Eine Erinnerung an dunkle und stürmische Tage - Weihnachten 2008

Die folgenden Zeilen sind eine Erinnerung an eine "Schitour" in Lappland, die nun bald zehn Jahre zurück liegt. Mir sind von dieser Wanderung viele Einzelheiten im Gedächtnis, denn bei kaum einer anderen unserer Unternehmungen lagen Freude und Leid so nahe beinander. Es war die dritte von mehreren Kaamos-Touren, die wir im Zeitraum von 2005 bis 2010 im Norden von Finnland, Norwegen und Schweden unternahmen. Kaamos oder Kaamosaika, das sind die finnischen Wörter für die Zeit der Wintersonnenwende, für die Zeit, in der die Tage am kürzesten und die Nächte am längsten sind. Über dem Polarkreis kommt dann die Sonne nie über den Horizont und je weiter nördlich man sich aufhält, umso mehr nimmt das Tageslicht ab. Für viele Mitteleuropäer, die bei dieser Vorstellung vor allem an Finsternis und Kälte denken, klingt das wenig anziehend. Ich habe jedoch erfahren, dass es besonders zu dieser Zeit wunderbare Lichtstimmungen gibt, die eben dadurch entstehen, dass sich die Sonne nie am Himmel zeigt. Bei klarem Wetter färbt sich der Himmel oft in reinen Pastelltöne, die von Blau, über Violett und Lila bis zu Rosarot reichen. In Kombination mit dem matt schimmernden Weiß der schneebedeckten Landschaft bieten diese Farbtöne zauberhafte, fast unwirklich scheinende Eindrücke und Stimmungen. Wenn dann tatsächlich das Tageslicht schwindet und die langen Nächte beginnen, sind oft Polarlichter zu sehen. Diese Erscheinungen, die sich in der Stille einer kalten Nacht wie von Geisterhand bewegen, sind mit Worten nur unzureichend zu beschreiben, aber nicht umsonst spielen sie in der Mythologie der Völker des Nordens eine bedeutende Rolle. 

22. Dezember. Wir hatten Oulu am frühen Morgen verlassen und kamen nach einer langen Busfahrt am Nachmittag in Kilpisjärvi an. Es dämmerte bereits, als wir den gut geheizten Bus verließen und in der kalten Luft den kurzen Weg zur Biologischen Station unten am Seeufer gingen. Im Eingangsbereich des Stationsgebäudes breiteten wir auf dem spiegelblanken Boden unsere Ausrüstung aus und begannen das Notwendige für die bevorstehende Tour zu packen. Wir planten in den norwegischen Øvre Dividal-Nationalpark zu wandern, der südlich von Kilpisjärvi gelegen ist und den ich schon von verschiedenen Besuchen im Frühjahr und Sommer kannte.
Als wir den größeren Teil unserer Ausrüstung im Pulkaschlitten verstaut hatten, war es draußen bereits völlig dunkel geworden. Ich war von einer gerade überwundenen Verkühlung noch etwas geschwächt, aber trotzdem hielt es uns nicht länger in der angenehmen Wärme der Biologischen Station. Wir verließen Kilpisjärvi am späten Nachmittag mit dem Ziel noch am selben Tag die Hütte am Kuokkimajärvi zu erreichen. Es führte eine markierte Spur über den gefrorenen Kilpisjärvi, der wir selbst in der mondlosen Nacht ohne Schwierigkeiten folgen konnten. Wir wanderten über den See und als ich meinen Blick nach Süden wandte, sah ich am Horizont einen zartgrünen flachen Bogen stehen, dessen Farbe allmählich kräftiger wurde. Ich wußte, dass sich hier auf diese Weise das Nordlicht ankündigt und bald begannen die ersten kleineren Lichter am Himmel aufzuflackern. Sie nahmen schnell an Größe zu und die leuchtend grünen Erscheinungen, die sich andauernd veränderten, waren stundenlang über das ganze Firmament zu sehen. Das wunderbare Schauspiel verschwand erst, als wir uns dem anderen Ende des Sees näherten. Seither habe ich im Norden nie mehr schönere Nordlicher gesehen als in diesen Stunden. Später war es wieder ganz dunkel, aber wir fanden trotzdem ohne Schwierigkeiten die Hütte am Kuokkimajärvi, die auf der finnischen Seite des Dreiländerecks liegt. Dort verbrachten wir eine geruhsame Nacht.

