff zusteuerte. Nachdem die Norröna an der Hafenmauer  angelegt hatte, rollten wir nach einer halben Stunde Wartezeit in einer Reihe mit vielen anderen Fahrzeugen vom Schiff. Das Wetter war so, wie ich es zuvor auf Island schon öfter erlebt hatte: Dunkle, graue Wolken hingen tief an den Berghängen und die nassen Sraßen mit den vielen Pfützen erinnerten daran, dass es hier vor kurzem noch geregnet hatte. Als wir wenig später durch die Ortschaft fuhren, prasselte der Regen erneut auf die Straßen von Seyðisfjörður nieder. Wir besuchten die Kirche und gingen damit einer alten Gewohnheit nach, in einer unbekannten Ortschaft zuerst immer die Kirche aufzusuchen.


- Seyðisfjörður -

Bald darauf verließen wir Seyðisfjörður in der Hoffnung, dass andernorts das Wetter besser sein würde. Wir fuhren über die kurvenreiche Straße auf den Pass in Richtung Egilsstaðir an der Ringstraße. Die Passhöhe lag in dichtem Nebel. Erst weiter unten lichteten sich die Wolken und Egilsstaðir mit dem langezogenen See Lagarfljót kam in Sicht. Von der Ortschaft fuhren wir auf der Ringstraße weiter nach Westen und hielten das nächste Mal an einem Parkplatz unter einem mächtigen Wasserfall. Der Karte entnahmen wir, dass es der Fluss Ysta Rjúkandi war, der hier ins Tal herunterstürzte. Wir waren nicht die einzigen, die in einer Regenpause den schmalen Pfad hinaufstiegen und die tosenden Wassermassen bestaunten, die sich über mehrere Kaskaden ihren Weg nach unten bahnten.
Auf der weiteren Fahrt ging es auf die Hochebene der Jökuldalsheiði hinauf. Das weite Land wirkte wie eine karge Mondlandschaft, eine spärlich bewachsene Ebene mit Berge aus dunklem Lavagestein, die mich an hingeschüttete Kohlehaufen erinnerten. Der öde und unwirtliche Eindruck wurde durch die tief hängenden Wolken und den schneidend kalten Wind noch verstärkt. An den Halteplätzen stiegen wir manchmal aus, waren aber für die Witterung noch ungenügend gekleidet und flüchteten deshalb bald wieder in unser Auto. Auf der weiteren Fahrt nach Westen wunderte ich mich, wie stark befahren die Ringstraße war - ganz abgesehen von manchen waghalsigen Überholmanövern vorbeirauschender Lastkraftwagen. Irgendwann dämmerte mir jedoch, dass in den vielen Autos mit isländischen Kennzeichen nicht nur Isländern hinter dem Steuer saßen, sondern dass es sich oft um Touristen handelte, die mit Leihautos unterwegs waren.
Am späten Nachmittag näherten wir uns unserem Tagesziel - dem Mývatn. Nach der Fahrt über die karge Hochfläche hielten wir an und blickten vom Námafjall hinunter auf den von Lavagestein umgebenen, verzweigten See. Da im Gebiet um den Mývatn freies Campieren und Zelten nicht erlaubt ist, fanden wir uns schließlich am Campingplatz der Ortschaft Reykjahlið im Nordosten des Sees ein. Hier erlebten wir das erste Mal die distanzierte Haltung der Einheimischen, die dann entsteht, wenn sich an einem Ort viele Menschen drängen, die es alle unterzubringen gilt. Einer der Betreiber des Platzes ging an unserem Auto vorbei und als er den Kajak auf dem Dach sah, wies er mich darauf hin, dass das Befahren des Sees mit einem eigenen Boot verboten sei. Ich könnte aber ein Boot mieten, dann wäre es erlaubt, meinte er kurz. Nach diesem Erlebnis wussten wir, dass wir den Mývatn bald verlassen würden. Zweifelsohne ist die Gegend um den See in geologischer und naturkundlicher Hinsicht etwas Besonderes, aber auch später hatte ich nicht mehr das Bedürfnis dort länger als für eine Pause auf der Durchfahrt zu halten. Inzwischen habe ich allerdings sehr freundliche Isländer getroffen, die mir glaubwürdig versicherten, dass am Mývatn ihre Lieblingsplätze in Island zu finden seien ...

