Kalkdal und Søbjergene im Liverpool Land - die Sommer 2011 und 2015

Die folgenden Zeilen sind eine Erinnerung an zwei Aufenthalte im Liverpool Land in Ostgrönland in den Jahren 2011 und 2015. Das Kalkdal und die südlich davon gelegenen Søbjergene befinden sich auf der Ostseite des nördlichen Hurry Inlet, einem Seitenfjord des Scoresbysundes. Nördlich der Mündung des Kærelv, der hier über breite Schotterbänke in den Hurry Inlet fließt, steht etwas oberhalb des sandigen Ufers eine bereits etwas in die Jahre gekommene Hütte ("Kalkdalhütte"). Diese wurde als Unterkunft für die Jäger von Ittoqqortoorrmiit errichtet, die auf der weiten Ebene zwischen dem Fjord und dem Eingang des Kalkdales gerne auf Moschussochsenjagd gehen. Die Hütte, die uns während beider Aufenthalte als Ausgangspunkt für unsere Wanderungen diente, ist von Ittoqqortoorrmiit mit dem Boot und auch zu Fuß vom Flughafen Nertiit Inaat (Constable Pynt) zu erreichen. Für diese Wanderung, die um das Nordende des Hurry Inlet herumführt, sollte jedoch der Wasserstand des Ryders Elv, der aus dem Klitdalen in den Fjord fliesst, nicht zu hoch sein.


- Hurry Inlet und Fame Øernere, August 2011 -

Im August/September 2011 besuchten wir die Gegend um den nördlichen Hurry Inlet zum ersten Mal, nachdem wir zuvor zwei Wochen weiter im Süden bei der Dombrava und im Nøkkedal verbracht hatten. Ausgehend von der Hütte erkundeten wir an den schönen Tagen die Søbjergene und wanderten ins Kalkdal. Die raue unberührte Natur und der Anblick der unzähligen namenlosen Berge, die wir von den erstiegenen Anhöhen bis zum fernsten Horizont ausmachen konnten, berührten mich tief und hinterließen einen bleibenden Eindruck in mir. Bis heute hat die Erhabenheit dieser Landschaft, die sich seit geologischen Zeiträumen nicht verändert hat und der sich der Mensch immer noch unterordnen muss, für mich nichts von seiner großen Strahlkraft verloren.
Erfasst von einer Sehnsucht nach der Ferne und dem Wunsch in dieser abgelegenen Gegend außer auf unseren Füssen irgendwie mobil zu sein, begann ich bald nach unserer Ankunft aus angerosteten Öltonnen, herumliegendem Holz, alten Nägeln und weggeworfenen Nylonseilen ein Floss zu bauen. Obwohl mir immer bewusst war, dass es uns nirgendwohin bringen würde, war ich mit jener Art von Begeisterung bei der Sache, die vorzugsweise dann entsteht, wenn Zeit und Nutzen keine Rolle spielen. Vielleicht habe ich in diesen Stunden bis zu einem gewissen Grad das spielerische Element aus Kinder- und Jugendtagen wiederendeckt, das uns als Erwachsenen in unserem zweckbestimmten Alltag so leicht abhanden kommt. Nach der Fertigstellung erwies sich unser Floss während einiger kurzer Ausfahrten als schwimmfähig und war fortan am Strand liegend dem Wind und den Wellen des Meeres ausgesetzt. 
Nachdem in den ersten Septembertagen während einiger Schlechtwettertage der erste Schnee gefallen war, verließen wir die Hütte und wanderten zur anderen Seite des Hurry Inlet zum Flughafen von Nertiit Inaat. Wir hatten noch Zeit den Postkassen und den benachbarten Nathhorst Fjeld im Jameson Land zu besteigen, bevor uns das Flugzeug wieder zurück nach Island brachte.