Am folgenden Tag hatten wir auf dem Weg zur norwegischen Gappohytta weniger Glück. Bei klarem Wetter und einem pastellfarbenen rosa Himmel hinter dem schneebedeckten felsigen Zacken des Bárrás waren wir vom Kuokkimajärvi aufgebrochen. Obwohl wir in den hellen Stunden tüchtig marschierten, lag die Gappohytta noch einige Kilometer entfernt, als am Nachmittag etwas Nebel aufkam und es langsam dunkel wurde. Eine knappe Stunde später waren wir von pechschwarzer Finsternis umgeben. Selbst die bis dahin noch sichtbare Kontur des Bárrás, die mir neben dem Kompass als Orientierungshilfe gedient hatte, war in der Dunkelheit völlig verschwunden. Da wir in jenen Tagen noch kein GPS-Gerät verwendeten, drehte ich im Schein der Stirnlampe einige Runden, denn ich hoffte, die Hütte doch noch zu finden, die ich in nächster Nähe vermutete. Aber die Finsternis um uns schien die Welt völlig verschluckt zu haben, denn sobald ich die Stirnlampe ausschaltete, waren keine Konturen mehr in der Umgebung zu erkennen. So kehrte ich nach einer Weile zu Eeva Kaisa zurück, die mir mit dem hellen Licht ihrer Stirnlampe den Weg wies.
Wenig später stellten wir das Zelt auf. Anschließend zündete ich den Primus-Kocher an und stellte unseren stählernen Kochtopf darauf, den ich kurz zuvor mit Schnee gefüllt hatte. Gerade als sich die Luft im Zelt durch die Flamme des Kochers etwas zu erwärmen begann, bemerkten wir plötzlich, dass ein ätzender Qualm durch das Vorzelt zog. Blitzartig kam mir der Gedanke, dass mir in der Dunkelheit - als ich den Kochtopf mit Schnee gefüllt hatte - wahrscheinlich entgangen war, dass mein altes Schweizermesser noch darin lag. Sofort nahm ich den Topf vom Feuer, aber es war schon zu spät! Das rote Plastik des Messers war am heißen Boden des Topfes bereits zu einer übelriechenden schwarzen Masse geschmolzen. Das Messer war nun bis auf weiteres nicht mehr zu gebrauchen und ich verfiel wegen dieses Mißgeschickes am Ende des Tages einer mißmutigen Stimmung. Trotzdem nahm ich unverzüglich die unangenehme Putzarbeit in Angriff. Ich erinnere mich nicht mehr, wie ich es schaffte, den Topf von dem klebrigen Zeug zu befreien, aber immerhin begannen wir innerhalb einer halben Stunde erneut darin Schnee zu Wasser zu schmelzen. Als wir nach einer Weile mit einer Tasse dampfendem Kakao im Zelt saßen, wich mein Ärger einer Art von Galgenhumor und etwas später einer gelösten heiteren Stimmung.

Am 24. Dezember tat ich im fahlen Licht der Vormittagsdämmerung einen Blick aus dem Zelt und sah die Gappohytta in einigen hundert Metern Entfernung auf einer kleinen Anhöhe stehen. Wir brachen das Zelt ab, gingen die kurze Strecke zur Hütte und beschlossen Weihnachten dieses Jahr hier zu verbringen. Nach einem angenehmen Nachmittag in der warmen Unterkunft gab es am Abend ein üppiges Weihnachtsmahl. Danach las ich Eeva Kaisa im Kerzenschein die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium vor. Meiner Erinnerung nach war dies das einzige Mal, dass ich das je getan habe. 

