SinnZENTRUM Salzburg, Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Philosophische Gesprächsrunde am 24.9.2015

Menschenbilder 

Die Frage nach dem "Wesen" oder der "Natur des Menschen" hat die Denker seit der griechischen Antike beschäftigt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unternahm Max Scheler (2010, S. 7) in seiner Schrift Die Stellung des Menschen im Kosmos einen neuerlichen Versuch, "auf breitester Grundlage einen neuen Versuch einer Philosophischen Anthropologie zu geben." Für den Philosophen Rafael Capurro (2002, S. 2) entspringt die Frage Schelers nach einem einheitlichen Menschenbild einer Einstellung, die zu den Mythen der europäischen Moderne gehört. Damit formuliert er eine Haltung, die von der gleichberechtigten Existenz verschiedener Menschenbilder aus unterschiedlichen Kulturen ausgeht. Die Vorstellung einer einheitlichen Idee vom Menschen wird bei Capurro durch das Anerkennen einer Vielfalt, die den eigenen Standpunkt relativiert und zu gegenseitiger Achtung herausfordert, für die gegenwärtigen philosophischen Bestrebungen aufgegeben.
Diese Haltung soll in der Auseinandersetzung mit den Grundfragen der philosophischen Anthropologie beibehalten werden, denn Mensch-Sein ist immer mehr, als dass es durch die Theorie einer bestimmten philosophischen Tradition zur Gänze erfasst werden könnte. In dem nachfolgenden Text von Erich Fromm ist diese Grundhaltung deutlich zu erkennen.

Erich Fromm: „Die Fragen, nicht die Antworten machen das Wesen des Menschen aus“

Zu Beginn seiner Reflexion stellt Fromm die beiden einander widersprechenden Thesen gegenüber, von denen die eine behauptet, es existiere ein unabänderliches, festgelegtes "Wesen" des Menschen, während die andere davon ausgeht, dass der Mensch als unbeschriebenes Blatt zur Welt kommt und nur seine physiologischen Merkmale mit anderen Menschen teilt. Die erste Theorie blieb für viele Philosophen des Altertums bis in die Zeit Kants selbstverständlich, wurde aber schließlich durch den Einfluss kulturanthropologischer Untersuchungen des 19. Jahrhunderts und der Entwicklung der Evolutionstheorie massiv in Frage gestellt. Fromm hält keine der beiden Positionen für überzeugend und sucht nach einer Lösung diese zu überwinden. Andererseits zieht er den Schluss, dass es für alle Menschen gültige Werte und Normen nur dann geben könne, wenn dem auch ein für alle Menschen zutreffendes gemeinsames Wesen zugrunde liegt (Fromm, 2000, S. 29-31).
Zunächst zählt Fromm (2000, S. 31) einige "wesentliche Attribute" des Menschen auf, die jedoch in ihrer Summe noch nicht das eigentliche Wesen des Menschen ausmachen. Zu diesen Attributen gehört die Bestimmung des Menschen als eines mit Vernunft begabten Wesens, die Eigenschaft des Menschen, sich in sozialen Verbänden zu organisieren (zoon politikon), die Festlegung des Menschen als ein Lebewesen, das etwas erzeugt (homo faber), und der Mensch als ein Symbole schaffendes Wesen. Nach der Aufzählung dieser dem Menschen eigentümlichen Attribute bezieht sich Fromm (2000, S. 34) in Anlehnung an verschiedene Philosophen des 19. und 20. Jahrhunderts auf die Idee, "daß der Mensch sich selber erzeugt, daß der Mensch der Urheber seiner Geschichte ist." Dieser Gedanke von der historisch-zeitgebundenen Entwicklung des Menschen scheint die Existenz eines unabänderlichen, durch alle Zeiten hindurch vorhandenen Wesens des Menschen weiterhin in Frage zu stellen.

Nach dieser Annäherung verdeutlicht Fromm seinen eigenen Standpunkt am mathematischen Modell konstanter und variabler Größen. In diesem Zusammenhang zitiert er Teilhard de Chardin, der davon ausgeht, dass die im Menschen angelegte Natur in einem Evolutionsprozess auch entwicklungsfähig sei (Fromm, 2000, S. 35-37).
Nach Fromm (2000, S. 40) liegt das Wesen des Menschen in den sogenannten "existentiellen Dichotomien" begründet, denen wir als Menschen ausgesetzt sind. Damit bezeichnet er die Tatsache, dass wir zwar einerseits ein Teil der Natur sind, gleichzeitig aber diese Natur in einem wachsenden Bewusstsein unserer selbst transzendieren. Dadurch, dass wir unserer selbst bewusst sind, wissen wir um unsere Begrenztheit, dass wir als Teil der Natur der Krankheit, dem Altern und schließlich dem Tod ausgesetzt sind. Dieses Wissen führt zu Ängsten und Konflikten und zur Frage, wie diese bewältigt werden können. Diese Fragen, deren Ursprung im Bewusstsein unserer Begrenztheit liegt, machen letztendlich das Wesen des Menschen aus.
Fromm (2000, S. 39) bringt aber noch einen weiteren zentralen Aspekt ein, der zur Lösung dieses spezifisch menschlichen Problems führt: "Die Natur des Menschen ist aber nicht nur ein Prinzip, sondern auch eine Fähigkeit: Der Mensch erreicht sein Wesen in dem Maße, wie er seine Fähigkeiten der Vernunft und der Liebe entwickelt. Der Mensch ist zu Vernunft und Liebe fähig, weil er ist, und es gilt umgekehrt: Der Mensch ist, weil er vernünftig urteilen und weil er lieben kann.“ Das Konstante der menschlichen Natur besteht in den Fragen, die sich aus den existentiellen Dichotomien ergeben und denen wir als Menschen ausgesetzt sind. Die Variablen sind in der Entwicklung von Vernunft und Liebe begründet. Indem der Mensch vernünftig urteilt und liebt, vermag er die Ängste und Konflikte zu überwinden, die sich aus dem Wissen um seine Begrenztheit ergeben.

Literatur

Capurro, R. (2002) Menschenbilder. Einführung in die philosophische Anthropologie. In: Capurro, R., Grimm, P. (Hrsg.) Medienethik. Menschenbilder in den Medien: ethische Vorbilder? Stuttgart.
http://www.capurro.de/mensch.htm

Fromm, E. (2000) „Die Fragen, nicht die Antworten machen das Wesen des Menschen aus“. In: Authentisch leben. Freiburg im Breisgau.

Scheler, M. (2010) Die Stellung des Menschen im Kosmos. Bonn.

 

23. September 2015          oliverbeihammer