- Das "Floss" am Ufer des Hurry Inlet, August 2011 -

Am 17. August 2015 kehrten Eeva Kaisa und ich nach unserem Aufenthalt in Uunarteq an den Hurry Inlet zurück. Die Eisfelder vor Ittaajimmiit (Kap Hope) hatten sich so weit gelichtet, dass eine Bootsfahrt von Ittoqqortoorrmiit dorthin möglich war. In Manasses' Boot, der in Begleitung seines Freundes Jørgen unterwegs war, fuhren wir an diesem Montag bei wolkenverhangenem Himmel auf das dunkelgraue Meer hinaus. Zuerst suchten wir einen Weg durch das immer noch dichte treibende Eis, passierten nach einer Weile die verlassenen Häusern von Ittaajimmit und bogen schließlich nach Norden in den Hurry Inlet ein. Nachdem wir die südlichste der fünf Fame Øernere passiert hatten, legten wir bald am Strand unterhalb der Hütte an, wo wir zu unserem Erstaunen nach vier Jahren noch ein Fragment unseres Flosses vorfanden. Bevor uns die beiden Grönländer verließen und zur Moschusochsenjagd weiter nach Norden fuhren, warnte uns Jørgen noch vor einem Eisbären, den Manasse vor einigen Tagen hier gesichtet hatte.
Als ich vom Strand die wenigen Meter zur Hütte hinauf ging und die Tür öffnete, bot sich mir ein entsetzlicher Anblick. Die beiden kleinen Räume rechts und links hinter der Eingangstür waren mit meterhohem Müll angefüllt, hauptsächlich die Überreste einer Moschusochsenjagd, die hier einfach zurückgelassen worden waren. Faulendes Fleisch und Knochen in Plastiksäcken, vergammelte Moschusochsenfelle, zerbrochenes Glas und jede Menge anderer Zivilisationsmüll hatten sich mit den Maden von Insekten im Laufe der Zeit zu einer dunklen Masse verbunden, die einen unglaublich ekeligen Gestank ausströmte. Der eigentliche Wohnraum der Hütte war von zahllosen großen Fliegen bevölkert, die sich, obwohl lebendig in dem allgegenwärtigen Staub und Dreck kaum rührten. Da kein Mensch hier auch nur eine einzige Nacht verbringen hätte können, starteten wir gleich nach unserer Ankunft eine großangelegte Putzaktion. Ich entzündete vor der Hütte mit Treibholz ein großes Feuer und begann anschließend damit, den klebrigen Müll stückweise ins Freie zu befördern. Obwohl es eine äußerst unangenehme Arbeit war, empfand ich eine große Befriedigung, als nach zwei Stunden die beiden Vorräume geleert waren und der ganze Dreck in lodernden Flammen aufging. Als ich die Überreste des Moschusochsen ins Feuer warf, zog für eine Weile der Geruch von verbranntem Fleisch durch die Luft, und ich dachte, falls der Eisbär noch in der Nähe wäre, würde er uns jetzt sicher einen Besuch abstatten. Inzwischen hatte Eeva Kaisa es auch geschafft, die vielen Fliegen aus dem Wohnraum zu vertreiben und so konnten wir uns am Ende des Tages doch recht wohnlich in unserer Behausung einrichten.


- Die Hütte am nördlichen Hurry Inlet, August 2015 -

Am Tag nach unserer Ankunft unternahmen wir bei gutem Wetter eine erste, ausgedehnte Bergwanderung in die Søbjergene. Von der Hütte erstiegen wir zuerst den "Hausberg" (von mir 2011 so benannt) und folgten anschließend dem Hauptarm des Kærelv auf der linken Seite. Auf dem zum Teil steilen Grashang über dem Bach wuchs eine Vielzahl verschiedener Blumen, die mir - da auf diesem Gebiet nicht besonders fachkundig - vor allem wegen ihrer Farbenpracht auffielen. An der Stelle, an der der Kærelv ruhig und seicht aus einem namenlosen See fließt, querten wir den Bach ohne Schwierigkeiten. Danach stiegen wir über Geröll und Schneefelder zum Beginn eines kurzen Blockgrates und über diesen weiter zu einem flachen Gipfel, auf dem wir zu unserer Überraschung einen Steinmann vorfanden. Wir fragten uns, wer hier vor uns schon gewesen sein könnte und genossen einen großartigen Rundblick auf die umliegenden Berge und den im Osten gelegenen Bjering Pedersens Gletscher. Nach dem bescheidenen Wetter der vergangenen Wochen war das Erlebnis dieser Weite bei der ungetrübten Sicht besonders beglückend. Schließlich verließen wir unseren Aussichtspunkt und folgten beim Abstieg wieder ausgedehnten Schneefelder, die wir jedoch verließen, als sie zunehmend steiler wurden. Bald erreichten wir das Südufer eines gefrorenen Sees und meisterten noch einen Gegenanstieg auf den in der Karte verzeichneten Punkt 600. Von dort setzten wir unsere Wanderung Richtung Westen zum Hurry Inlet fort, bis wir am Abend wieder das Delta des Kærelv und unsere Hütte erreichten.


