Erich Fromm: Die Wüste als Symbol der Befreiung

"Die Wüste ist das Schlüsselsymbol in dieser Befreiung."

Erich Fromm

In Haben oder Sein bezieht sich Erich Fromm auf die Geschichte der Israeliten, die Ägypten verlassen und von Moses angeführt durch die Wüste ziehen. Dort sind die Kinder Israels frei von der Knechtschaft in Ägypten. Aber diese Freiheit bringt die Unsicherheit des Wüstenlebens mit sich, woran sie schließlich scheitern.
Wie lässt sich nun allgemein, über die konkrete Situation der Israeliten hinaus, der Zusammenhang von Wüste und Freiheit deuten? Warum soll das Hinausziehen in das Ungewisse die Befreiung bringen? Für viele Menschen sind Wüsten unsichere, wenig anziehende Gebiete. Die Wüste ist lebensfeindlich, ein Ort segender Hitze oder klirrender Kälte (es gibt auch Eiswüsten!), wilder Tiere und anderer Gefahren. Sie ist fast menschenleer, denn die unwirtlichen Verhältnisse werden von vielen gemieden. Wer dort in Schwierigkeiten gerät, kann zumeist nicht auf schnelle Hilfe hoffen. Diejenigen, die sich dorthin wagen, sind häufig auf sich selbst gestellt. Somit steht die Wüste für das Loslassen vieler Dinge, die uns sonst im Leben (eine vermeintliche) Sicherheit geben. Nach Fromm geben wir in der Wüste auf, was wir haben und ziehen ins Unbekannte hinaus. Dieser Schritt, das Haben aufzugeben und das Unbekannte, Ungewisse und Ungewohnte zu ertragen, erfordert viel Mut. Und auch die Mutigen werden in der Wüste immer wieder die Angst spüren und sich ihr stellen müssen.
Damit der Weg durch die Wüste ein Weg der Befreiung werden kann, geht es im Kern darum, die Angst zu überwinden. Aber wie ist das möglich? Als "Gegenmittel" gegen die Angst leuchtet etwas aus dem Zentrum unseres Daseins hervor, das die Kraft hat, der Angst entgegen zu treten. Dieses "Etwas" ist der Glaube. Hier geht es jedoch nicht um jene Art von Glauben, der manche, in Sätzen ausdrückbare Überzeugungen für wahr und andere für falsch hält. Der Glauben, der hier gemeint ist, bedeutet Vertrauen - Vertrauen in dieses Leben. Wenn wir dieses Vertrauen in uns spüren, sind wir für den Gang durch die Wüste gerüstet. Dann kann es uns auch gelingen, auf das Haben der Dinge zu verzichten, mit denen wir häufig die Angst vor der Unsicherheit unserer Existenz zu bewältigen versuchen. Der Prozess der Befreiung hängt damit zusammen, das wir dem Leben vertrauen können. Darin liegt auch ein tiefer Sinn des Seins, der Werden und Veränderung bedeutet.

 

27. November 2019          oliver beihammer