Der erste Weihnachtsfeiertag zeigte sich bewölkt und das Tageslicht stellte sich nur zögerlich im Laufe des Vormittags ein. Als es etwas heller geworden war, verließen wir die Gappohytta und überquerten die nahe Grenze nach Schweden. Anschließend zogen wir bei sehr wenig Schnee durch das Vávrratvopmi weiter zur Pältsastugan. Da wir in den hellen Stunden gut vorankommen wollten, ließen wir die große schwedische Hütte in einiger Entfernung links liegen und wanderten zügig an den schneearmen Hängen des Juoksavatnjunni entlang ins Tal des Rostaelva. Auf dem weiteren Weg fiel das Gelände zum Fluß hin ab und da hier die Grenze nach Norwegen verläuft, kehrten wir nach dem heutigen Ausflug nach Schweden wieder nach Norwegen zurück. Am Nachmittag brachte die unter dem Horizont stehende Sonne die Unterseite der Wolken am Himmel orangerot zum Glühen und es dauerte eine Weile bis die Farben in der einsetzenden Dämmerung langsam verblaßten. Während es langsam wieder Nacht wurde, steuerten wir mit Hilfe des Kompasses auf den in der Karte eingezeichneten Rastschutz am Ufer des Rostaelva zu. Erstaunlicherweise trafen wir in der Dunkelheit genau dort auf den gefrorenen Fluß, wo die aus losen Steinplatten errichtete Unterkunft steht. Unsere Hoffnung, dort übernachten zu können, wurde jedoch enttäuscht, den der Wind hatte durch die undichten Wände reichlich Schnee ins Innere der Behausung geweht. Daher stellten wir das Zelt auf und richteten uns dort gemütlich ein. Erst später fiel uns auf, dass es für diese Jahreszeit plötzlich sonderbar warm geworden war und ein föhnartiger Wind kam auf, der über Nacht weiter zunahm. Die Vorboten eines heftigen Sturmes, wie wir bald erfahren sollten!

Am Morgen des folgenden Tages entdeckte ich, dass uns über Nacht ein weiterer Ausrüstungsgegenstand abhanden gekommen war - der starke Wind hatte unseren seitlich unter dem Vorzelt verstauten Zeltsack weggeblasen. Als es langsam hell wurde, suchte ich die flache Umgebung nach dem verlorenen Zeltsack ab. Aber dieser war vom Wind längst weit fortgetragen worden und daher gab ich die mühsame Suche nach einer Weile auf.
Anschließend brachen wir unser Lager ab und wanderten auf einer dünnen, von vielen Steinen durchsetzten Schneedecke entlang des Rostaelva weiter in Richtung des Øvre Dividal-Nationalparks. Als nach einigen Stunden die Stor-Rostahytta am Ufer des Rostojávri ins Blickfeld rückte, fiel mir beim Näherkommen auf, dass seit meinem letzten Besuch vor einigen Jahren hier eine neue Hütte gebaut worden war. In der beginnenden Dämmerung gewahrte ich einen schwachen Lichtschein im Fenster und als wir nur mehr hundert Meter von der Hütte entfernt waren, trat ein Mensch ins Freie. Es war Inge Petter aus Tromsø. Er, seine Frau Elisabeth und ihre beiden Hunden hatten an diesem Tag in der neuen Stor-Rostahytta ebenfalls Schutz vor dem immer stärker werdenden Wind gesucht. Die Hunde waren zwei helle kräftige Huskies, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere. Als wir uns im Innern der Hütte an den mit einer kleinen Kerze erleuchteten Tisch setzten und die ersten Worte miteinander wechselten, ahnten wir noch nicht, dass wir hier insgesamt drei Tage und vier Nächte miteinander verbringen würden. Denn in der folgenden Nacht wuchs der Wind draußen auf Sturmstärke an.