- Der Ursprung des Kærelv in den Søbjergene, August 2015 - 

- Blick über den Bjering Pedersens Gletscher, August 2015 -

Zwei Tage später brachen wir ins Kalkdal auf, nachdem wir in Anschluss an die Wanderung in die Søbjergene einen Tag schauend, lesend und schreibend in der Nähe der Hütte verbracht hatten. Auf dem Weg ins Tal folgten wir dem Verlauf des Baches und konnten bald auf dem weichen Schwemmsand die Spuren eines Eisbären ausmachen, der vor einiger Zeit hier durchgezogen war. Wahrscheinlich war es jenes Exemplar, von dem uns Manasse und Jørgen erzählt hatten. Ohne von dem Bären noch etwas zu sehen, erreichten wir den höchsten Punkt des Tales und stiegen von dort auf den nördlich gelegene Gipfel (Punkt 850 in der Karte), der bereits auf dem Weg ins Tal so deutlich zu sehen ist. Wir waren bereits vor vier Jahren hier gewesen, aber der Ausblick war heute wegen des guten Wetters um vieles besser. Im Südwesten war der Korsbjerg (die höchste Erhebung des Liverpool Landes) deutlich zu erkennen und nordwärts hatten wir einen weiten Blick auf die ausgedehnte Gletscherfläche des Istorvet, aus dem sich mehrere markante Bergspitzen erhoben: allen voran die Gipfel 1262 und 1180, hinter denen bereits die schroffen Zacken der Kindtænderne deutlich zu sehen waren. Wir blieben fast eine Stunde und ich empfand einerseits die Dankbarkeit hier zu sein und zum anderen die Sehnsucht, eines Tages auch diese jetzt schon so nahen Gipfel über dem Istorvet zu besteigen. Nachdem wir wieder die Talsohle des Kalktales erreicht hatten, stiegen wir nochmals auf der anderen Talseite zu einer felsigen Scharte auf. Von hier wanderten wir über weite Höhenrücken - auf einer Route, die wir bereits 2011 begangen hatten - dem Meer entgegen und ließen die Region aus Fels und Schnee bald hinter uns. Als wir uns auf der weiten grasbewachsenen Ebene langsam der Hütte näherten, staunte ich wieder über die vielen farbenprächtigen Blumen, die hier trotz des arktischen Klimas im Überfluss wachsen.


- Der Istorvet mit dem Punkt 1180 und den Kindtænderne, August 2015 -

- Das stängellose Leimkraut (Silene acaulis), August 2015 -

Nach den drei strahlenden Tagen hatte in der Nacht zum 21. August der schon gestern spürbare Wind deutlich zugelegt und am Morgen waren die Berge in dichte Wolken gehüllt. In den folgenden Schlechtwettertagen stieg die Temperatur kaum über 5°C und der anhaltende kalte Wind aus Nordwesten trieb das Eis nach Süden aus dem Hurry Inlet hinaus. Wegen des ungemütlichen Wetters vermieden wir längere Aufenthalte im Freien, aber auch im Inneren unserer Bleibe war es alles andere als angenehm. Im Hochsommer erwärmen die Strahlen der Nachmittagssonne den Innenraum der Hütte, jetzt aber - in der schon fortgeschrittenen Jahreszeit - blieb es den ganzen Tag über düster und kalt. Der Brennstofftank neben dem Ölofen in der Hütte war leer und so blieb uns nichts anderes übrig, als uns mit viel heißem Tee, Bewegung und dem Rückzug in unsere Schlafsäcke zu behelfen.