Erster Besuch am Goðafoss. Ein imposanter Wasserfall in Nordisland, bei dem der Fluss Skjálfandafljót über eine bogenförmige Felsstufe in die Tiefe stürzt, trägt diesen Namen. Er befindet sich an der Ringstraße zwischen dem Mývatn und Akureyri und ist deshalb für isländische Verhältnisse leicht erreichbar. Eine Sage berichtet, dass um das Jahr 1000 n. Chr. Þorgeir, der Gode von Ljósavatn, beschloß, dass das ganze Land das Christentum als neuen Glauben annehmen sollte. Nach dieser Entscheidung schleuderte er seine alten Götterbilder den rauschenden Wasserfall hinunter, woraufhin dieser den Namen "Goðafoss" ("Götter-Wasserfall") erhielt. Der Goðafoss ist eine der wenigen Sehenswürdigkeiten an der Ringstraße, die wir besucht haben.
Als wir am zweiten Tag vom Mývatn nach Westen fuhren und das Schild neben der Straße passierten, welches das Naturschauspiel ankündigt, kam von der Anhöhe bald ein großer Parkplatz mit zahlreichen Autos in Sicht. Wir hielten in der Nähe des Flusses vor einem größeren Gebäude (ein Restaurant mit Souvenirladen) und konnten etwas flussaufwärts eine Aussichtskanzel über den tosenden Wassermassen erkennen. Da sich dort viele Menschen tummelten, hatten wir nach den Erlebnissen am Mývatn keine Lust uns dorthin zu begeben. Wir beschlossen, den Ort bei der Rückreise im September zu besuchen, in dem Glauben, dass es hier später im Jahr vielleicht etwas ruhiger wäre. Nach diesem Erlebnis am nunmehr zweiten Tag unseres Aufenthaltes in Island wurde uns klar, dass wir uns auf die Suche nach einem anderen Island machen mussten - einem Island fernab der Touristenströme an der Ringstraße.

Die Berge rund um den Eyjafjörður. Dieses stille und weitgehend unberührte Island fanden wir schließlich in den rauen Gebirgslandschaften der Halbinseln Fjörðum und Tröllaskagi zu beiden Seiten des Eyjafjörður. Abgesehen von einer einzigen Ausfahrt mit dem Kajak auf dem an diesem Tag fast spiegelglatten Fjord, wanderten wir durch stille Hochtäler, überquerten rauschende Bäche, stiegen über grobes Geröll und hartes Gletschereis auf entlegene Gipfel und staunten über die grandiosen Ausblicke, die sich uns von dort boten.


- Paddeln am Eyjafjörður mit Blick auf den Kaldbakur -

Es begann damit, dass wir nach Erreichen des Eyjafjörður die Ringstraße verließen und nordwärts in die kleine Ortschaft Grenivík fuhren. In dem ruhigen Ort mit den freundlichen Menschen fühlten wir uns wohl und wir kehrten später noch öfter dorthin zurück. In der Umgebung von Grenivík unternahmen wir einige Bergtouren, die sich wegen ihrer Einsamkeit und den großartigen Ausblicken auf den Eyjafjörður und die umliegenden Berge tief in mein Gedächtnis eingeprägt haben. Wir hätten gerne noch die Leirdalsheiði und die Flateyjardalsheiði in Fjörðum besucht, mussten aber darauf verzichten, weil das Befahren der holprigen Straßen in diesen Tälern nur mit einem Jeep gestattet ist.


- Ausblick vom Útburðarskálarhnjúkur auf die Berge von Fjörðum -

Im Anschluss daran erkundeten wir einige Täler und Berge auf der Halbinsel Tröllaskagi. Da es in diesem Sommer das Wetter überwiegend gut mit uns meinte, gelangen uns dort mehrere Touren, von denen einige die Höhepunkte der gesamten Reise darstellten. Immer wieder staunten wir, wie wenig begangen und rau diese Berge waren. Markierte Wege fanden wir nur verhältnismäßig wenige vor und wenn, dann fiel die Markierung eher spärlich aus. Auf der Mehrzahl der Gipfel, die wir erstiegen, mussten wir uns den Weg selber suchen. Wenn wir es durch die Vegetation in tieferen Lagen und weiter oben über unwegsames Geröll und Schnee bis auf die Gipfel schafften, fanden wir oft Steinmänner vor, die davon zeugten, dass die Berge doch gelegentlich bestiegen werden. Auf einigen Gipfeln deuteten jedoch kaum irgendwelche Spuren auf frühere Besteigungen hin.