27. - 30. Dezember. Wegen des in diesen Tagen andauernden Sturmes, der zeitweise fast Orkanstärke erreichte, verließen wir die Hütte nur selten. Als uns irgendwann das Brennholz ausging, schleppten Inge Petter und ich einige Birkenholzstämme vom etwas entfernt liegenden Holzstapel in den Windschatten der Hütte. Dort sägten und hackten wir, bis die Holzkiste neben dem Ofen wieder wohl gefüllt war.
Durch das andauernde Tosen und Pfeifen des Windes schlief ich in manchen Nächten nur schlecht. Nachdem ich in der dritten Nacht in der Hütte schon länger wach gelegen war, stand ich auf und warf einen Blick in den Vorraum, in dem sich normalerweise die Hunde aufhielten. Ich bemerkte, dass nur mehr einer der beiden Hunde dort war und informierte Inge Petter, dass der andere offensichtlich irgendwie ins Freie entwischt war. Inge Petter schien davon nicht weiter beunruhigt, aber ich ging trotzdem nach draußen und sah nach, ob der Hund irgendwo um die Hütte herum zu sehen war. Aber er blieb in der undurchdringlichen Finsternis verschwunden. Dafür bemerkte ich im Schein der Stirnlampe, dass ich unseren neben der Wand liegenden Pulkaschlitten nur schlecht festgebunden hatte. Ich holte dies unverzüglich nach, denn die Vorstellung, dass wir in dem Sturm auch noch unsere Pulka verlieren könnten, schien mir durchaus erschreckend. Irgendwann am nächsten Tag tauchte der Hund wieder bei der Hütte auf und ich fragte mich, wo er die Nacht in dieser sturmumtosten Finsternis wohl verbracht hatte.
In der vierten Nacht rüttelte der Sturm zeitweilig so stark an unserer Behausung, dass ich fürchtete, im nächsten Moment könnte das ganze Dach wegfliegen. Schließlich erwachten wir von einem lauten Rumpeln vor dem Haus und am Morgen sahen wir zu unserem Erstaunen, dass der orkanartige Wind die hölzerne Terrasse vor der Hütte weggerissen und einige hundert Meter auf den gefrorenen Rostojávri hinausgeworfen hatte. Dort lag sie nun und erinnerte mich an ein Floß, das auf dem Eis gestrandet war.
An diesen Vormittag flaute der Sturm etwas ab und Elisabeth und Inge Petter entschieden sich mit ihren Hunden weiter zur benachbarten Dærtahytta zu ziehen. Ich erinnere mich, wie sie sich vor der Hütte die Schier anschnallten und anschließend, von den Hunden gezogen und vom Wind geschoben, in einem unheimlichen Tempo davonbrausten. Wir waren in den gemeinsamen Tagen in der Hütte ein gutes Team gewesen, obwohl Eeva Kaisa und mir manchmal schien, dass sie etwas zurückhaltend waren und nicht allzu viel von sich preisgaben. Als sie sich von uns verabschiedeten, luden sie uns ein, einmal nach Tromsø zu kommen und wir kamen dieser Einladung im darauffolgenden Sommer auch nach. Seither habe ich bei weiteren Touren in den Øvre Dividal-Nationalpark in den Hüttenbüchern gelegentlich ihre Namen gelesen, zuletzt im Jahr 2013 in der weiter südlich gelegenen Havgahytta. So blieb die Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit in der Stor-Rostahytta während dieser dunklen und stürmischen Tage wach.
Nachdem uns Inge Petter und Elisabeth verlassen hatten, wagte ich mich an diesem Tag ebenfalls für einige Stunden ins Freie. Ich besuchte den zwei Kilometer von der Hütte auf dem Čoalmmevarri gelegenen Grenzstein Rr 287A, der dort die Grenze nach Schweden markiert. Ich blieb nicht allzu lange auf dem eisigen Hügel, über den immer noch ein kräftiger Wind fuhr, aber die Bewegung nach den Tagen des Abwartens tat mir gut. Die darauffolgende Nacht verbrachten wir ein letztes Mal in der Stor-Rostahytta und wir stellten uns darauf ein, am nächsten Tag ebenfalls unsere Wanderung fortzusetzen.

