SinnZENTRUM Salzburg, Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Philosophische Gesprächsrunde am 5.3.2015

Martin Buber: Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre (Teil 1)

Im 18. Jahrhundert entstand in den osteuropäischen Ländern unter den jüdischen Menschen eine machtvolle religiöse Bewegung, die uns heute unter dem Namen Chassidismus bekannt ist. Als Begründer des Chassidismus gilt Israel ben Elieser (1700 – 1760), auch genannt Baal-schem-tow (Meister des guten Namens), der als charismatischer Führer und Lehrer seiner Gemeinde wirkte. Die Worte des Baalschem blieben im Gedächtnis seiner Schüler haften und seine Unterweisung wurde über Generationen weitergegeben. Wesentlich für die chassidische Bewegung blieb weiterhin der Zaddik (der Gerechte, der Mann Gottes), dem das Volk Vertrauen schenkte, der Schüler um sich sammelte und den Bedürftigen zur Seite stand. Im Laufe der Zeit bildeten sich Überlieferungen, die mit dem Namen eines verehrten Zaddik in Verbindung gebracht wurden. Die Strahlkraft des Chassidismus war wesentlich vom Erzählen der Lehrgeschichten der Zaddikim geprägt. (Buber, 2003, S. 33 – 34).

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878 – 1965) wurde bereits früh im Haus seines Großvaters mit dem Chassidismus bekannt und beschäftigte sich intensiv mit den überlieferten Erzählungen. Buber’s Freund Albrecht Goes schrieb einmal, dass es sich bei Buber und den Chassidim um eine „Lebensfreundschaft“ (Buber, 2014, S. 63) gehandelt habe. Buber hat die Fülle der chassidischen Überlieferung nicht nur gesammelt, sondern auch in eine neue sprachliche Form gebracht und philosophisch bearbeitet. Ab dem Jahr 1906 erschienen mehrere Veröffentlichungen zu diesem Thema: Die Geschichten des Rabbi Nachman (1906), Die Legende des Baal-Schem (1907), Der große Maggid und seine Nachfolge (1921), Das verborgene Licht (1924) und Die chassidischen Bücher (1928).
Im April 1947 war Buber bei der Woodbrooker Tagung im holländischen Bentveld zu Gast und trug in sechs Kapiteln die Grundzüge chassidischer Lebensführung vor. Die Aufzeichnung dieses Vortrages erschien ein Jahr später in Buchform unter dem Titel Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre.
Ich kenne nur wenige Schriften, in denen Wesentliches zum menschlichen Sein in so schlichter Einfachheit und Tiefe dargestellt ist. Wer sich mit Buber beschäftigt, spürt auch heute noch seine Menschlichkeit und seine Fähigkeit zu ‘echter’ Begegnung, was seine Zeitgenossen immer wieder eindrucksvoll dokumentierten. Goes schrieb in einem Brief vom 12. 2. 1964: „»… ich fand einen, der ›die eigene Formel‹ auf eine solche Weise lebte und verwirklichte, daß man durch alle Türen ins Vertraute kam: ich suchte mir Rechenschaft zu geben, wie ich das nennen soll – und fand nur eben dieses Wort: Freund.«” (Buber, 2014, Umschlag). Die Schwierigkeiten auf diesem Weg der ‘Ganzwerdung’, die wahrscheinlich auch Buber erfahren hat, sind in einer kurzen Lehrgeschichte des Baalschem mit der Überschrift Am Baum des Lebens verdeutlicht:

„Der Baalschem erzählte: «Einmal bin ich ins Paradies gegangen, und viel Volk ging mit mir, und je näher ich dem Garten kam, so schwanden sie hinweg, und wie ich durchs Paradies ging, waren noch etliche bei mir; aber als ich am Baum des Lebens stand und mich umsah, war ich fast allein.»“ (Buber, 1949, S. 152).

1. Kapitel: Selbstbesinnung

1. Mose 3,8 – 9
Es versteckte sich der Mensch und sein Weib vor SEINEM, Gottes, Antlitz mitten unter den Bäumen des Gartens.
Er, Gott, rief den Menschen an und sprach zu ihm:
Wo bist du?