- Aufstieg auf den Lambárdalsöxl, Glerárdalur - 

Wir hatten vor der Abreise nach Island daran gedacht, dass wir zuerst die Gegend um den Eyjafjörður besuchen und dann weiter zu den Vestfirðir (Westfjorden) reisen wollten. Das hing damit zusammen, dass ich im Sommer 1998 eine Familie in Reykjavik kennengelernt hatte, die mir schon damals die Vestfirðir als lohnendes Reiseziel empfohlen hatten. Aber dazu kam es auch in diesem Sommer 2016 nicht. Die Gebirge um den Eyjafjörður boten so viele interessante Ziele, dass nach einer Weile von einer Weiterfahrt in einen anderen Teil Islands keine Rede mehr war.

Zweiter Besuch am Goðafoss. Am 5. September fuhren wir nach Wochen in den einsamen Bergen nach Seyðisfjörður zurück. Als wir bei sonnigem Wetter wieder am Goðafoss hielten, wurde uns schnell klar, dass die Zahl der schaulustigen Touristen kaum geringer war als beim ersten Besuch. Trotzdem wanderten wir dieses Mal die kurze Wegstrecke zur Aussichtskanzel, die einen schönen Blick auf den Wasserfall bietet. Vor, hinter und seitlich von uns klickten unzählige Kameras, wodurch ich die Lust zum Fotografieren etwas verlor. Zudem wurde ich durch das Verhalten von einigen anwesenden Leuten ohnehin bald von der Natur abgelenkt. Ich sah junge Männer, die über das Stahlgeländer der Aussichtskanzel kletterten und sich auf die über dem Fluss liegenden Felsvorsprünge begaben. Dort nahmen sie Siegerposen ein und ließen sich so von ihren Gefährten fotografieren. Aber auch Damen wagten es, über das Geländer zu steigen, um etwas später in graziöser Haltung nahe vor der Kulisse der schäumenden Wassermassen zu sitzen. Viele von den Touristen auf der Aussichtskanzel lichteten sich selbst vor dem Naturschauspiel mit Hilfe langer Selfie-Sticks ab. Manche verstauten diese daraufhin in den kleinen rückwärtigen Hosentaschen ihrer Jeans, wobei sie die unsichere Art der Aufbewahrung nicht zu stören schien. Wir sahen dem bunten Treiben eine Weile zu, das in seltsamem Gegensatz zu unseren Erlebnissen der letzten Wochen stand. Schließlich warf ich einen letzten Blick hinunter auf den tosenden Wasserfall und die umgebende weite Landschaft, die sich im warmen gelben Licht dieses Spätsommernachmittags kräftig gegen das Blau des Himmels abhob. Anschließend gingen wir langsam zurück zum Auto und fuhren auf der Ringstraße weiter nach Osten. Bald zogen Wolken auf und später begann es zu regnen.


- Goðafoss -

Seyðisfjörður. Am frühen Abend dieses Tages kamen wir in Seyðisfjörður an, zwei Tage bevor die Norröna zurück nach Dänemark fuhr. Wegen des schlechten Wetters flüchteten wir uns bald in die trockene Küche des Campingplatzes. Trotzdem blieb mir die Aufgabe nicht erspart, später in der Finsternis und bei strömendem Regen auf dem aufgeweichten Platz das Zelt aufzustellen. Bis auf wenige hellere Stunden blieb das Wetter während unserer letzten Tage in Island kalt und regnerisch und besserte sich erst, als am Abend des 7. September die Norröna aus dem Hafen von Seyðisfjörður auslief.
Die Kirche, die wir gerne noch einmal besucht hätten, war um diese Jahreszeit bereits verschlossen, aber wir unternahmen einigen Spaziergängen durch den Ort und besuchten das Hallenbad. Am Campingplatz waren Reisende aus allen Nationen anzutreffen, von denen viele ebenfalls auf die Abfahrt des Schiffes warteten. Dort lernten wir Stefan und Axel kennen, zwei Radfahrer aus Deutschland, die in diesem Jahr auf einer langen Fahrradtour quer durch Europa unterwegs gewesen waren und nun auf dem Rückweg nach Hause waren. Wir sind mit den beiden über die Reise hinaus in Kontakt geblieben. Und so bescherte uns diese Sommerreise nicht nur bleibende Erinnerungen an Islands einsame Berge, sondern auch Freundschaften, die bis heute andauern.

 

1. Oktober 2018          oliver beihammer