Im Zeichen des Regenbogens - Sommer 2018

An einem verregneten Nachmittag Ende August fuhr ich mit dem Auto von der Ortschaft Varmahlið durch das Neðribyggð landeinwärts und bog später an einer Seitenstraße ab, die ins Mælifellsdalur und dann weiter ins isländische Hochland führt. Im Mælifellsdalur beginnt der Weg auf den Mælifellshnjúkur, eines weithin sichtbaren Berges in diesem Teil Islands. Die freundliche Dame in der Touristeninformation in Varmahlið hatte mir mitgeteilt, dass sich am nächsten Tag das Wetter vorübergehend bessern sollte und ich gedachte die Regenpause für eine Bergwanderung auf den Mælifellshnjúkur zu nutzen. Nach einer kurzen Fahrt auf der Schotterstraße und einer weiteren Abzweigung kam ich an eine einspurige Brücke, die über einen tosenden Wildbach führte. Ich hielt an, denn mitten auf der Brücke befand sich eine Absperrung und davor eine Tafel, die darauf hinwies, dass das weitere Befahren der Straße nur mit einem Geländefahrzeug erlaubt sei. Ich hatte gehofft, bis ins Mælifellsdalur fahren und dort zelten zu können, aber da ich das Warnschild nicht ignorieren wollte, schwand diese Hoffnung nun augenblicklich dahin. Ein Blick auf die Karte sagte mir, dass der Beginn des Weges auf den Mælifellshnjúkur von hier noch etwa acht Kilometer entfernt war und so stand ich unschlüssig auf der Brücke, blickte auf den reißenden Bach hinunter und überlegte, was nun zu tun sei. Nach einer Weile stieg ich wieder ins Auto und fuhr die Straße hinunter, die ich gekommen war - mit der Absicht unten im Tal einen Übernachtungsplatz zu finden und morgen die Tour von hier zu beginnen.
Ich fuhr die wenig befahrenen Straße im Tal noch einige Kilometer landeinwärts und hielt Ausschau nach einem möglichen Zeltplatz. Da ich nichts fand, was irgendwie einladend auf mich gewirkt hätte, wendete ich schließlich das Auto in einer kleinen Seitenstraße. Gerade als ich wieder Fahrt aufnahm, fiel mir am rechten Straßenrand eine Frau mit einem kleinen Rucksack auf, die dort entlang ging. Im Vorbeifahren registrierte ich noch, dass sie mit beiden Händen eine flache Kiste aus Karton trug, in der zwei Blumentöpfe mit blütenlosen Pflanzen standen. Ich sah sie noch einen Augenblick im Rückspiegel und mir kam der Gedanke an eine Isländerin, die vielleicht von der Nachbarin neue Topfpflanzen bekommen hatte und diese nun nach Hause trug ...
Einigen hundert Meter weiter sah ich rechts oberhalb der Straße ein großes Gebäude, an dessen Seite verschiedenfarbige Kajaks gestapelt waren. Da ich selber oft mit einem Kajak unterwegs bin, folgte ich der Intuition, dass hier vielleicht ein Übernachtungsplatz zu finden sein könnte und fuhr die Zufahrtsstraße hinauf. Ich hielt auf dem großen Vorplatz und sah an dem Schild an der Wand, dass hier ein Rafting-Unternehmen untergebracht war. Da ich niemanden sah, warf ich zuerst einen Blick auf die Seite des Hauses und ging anschließend um das Gebäude herum. Auf Rückseite des Hauses bemerkte ich eine gemähte Wiese, die sich gut als Zeltplatz geeignet hätte. Aber alles wirkte still und verlassen und es schien, dass niemand hier war, den ich hätte fragen können. Als ich etwas in Gedanken versunken wieder zum Vorplatz zurückkehrte, sah ich dort am anderen Ende des Platzes die Frau mit der Blumenkiste stehen, die mir vorhin unten an der Straße aufgefallen war. Ich nahm sie jetzt genauer als vorhin wahr und sah, dass sie rötliches schulterlanges Haar hatte und einen dicken grauen Mantel trug, der ihr bis zu den Knien reichte. Sie war vielleicht 35 Jahre alt. 
"Hello", sagte ich und ging einige Schritte auf sie zu. "Do you live at this place here?"
Sie schien mich nicht verstanden zu haben, denn sie sah mich etwas fragend an und antwortete: "I speak English."
"I speak English too. I'm looking for a place to camp here. There are good places behind the house."
"We can go in and ask", meinte sie und deutete auf eine etwas versteckt liegende Tür, die mir bislang nicht als Eingangstür aufgefallen war.
Wir traten in das Gebäude und kamen in einen großen Raum, auf dessen gegenüberliegender Seite ein junges Mädchen hinter einem klobigen Ladentisch stand. Ich wunderte mich in diesem Moment etwas über meine Begleiterin, denn sie schien ebenfalls die Absicht zu haben, hier zu übernachten. Aber ein Blick auf ihren kleinen Rucksack sagte mir, dass sie wahrscheinlich weder ein Zelt noch einen Schlafsack bei sich hatte. Ich erklärte dem Mädchen hinter dem Ladentisch kurz unser Anliegen. Sie meinte, es dürfe eigentlich kein Problem sein, dass wir hier zelten, aber sicherheitshalber würde sie noch kurz den Chef des Unternehmens fragen. Als sie in einer Seitentür verschwunden war, wandte ich mich der Frau zu, die bislang wortlos neben mir gestanden hatte. Ich