Jahr 2004

Norwegen, Schweden: Beisfjorden - Abisko

25. - 28. August, Oliver Beihammer
Karte: Fjällkartan Abisko-Kebnekaise-Narvik BD6 (S) 1:100 000

(1) Beisfjord (Zelt) - Stubblidalen - Hunddalshytta (Zelt).
(2) Hunddalshytta (Zelt) - Oallavággi - Grenzstein Rr 263 - Unna Allakasstugorna (Zelt).
(3) Unna Allakasstugorna (Zelt) - Čoalmmevággi - Rádunjárga (Hütte).
(4) Rádunjárga (Hütte) - Dag Hammarskjöldsleden - Abiskojaurestugorna - Abisko (Zelt).

Im August 2004 reiste ich zum ersten Mal nach Finnland und besuchte Eevi Paavola und ihrer Familie in Oulu. Während dieser Zeit hatte ich bei einem Besuch im kasvitieteellinen puutarha (im biologische Garten) meine erste Begegnung mit Eeva Kaisa. Trotz der schönen Begegnungen und Annehmlichkeiten in Finnland ließ mich jedoch meine Sehnsucht nach den norwegischen und schwedischen Bergen nicht los. So kam es, dass ich Oulu nach fünf Tagen verließ und mit der Bahn über Kiruna und Abisko nach Narvik fuhr. Die Nacht nach meiner Ankunft verbrachte ich im Zelt am Strand der Ortschaft Beisfjord am Ende des gleichnamigen Fjords, der etwas südlich von Narvik liegt.
Am Morgen des 25. August brach ich zu jener Tour auf, die ich in Folge nur mit viel Glück einigermaßen wohlbehalten überstand und an die ich deshalb noch lange mit gemischten Gefühlen zurückdachte. Nach einer kühlen und regnerischen Wetterperiode hatte sich das Wetter an diesem Tag deutlich gebessert, was beim Start sehr zu meiner guten Stimmung beitrug. Auf dem geplanten Weg nach Abisko wollte ich als erste Tagesetappe über das Stubblidalen zur Hunddalshytta aufsteigen (diese Route war in die schwedische Fjällkarte als möglicher Weg eingezeichnet). Nachdem ich die letzten Häuser der Ortschaft bald hinter mir gelassen hatte, wanderte ich in das mit dichter Vegetation bewachsene Stubblidalen und stieg schließlich am hinteren Ende des Tales über steileres Gelände nach oben. Auf etwa 1000m Seehöhe gelangte ich unterhalb des Vomtinden zu einem Wegabschnitt glatter abschüssiger Granitplatten, der mit einigen Steinmännern markiert war. Da das Gestein wegen der vorangegangenen Niederschläge glitschig und nass war, trat ich den Weg nach vorne nur langsam und zögernd an, dachte noch daran, dass mich der von feinen Rissen durchzogene Granit an die Felsen des Yosemite-Valley erinnerte und dann in seiner Plötzlichkeit doch völlig unerwartet - flutsch! Nur für einen kurzen Moment unaufmerksam glitt ich auf dem nassen Gestein aus und begann unverzüglich Fahrt aufzunehmen. Im Bruchteil einer Sekunde registrierte ich zu meinem Entsetzen, dass die Granitplatten nach unten hin noch deutlich steiler wurden und in einem Gewirr von großen scharfkantigen Granitblöcke am Ufer des Basejávri endeten. Ich brachte noch ein kurzes Stoßgebet heraus, bevor ich nach etwa 20 Metern der rasenden Fahrt wie durch ein Wunder zum Stehen kam. Ich saß auf der geneigten nassen Granitplatte und wagte mich zunächst nicht zu rühren, da ich Angst hatte, dass ich gleich wieder ins Rutschen kommen würde. Zudem hatte ich mir den rechten Daumen gequetscht, der sich schnell dunkelviolett verfärbte und pochend zu schmerzen begann. Mir wurde schnell klar, dass ich keine fremde Hilfe erwarten konnte und ich mich nun selber aus dieser misslichen Lage befreien musste. Und so rappelte ich mich nach Weile trotz des Gewichts des wohlgefüllten Rucksackes entschlossen auf und begann mit einer gewissen Kaltblütigkeit über den mit Wasser überströmten Fels nach oben zu klettern. Bald gelangte ich wieder in leichter gangbares Gelände, kam schließlich zum Ufer des Basejávri und stieg anschließend auf den Sattel auf, hinter dem das Hunddalen beginnt. Bevor ich meinen Weg fortsetzte, ließ ich mich dort oben eine Weile nieder, um mich etwas von diesem Erlebnis zu erholen. Ich erinnere mich, dass es ungewöhnlich still war und das Wasser des Basejávri im fahlen Licht dieses Nachmittags inmitten der mit Schnee bedeckten Geröllwüste völlig unbewegt unter mir lag. Als ich die Hundalshytta erreichte, hatten sich alle Wolken verzogen, aber es gelang mir nicht, den schönen Abend zu genießen. In der darauffolgenden Nacht wollte ich wegen meinem schmerzenden Daumen keinen Schlaf finden. Trotzdem war mir bewusst, dass es das Schicksal an diesem Tag noch einmal gut mit mir gemeint hatte.
Am dritten Tag erreichte ich über das Čoalmmevággi den Kungsleden und traf dort eine Frau aus Südschweden, mit der ich mich eine Weile unterhielt. Sie berichtete mir auch über ihre Wintertouren in diesem Gebiet, die sie regelmäßig unternahm. Abschließend sagte sie sinngemäß zu mir, dass sie schon wüsste, dass ältere Frauen hier draußen nicht alleine im Winter unterwegs sein sollten. Aber sie könne nicht damit aufhören, weil sie dieses Land zu allen Jahreszeiten so sehr liebe. Später an diesem Tag erreichte ich die Rádunjárga, einen kleinen Rastschutz, in dem ich bei wechselhaftem Wetter eine geruhsame Nacht verbrachte.
Am folgenden Tag entschied ich mich in einer längeren Tagesetappe nach Abisko zu wandern, von wo ich zwei Tage später mit der Bahn die Heimreise antrat. Als ich schließlich in Wals eintraf, bekam ich bald Nachrichten von meinen finnischen Freunden, die wissen wollten, wie es mir auf meiner Wanderung ergangen war ...


- Beisfjorden bei einem neuerlichen Besuch im Sommer 2014 -

- Stubblidalen mit Vomtinden, Sommer 2014 - 

 

13. März 2018          oliver beihammer