Das erste Kapitel beginnt mit dem Dialog zwischen dem wegen einer Verleumdung im Gefängnis sitzenden Rabbi Schnëur Salman und einem Obersten der Gendarmerie. Dieser legte dem Rabbi schließlich die Frage vor, wie es zu verstehen sei, dass Gott die Frage ›Wo bist du?‹ an Adam richtet.
„»Nun wohl«, sprach der Zaddik, »in jeder Zeit ruft Gott jeden Menschen an: ›Wo bist du in deiner Welt? So viele Jahre und Tage von den dir zugemessenen sind vergangen, wie weit bist du derweilen in deiner Welt gekommen?‹ So etwa spricht Gott: ›Sechsundvierzig Jahre hast du gelebt, wo hältst du?‹«
Als der Oberst die Zahl seiner Lebensjahre nennen hörte, raffte er sich zusammen, legte dem Raw die Hand auf die Schulter und rief: »Bravo!« Aber sein Herz flatterte.“ (Buber, 2014, S. 8,9).
Buber betonte, dass es für den Menschen von grundlegender Bedeutung ist, sich dieser Frage Gottes zu stellen, da auch die Möglichkeit besteht, sich ihr zu verschließen. „Solang dies geschieht, wird das Leben des Menschen zu keinem Weg. Mag ein Mensch noch so viel Erfolg, noch so viel Genuß erfahren, mag er noch so große Macht erlangen und noch so Gewaltiges zustande bringen: sein Leben bleibt weglos, solang er sich der Stimme nicht stellt. Adam stellt sich der Stimme, er erkennt die Verstrickung, er bekennt: »Ich habe mich versteckt«, und damit beginnt der Weg des Menschen.“ (Buber, 2014, S. 12, 13).

2. Kapitel: Der besondere Weg

Was zeichnet nun den Weg aus, auf den sich der Mensch begeben kann? Buber (2014, S.16 – 18) schreibt dazu: „Mit jedem Menschen ist etwas Neues in die Welt gesetzt, was es noch nicht gegeben hat, etwas Ernstes und Einziges. »Pflicht ist es jedermanns in Israel zu wissen und zu bedenken, daß er in der Welt einzig in seiner Beschaffenheit ist, und es ist noch kein ihm Gleicher auf der Welt gewesen, denn wäre schon ein ihm Gleicher auf der Welt gewesen, er brauchte nicht auf der Welt zu sein. Jeder Einzelne ist ein neues Ding in der Welt, und er soll seine Eigenschaft in dieser Welt vollkommen machen.“ … „Und mit noch größerer Eindringlichkeit ist dasselbe von Rabbi Sussja ausgesprochen worden, als er kurz vor seinem Tode sagte: »In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: ›Warum bist du nicht Mose gewesen?‹ Man wird mich fragen: ›Warum bist du nicht Sussja gewesen?‹«“
Im folgenden Zitat weist Buber (2014, S. 19 – 20) noch auf die besondere Rolle des Gefühls in diesem Zusammenhang hin: „Auf welchem Weg ein Mensch zu Gott gelangt, kann somit nichts anderes ihm sagen als die Erkenntnis seines eigenen Wesens, die Erkenntnis seiner wesentlichen Eigenschaft und Neigung. »In jedermann ist etwas Kostbares, das in keinem andern ist.« Was aber an einem Menschen »kostbar« ist, kann er nur entdecken, wenn er sein stärkstes Gefühl, seinen zentralen Wunsch, das in ihm, was sein Innerstes bewegt, wahrhaft erfaßt.“

Literatur

Buber, M. (2014) Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre. München.

Buber, M. (1949) Die Erzählungen der Chassidim. München.

Buber, M. (2003) Martin Buber im Gespräch mit Gott und den Menschen. Leipzig.

Buber, M. (1918) Mein Weg zum Chassidismus: Erinnerungen. Frankfurt a. M..

Buber, M.; Rosenzweig, F. (1992) Die fünf Bücher der Weisung. Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. Stuttgart.

 

26. Februar 2015          oliver beihammer