erkundigte mich, woher sie denn komme und sie teilte mir mit, dass sie ursprünglich aus Nordkalifornien stamme. In diesem Moment fiel mir auf, dass über ihrem rechten Ellbogen ein Paar Kletterschuhe hing, das an den Schuhbändern miteinander verknüpft war. Ich deutete auf die Kletterschuhe und erzählte ihr, dass ich vor 30 Jahren in Kalifornien gewesen und damals dort viel geklettert war. Ich hatte erwartet, dass sie vielleicht darüber etwas mehr wissen wollte, aber sie nickte nur still und so behielt ich meine Erinnerungen für mich. In diesem Augenblick trat das Mädchen vom Rafting-Unternehmen wieder durch die Tür. In etwas bedauerlichem Ton teilte sie uns mit, der Chef habe abgelehnt, dass wir hier übernachten. Die Wiese hinter dem Haus sei zwar zum Zelten gedacht, aber das sei Leuten vorbehalten, die hier eine Rafting-Tour gebucht hätten. Diese Information war etwas enttäuschend, aber wir nahmen die Dinge, wie sie waren und verabschiedeten uns.
Wir traten ins Freie. Vom Vorplatz blickte ich hinüber auf die gemähten Felder auf der anderen Seite des Tales und die kahlen Hügel, die sich dahinter erhoben. Hinter den Hügeln war nun deutlich der Mælifellshnjúkur zu sehen, um den sich die dichten Wolken inzwischen etwas aufgelockert hatten.
Ich deutete auf den Berg und sagte zu meiner Begleiterin: "I would like to hike up this mountain tomorrow. The weather will be probably better than today."
"Can you go up there?" fragte sie in lebendigerem Tonfall als bisher.
"Yes, there's a trail going up from Mælifellsdalur. Just behind those hills you can see over there."
Sie nickte und meinte: "The landscapes here remind me in some ways to Northern California."
"And what will you do now?" fragte ich sie, nachdem ich von meinen Plänen erzählt hatte.
"I will walk to the next City."
"Okay ..." erwiderte ich etwas unschlüssig und machte schließlich ein paar Schritte in Richtung des Autos. Auf halbem Weg dorthin drehte ich mich nach ihr um, aber sie war mir nicht gefolgt. Sie stand immer noch vor der Eingangstür, die Blumenkiste in den Händen.
Plötzlich hatte ich das Gefühl ihr helfen zu wollen und sagte: "I can give you a ride. I will go towards Varmahlið for some kilometers before I turn off the road."
Sie kam auf mich zu und ich nahm ihren kleinen Rucksack und stellte ihn zwischen die Vordersitze des Autos. Wir stiegen ein und während der kurzen gemeinsamen Fahrt erzählte sie mir, dass sie bereits ein Monat hier in Island gewesen sei und in dieser Zeit versucht habe, etwas Isländisch zu lernen. Meine Frage, ob sie denn in Island bleiben wolle, bejahte sie, fügte aber gleich hinzu, dass sie jetzt bald eine Arbeit finden müsse. Während sie von ihren Plänen berichtete, fiel mir auf, dass sie ein schönes Englisch sprach, in klaren und regelmäßigen Sätzen und insgesamt sehr ruhig und gefasst wirkte. Schließlich erkundigte sie sich, wie lange ich noch in Island bleiben wolle. Ich antwortete, dass ich in etwa zehn Tagen von Seydisfjörður mit dem Fährschiff nach Dänemark fahren wolle und von da mit dem Auto weiter nach Hause. Auch dieses Mal fragte sie mich nicht, wo dieses Zuhause sei und so schwieg auch ich.
Schließlich kamen wir an die Abzweigung, die ins Mælifellsdalur führt und ich hielt an. Ich nahm ihren Rucksack aus dem Auto und gab ihn ihr in die Hand.
Obwohl ich wusste, dass ich darauf schon eine Antwort bekommen hatte, fragte ich sie noch einmal: "And you will go to the next City now? It's more than ten kilometers away from here."
"Yes", sagte sie in bestimmtem Tonfall. "It's not very far. Just a few miles. That's just me."
"Okay ..." erwiderte ich. "I understand. I like to walk too."
Wir gaben uns zum Abschied nicht die Hand, sahen uns nur einen langen Augenblick an. Irgendetwas ließ mich noch kurz zögern, aber schließlich sagte ich: "I wish you that your plans work out. And all the best for you."
Sie nickte, sagte aber nichts mehr. Ich stieg ins Auto, startete den Motor und schaute noch einmal durch die hintere Seitenscheibe. Ich sah, wie sie sich im Gehen noch einmal umgewandt hatte und winkte ihr zu. Sie winkte ebenfalls. Dann fuhr ich los.
Während ich die Straße hinauf fuhr, klang die Stimmung dieser Begegnung noch in mir nach.
Die Suche nach einem neuen Leben ...
Mit leichtem Gepäck ...
Einem kleinen Rucksack, einem Paar Kletterschuhe und einer Blumenkiste ...
Etwas verschämt dachte ich daran, mit wie vielen Dingen wir uns oft umgeben. Aber in einer anderer Sphäre meines Bewusstseins spürte ich einen Anflug von Freiheit und Leichtigkeit. Ich fühlte, dass diese Freiheit und Leichtigkeit aus einem großen Schatz erwachsen - aus dem Vertrauen in dieses Leben oder den Glauben daran, dass es etwas gibt, worin wir zuletzt gut geborgen und aufgehoben sind.