Am Samstag schien der eisige Wind zumindest zeitweilig etwas nachzulassen und wir wanderten ein letztes Mal in die Søbjergene. Wir hielten uns in südöstlicher Richtung, überquerten das ausgetrocknete Bachbett des Pytelv und gelangten nach einer Weile auf das teilweise mit Altschnee bedeckte Bachbett des Damelv. Schließlich standen wir fröstelnd in undurchdringlichem Nebel an dem See, an dem der Damelv entspringt. Nachdem sich die Nebel kurz gelichtet hatten und wir einen flüchtigen Blick auf die umliegende Landschaft tun konnten, traten wir bald den Rückweg an. Als sich die Wolken später noch einmal etwas hoben, konnten wir sehen, dass sich im Jameson Land auf der anderen Seite des Fjordes bereits der erste Schnee auf die Berge gelegt hatte.


- Der erste Schnee auf dem Nathhorst Fjeld, August 2015 -

Am Sonntag, dem 23. August hatte sich das Wetter etwas beruhigt und am Vormittag gelang es mir Ruth Aaqqii in Ittoqqortoorrmiit telefonisch zu erreichen und ihr unsere Lage zu schildern. Etwas später erhielten wir die Nachricht, dass sie Manasse ausfindig gemacht hatte und dieser uns bald mit seinem Boot abholen würde. Nach einer guten Stunde teilte uns Ruth jedoch mit, dass unser Bootsführer bei der Einfahrt in den Hurry Inlet wegen des starken Windes umkehren hatte müssen. Sie machte uns aber Hoffnung, dass er es am Abend noch einmal versuchen würde. Wir verbrachten den Großteil des Tages in den Schlafsäcken und am späteren Nachmittag begannen wir unsere Sachen zu packen und an den Strand zu tragen. Es dauerte allerdings noch eine Weile bis ich Manasses' Boot zunächst winzig klein und dann langsam größer werdend auf der weiten Wasserfläche des Fjordes ausmachen konnte. Als das Boot näher kam, sahen wir, dass er dieses Mal in Begleitung einer jüngeren Frau und eines etwa zwanzigjährigen Burschen unterwegs war. Trotz des ungemütlichen Aufenthaltes der letzten Tage überfiel mich auch dieses Mal ein leiser Wehmut, als das Boot ablegte, Fahrt aufnahm und die einsame Hütte am Strand immer kleiner wurde und sich schließlich unseren Blicken entzog. In der Mitte des Fjordes trieb der auffrischende Wind die Wellen vor sich her, was Manasse jedoch nicht daran hinderte, das Boot in gnadenlosem Tempo übers Wasser zu jagen. Jedesmal wenn es auf der nächsten Welle aufschlug, erhielten wir - auf unseren gerollten Isomatten hockend - einen Schlag, der uns durch Mark und Bein ging. Während Manasse mit seiner Freundin hinterm Steuerrad stand und sich von diesen Unannehmlichkeiten die gute Laune nicht verderben ließ, gab ich ein für alle Mal sämtliche Erwägungen auf, seine Dienste in Zukunft noch einmal in Anspruch zu nehmen. Der junge Bursche hingegen, der die ganze Zeit nur mit einem zerschliessenen blauen Overall bekleidet im Bug des Bootes saß und trotz der eisigen Kälte nicht einmal eine Kopfbedeckung trug, verzog während der ganzen Fahrt keine Miene. Wahrscheinlich war er im Unterschied zu uns Europäern dergleichen von Kinderschuhen an gewöhnt. Als sich der Bug unseres Bootes in Ittoqqortoorrmiit in den weichen Sandstrand bohrte, stand Ruth bereits am Ufer und erwartete uns. Manasse und seine Leute brausten alsbald mit einem freundlichen Lächeln davon und wir folgten Ruth steif und durchgefroren in Elins Haus, das sie bereits für uns vorgeheizt hatte. Nach den vergangenen "kalten" Wochen erschien uns diese geheizte Unterkunft in jeder Hinsicht als äußerst luxuriös.

Eeva Kaisa trat einige Tage später bei immer noch schlechtem Wetter ihre Rückreise nach Europa an. Ich hingegen wohnte noch weitere zwei Wochen in der komfortablen Unterkunft und erkundete trotz mancher gesundheitlicher Schwierigkeiten auf ausgedehnten Wanderungen die Umgebung von Ittoqqortoorrmiit - immer wieder den Spuren der Eisbären folgend.

- Blick von Ittoqqortoorrmiit auf die Volquarts Boon Kyst, September 2015 -

 

29. Juli 2016          oliver beihammer