In der Dämmerung am Vormittag des Sylvestertages brachen wir bei bewölktem Himmel vom Rostojávri auf. Wir hofften, an diesem Tag den schwedischen Rastschutz am Vurvejåkka zu erreichen. Da dieser mehr als 20 Kilometer von der Stor-Rostahytta entfernt liegt, war dieser Plan bei den wenigen Stunden Tageslicht reichlich optimisitisch. Bald nach unserem Start überschritten wir erneut die Grenze nach Schweden und nach Stunden in dem sanft ansteigenden Gelände gelangten wir noch im hellen Tageslicht zum Mordánjávrrit. Wir ließen den schmalen See bald hinter uns und zogen anschließend in einem zügigen Tempo über die weitläufige Ebene des Veadjemahttu weiter. Trotzdem konnten wir der am Nachmittag wieder bald einsetzenden Dunkelheit nicht entrinnen. Bevor es vollends dunkel wurde, erkannte ich noch schwach die Umrisse des vor uns liegenden Ravdučohkka, aber wegen des bereits spärlichen Lichts war es schwierig, die Entfernung dorthin abzuschätzen. Später hielt ich die Richtung, indem ich im Schein der Stirnlampe der Kompassnadel folgte. Schließlich merkten wir an dem Eis unter unseren Füssen, dass wir auf einem gefrorenen See unterwegs waren. Ich vermutete, dass dies der Vuolismus Rávskkasjávri sein müsse und als schließlich der Mond aufging und die umgebende Landschaft mit einem silbrigen Licht erhellte, war ich mir dessen fast sicher. Nach der Finsternis, die wir gerade stundenlang durchschritten hatten, waren wir von dem wunderbaren Licht, das in diesen Augenblicken vom Mond ausging, geradezu verzaubert. Später erkannten wir auf der anderen Seite des Sees die Markierungsstangen einer Spur, von der wir wussten, dass sie uns an unser Ziel bringen würde und es erfüllte uns eine tiefe Freude.
Wir erreichten den Rastschutz am Vurvejåkka am frühen Abend und waren froh, dass wir dort übernachten konnten, denn nach den vergleichsweise warmen Sturmtagen kündigte sich nun eine klirrend kalte Nacht an. Allerdings dauerte es etwas, bis es uns gelang, die kleine Behausung auf eine angenehme Temperatur zu bringen, denn der Wind hatte durch das Ofenrohr viel Schnee in den Ofen geweht. Nach etlichen Versuchen schafften wir es jedoch, ein kleines Feuer zu entfachen und die Wärme vertrieb die Feuchtigkeit, die durch das Abschmelzen der letzten Schneereste in der Hütte entstand. Als uns langsam warm wurde, streckten wir uns eine Weile in unseren Schlafsäcken aus und sahen dankbar dem neuen Jahr entgegen.