Ich hielt bei einem Hof inmitten ausgedehnter Felder, auf denen einige Pferde grasten. Im Garten vor dem Haus arbeitete eine ältere Frau, die ich erneut nach einem Zeltplatz in der Umgebung fragte. Es stellte sich jedoch heraus, dass sie kein Englisch sprach und trotz meiner Bemühungen gelang es mir nicht, ihr mein Anliegen verständlich zu machen. So entschied ich mich, die kurze Strecke weiter zur Brücke zu fahren, bei der ich vor einer Stunde umgekehrt war. Dort stellte ich das Auto auf einem Grasfleck zwischen der Straße und einem angrenzenden Weidezaun ab. Ich ging bis zur Absperrung auf der Brücke, stützte mich auf das Geländer und blickte wieder hinunter in den tosenden Bach. Schließlich bemerkte ich, dass sich vor dem Auto neben dem Weidezaun ein kleiner ebener Grasfleck befand. Nach einer Weile stellte ich dort das Zelt auf und holte vom Bach einige Flaschen frisches Trinkwasser. Es regnete nicht und ich saß am Abend in der kühlen Luft eine Weile vor dem Zelt. In dem Bewusstsein, dass es mir in diesem Augenblick an nichts mangelte, überkam mich ein Gefühl tiefer Zufriedenheit. Zugleich wunderte ich mich, dass ich am Nachmittag diesen Ort wieder verlassen hatte, um einen anderen Zeltplatz zu suchen ...
Bei Einbruch der Dunkelheit begann es zu regnen. Schwere Tropfen schlugen die ganze Nacht hindurch aufs Zelt. Als ich in der Morgendämmerung einen Blick ins Freie tat, regnete es immer noch und die Welt schien hinter trüben grauen Wolkenschleiern verschwunden. Alle Gedanken daran, heute den Mælifellshnjúkur zu besteigen, schwanden aus meinem Kopf und ich döste den Morgen hindurch im Schlafsack dahin. Plötzlich drang es in mein Bewusstsein, dass es im Zelt ungewöhnlich hell war und ich bemerkte, dass der Regen aufgehört hatte. Ich schälte mich aus dem wärmenden Schlafsack und ging ins Freie. Die dichten Nebel hatten sich inzwischen etwas verzogen und der Mælifellshnjúkur, der über Nacht schneeweiß geworden war, hob sich deutlich vom blassgrauen Himmel ab. In der Hoffnung, dass das nun etwas bessere Wetter zumindest vorübergehend anhalten würde, beschloss ich, den Aufstieg zu wagen. Und so wanderte ich nach einem kurzen Frühstück zügigen Schrittes dem weiter oben liegenden Mælifellsdalur entgegen. Nach einigen Kilometern entschied ich mich, die Straße zu verlassen. Ich ging an einem Weidezaun entlang und nachdem ich die nach oben steiler werdenden Wiesen hinter mir gelassen hatte, kam ich auf mit Steinen übersäte Hänge, die nur spärlich mit Gras und weichen Moosen bewachsen waren. Dazwischen lag in dünnen Krusten der Schnee, der über Nacht gefallen war.
Ich warf einen Blick zurück.
Über den kargen Hängen des Berges lagen tief die grauen Wolken und in dem Spalt dazwischen konnte ich bis hinunter ins Mælifellsdalur sehen. Ein Lichtstrahl brach durch die Wolken. Ein Teil des Tales wurde nun von der Sonne beschienen und der Bach am Grund glitzerte wie eine silbrige Ader im hellen Licht. Plötzlich spannte sich das Segment eines schmalen, zunächst kaum sichtbaren Regenbogens in den Spalt zwischen Himmel und Erde. Ich stand da und betrachtete dieses Schauspiel der Natur, das sich nun so unerwartet am Himmel zeigte. Mir kam die biblische Geschichte von Noah in den Sinn, in der nach der Sintflut ebenfalls ein Regenbogen am Himmel erschienen war. Ich glaubte mich vage daran zu erinnern, dass in dieser Geschichte der Regenbogen als Zeichen für eine immerwährende Verheißung Gottes an die Menschen steht ...