1. Jänner 2009, der letzte Tag. Dass neue Jahr empfing uns mit einem eisig kalten Morgen. Als langsam das Tageslicht zurückkehrte, zeigte sich über den flachen Erhebungen der Umgebung ein wolkenloser blauer Himmel, der später rötliche Farbtöne annahm. Wir verließen die kleine Unterkunft am Vurvejåkka, als es bereits hell geworden war. Auf dem Weg nach Kummavuopio gelangten wir in tieferen Lagen in ein mit niederen Bäumen und Büschen bewachsenes Gelände, in dem nun wesentlich mehr Schnee lag, als in den Höhen, die ständig dem Wind ausgesetzt waren. Ich erinnere mich, dass ich auf diesem Wegabschnitt einmal bis zu den Hüften im weichen Schnee einbrach. Als ich mich aus dieser unangenehmen Lage nur schwer befreien konnte, äußerte ich etwas lauter als sonst meinen Unmut, was Eeva Kaisa erstaunte, weil sie dergleichen von mir nicht gewohnt war. Dafür querten wir später nach diesem unwegsamen Gelände ohne Schwierigkeiten den gefrorenen Flußlauf des Kummaeno. Die Häuser von Kummavuopio sahen wir in der einsetzenden Dämmerung nur aus einiger Entfernung, da wir ohne große Umwege den vor uns liegenden Taatsajärvi ansteuern wollten. Nachdem wir den kleinen See gequert hatten, war es schon fast wieder dunkel. Im Schein der Stirnlampe spurte ich über den darauffolgenden flachen Hügel des Taatsavaara, hinter dem bereits das südliche Ende des Kilpisjärvi liegt. Gerade als wir nach einer flachen Abfahrt auf den gefrorenen Kilpisjärvi hinausglitten, ging der Mond auf und die riesige schneebedeckte Fläche des Sees begann im Mondlicht zu glitzern. Auf der rechten Seite konnte ich in einiger Entfernung die Scheinwerferlichter der Autos sehen, die auf der Straße auf der finnischen Seite des Sees entlang fuhren. Gerade vor uns waren in der Ferne bereits die Lichter der Ortschaft Kilpisjärvi zu erkennen, was die Orientierung über den See sehr erleichterte. Obwohl es ein großartiges Erlebnis war, über den vom Mondlicht beschienenen See zu wandern, machte sich bei uns eine gewisse Müdigkeit bemerkbar und deshalb zog sich der Weg in die Länge. Als wir schließlich am Abend in der Nähe des Hotels die uns wohlbekannten Straße in Kilpisjärvi erreichten, hofften wir nach dem langen Tag noch eine offene Gaststätte zu finden. Aber um diese Zeit war am Neujahrstag bereits alles geschlossen und so wanderten wir am Seeufer entlang weiter zur Biologischen Station. Bis dahin waren wir allerdings noch über eine Stunde unterwegs und auf dem letzten Wegstück überfiel mich eine zunehmende Übelkeit, die wahrscheinlich daher rührte, weil ich im Verlauf des langen Tages zu wenig gegessen hatte. Aber schließlich tauchten die vertrauten Gebäude der Biologische Station am rechten Seeufer auf und wenig später standen wir vor roten Haus, von dem wir vor Weihnachten zu diesem Abenteuer aufgebrochen waren. Gegen 21 Uhr fanden wir uns in der warmen Küche des Stationsgebäudes ein und während ich langsam eine Tasse Tee trank, besserte sich mein Zustand wieder. Bald überfiel mich jedoch eine bleierne Müdigkeit, die mich daran erinnerte, dass wir heute von unserem letzten Übernachtungsplatz über 30 Kilometer hierher marschiert waren. Ich ging deshalb bald zu Bett. Eeva Kaisa hatte noch die Energie, zu dieser späten Stunde die Sauna der Biologischen Station zu besuchen, worüber ich mich vor dem Einschlafen wunderte. Aber ich wusste schon damals, dass für die Finnen die Sauna in jeder Lebenslage ein Lebenselixier ist.
Am nächsten Tag kamen einige Mitarbeiter der Biologischen Station, die froh waren, uns wohlauf zu sehen. Denn der Sturm hatte auch in Kilpisjärvi sehr gewütet und so mancher hatte sich gefragt, wo wir auf unserer "Schitour" bei diesem Wetter untergekommen waren ...    


- Der Widerschein der Sonne unter dem Horizont -

- Der mit Schnee gefüllte Rastschutz am Rostaelva -

- Blick aus der Stor-Rostahytta während der stürmischen Tage -

- Der Grenzstein Rr 287A vom Wind umweht -

- Der Rastschutz am Vurvejåkka am Neujahrstag 2009 -

 

23. November 2018          oliver beihammer