Auf dem weiteren Weg nach oben lichteten sich die dichten Wolken zusehends. Schließlich war der schneebedeckte obere Teil des Berges vor einem bleichen Himmel zu erkennen, hinter dem irgendwo die Sonne zu erahnen war. Durch den lockeren Schnee stapfte ich die letzten Meter zum Gipfel. Als ich oben war, pfiff ein eisiger Wind über den Gipfel des Mælifellshnjúkur, der jedoch die allgegenwärtigen Wolken so weit vertrieb, dass ich auf der einen Seite in das grüne Tal, aus dem ich gekommen war und auf der anderen Seite bis ins isländische Hochland sehen konnte. Beglückt über diese Ausblicke, blieb ich trotz der Kälte eine halbe Stunde. Nachdem ich noch einmal in alle Richtungen geschaut hatte, verließ ich schließlich den unwirtlichen Ort und begann den Abstieg auf dem markierten Weg. Auf dem Weg nach unten wurde es bald deutlich wärmer und der Wind ließ nach. Als ich die Straße im Mælifellsdalur  erreichte, fand ich dort einen Tisch mit einer Bank vor, auf der ich mich eine Weile niederließ.
Auf dem weiteren Weg nach unten näherte sich hinter mir ein gelber Lastwagen, der auf der mit Schlaglöchern übersäten Straße langsam ins Tal fuhr. Das Gefährt blieb neben mir stehen und der Fahrer gab mir mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass ich neben ihm im Führerhaus Platz nehmen könnte. Ich lehnte das Angebot jedoch dankend ab. Bereits zuvor hatte ich deutlich gespürt, dass ich diese Tour zu Fuß beenden wollte. Der Fahrer sah mich etwas verständnislos an, setzte dann aber unmittelbar darauf seine Fahrt fort. Bevor ich schließlich die Brücke und das Zelt erreichte, blickte ich noch mehrmals auf den Mælifellshnjúkur zurück, dessen Gipfel inzwischen wieder von Wolken verhüllt war.
Am frühen Abend verließ ich meinen Lagerplatz und fuhr nach Hólar im Hjaltadalur, dem alten Bischofssitz im Norden Islands. Kurz bevor ich Hólar erreichte, begann es aus dunklen Wolken wieder heftig zu regnen. Ich ließ die Häuser von Hólar hinter mir und fuhr auf der nicht asphaltierten Straße noch langsam bis ans hintere Ende des Tales. Als ich bei einbrechender Dunkelheit einige hundert Meter unterhalb des Gehöftes von Reykir das Zelt aufstellte, gönnte mir der Regen eine Pause. Ich kannte den Platz an dem Bach mit dem warmen Wasser, weil wir bereits vor zwei Jahren hier gewesen waren. Damals waren viele Pferde hier gewesen, aber jetzt waren es vor allem neugierige Schafe. 
Am folgenden Tag unternahm ich eine lange Bergwanderung in den rauen Bergen bei Reykir. Die Wolken verzogen sich im Laufe des Vormittags und später strahlte die Sonne mit unverminderter Kraft vom tiefblauen Himmel und wärmte mir den Rücken.


- Die Brücke auf dem Weg ins Mælifellsdalur -

- Der Gipfel des Mælifellshnjúkur -

- Aussicht vom Gipfel des Mælifellshnjúkur -

- Ausblick zum isländischen Hochland -

- Das Mælifellsdalur -

 

27. Oktober 2018          oliver beihammer