SinnZENTRUM Salzburg, Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Philosophische Gesprächsrunde am 26.3.2015

Martin Buber: Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre (Teil 2)

Jedes der sechs Kapitel im Weg des Menschen stellt ein Lebensprinzip für den Menschen dar, dessen Leben nach den Worten von Buber zu einem Weg geworden ist. Dieser beginnt mit der biblischen Frage „Wo bist du?“, die von den Zadikkim als durch alle Zeiten gestellte Frage Gottes an den Menschen verstanden wird. Er soll sich nicht mehr verstecken, den grundlegenden Lebensfragen nicht mehr ausweichen, sondern sich angesprochen fühlen in dem Sinn: „Wo stehe ich jetzt in meinem Leben?“

Im zweiten Kapitel nimmt Buber den Menschen in seiner Ganzheit ins Blickfeld, indem er ihn als etwas Einzigartiges, noch nie Dagewesenes mit jeweils besonderen Eigenschaften beschreibt. Wer mit Viktor Frankl’s zehn Thesen zur Person vertraut ist, findet hier bei Buber eine frühe Fassung der dritten These, in der jede Person als absolutes Novum beschrieben wird. Es ist uns als Menschen aufgetragen, uns unserer einzigartigen Eigenschaften und Talente bewusst zu werden und diese zu entwickeln. Dies erfolgt auch über den Weg des Gefühls: „Was sind meine tiefsten Wünsche und Sehnsüchte?“

3. Kapitel: Entschlossenheit

In diesem Abschnitt spricht Buber von der chassidischen Lehre, die dem Menschen die Fähigkeit zuspricht, seine Seele zu einen. Doch was bedeutet das Wort ‘Seele’ in diesem Zusammenhang?
Hier kommt ein im Chassidismus begründetes Menschenbild zum Ausdruck, das mit der Seele die Ganzheit des Menschen, die Gesamtheit seiner leiblichen und geistigen Kräfte meint (Buber, 2014, S. 31). Die menschliche Seele wird als vielfältig, kompliziert und widerspruchsvoll beschrieben, wodurch der Mensch der Gefahr von Störungen, Hemmungen und innerer Unruhe ausgesetzt ist. Buber (2014, S. 29) hebt jedoch hervor, dass „das Innerste dieser Seele, die Gotteskraft in ihrer Tiefe“ es vermag, die inneren, einander widersprechenden Tendenzen zu vereinen. So ist es möglich, zu innerer Ruhe und Entschlossenheit zu gelangen.

Die Thematik wird in diesem Kapitel anhand einer Lehrgeschichte des Rabbi Jaakob Jizchak von Lublin (auch der »Seher von Lublin« genannt) aufgerollt. Die Geschichte handelt von einem Schüler des Rabbi, der beabsichtigt, von einem Sabbat zum nächsten Sabbat zu fasten, gegen Ende dieser Zeit wegen seines großen Durstes das Vorhaben fast aufgibt, schließlich die Prüfung aber doch besteht. In das Herz des Schülers schleicht sich der Stolz auf diese ‘Leistung’ ein und so beschließt er, das Fasten doch zu brechen, da dies noch besser sei, als dem Hochmut zu verfallen. Da der Durst plötzlich von ihm weicht, kommt es aber nicht mehr dazu. Als der Schüler zu Beginn des Sabbat das Haus des Zaddik betritt, ruft ihm dieser von der Schwelle zu: „Flickarbeit!“ (Buber, 2014, S. 25).
Buber (2014, S. 27) interpretiert diese Geschichte folgendermaßen: „Er (der Zaddik) warnt den Schüler vor etwas, was ihn mit Notwendigkeit hindert, seine Absicht zu erreichen. Was aber dieses Etwas ist, wird uns deutlich genug. Gerügt wird, daß man vordringt und wieder zurückweicht; das Hin und Her, der Zickzack-Charakter des Tuns ist das Bedenkliche. Was der »Flickarbeit« gegenübersteht, ist die Arbeit aus Einem Guß. Wie aber vollbringt man eine Arbeit aus Einem Guß? Nicht anders als mit geeinter Seele.“

Die geeinte Seele ist nicht etwas, das uns als Menschen ein für alle Mal gegeben ist, sondern immer wieder müssen wir in unserem Tun erneut um Entschlossenheit ringen. Allerdings wirkt jede mit geeinter Seele vollbrachte Tat so auf die Seele zurück, dass das darauffolgende Werk in noch größerer Einheit getan werden kann. Und so wird der Mensch in seinem Handeln schließlich ein Ausmaß an Einheit erreichen, das Zweifel, Zersplitterung und Unentschlossenheit mit Leichtigkeit und Gelassenheit überwindet. (Buber, 2014, S. 30).

4. Kapitel: Bei sich beginnen

In diesem Kapitel erläutert Buber das Problem des Ursprungs zwischenmenschlicher Konflikte. Die chassidische Lehre geht davon aus, dass die Konflikte zwischen den Menschen ihre Ursprung in den inneren Konflikten und Widersprüche der menschlichen Seele haben. Werden diese Konflikte der Seele gelöst, können wir in neue, veränderte Beziehungen zu unseren Mitmenschen treten. Aus dieser Sichtweise heraus wird Mensch aufgerufen „sich »zurechtzuschaffen«“ (Buber, 2014, S. 36). Der Chassidismus fordert, bei sich zu beginnen und sein ganzes Augenmerk auf die Wandlung seiner Seele zu legen und nicht wie dies normalerweise geschieht, vom anderen eine Änderung zu erwarten, damit der Konflikt beigelegt werden könne. Diesen Gedanken formuliert Buber (2014, S. 37) in einem Bild sehr eindrücklich: „Der archimedische Punkt, von dem aus ich an meinem Orte die Welt bewegen kann, ist die Wandlung meiner selbst;“

Worin besteht nun der schwerwiegendste innere Konflikt in der Seele des Menschen, der die Beziehung zu seinem Gegenüber oft trübt? Auch auf diese Frage geben die Zaddikim eine Antwort, wie aus einem Spruch des Baalschem hervorgeht. Hier werden drei verschiedene, oft miteinander im Widerspruch stehende Prinzipien im menschlichen Leben zur Sprache gebracht: der Gedanke, das Wort und die Handlung. Das Problem auf das der Baalschem verweist, ist die Tatsache, dass zwischen Denken, Sprechen und Handeln oft keine Übereinstimmung besteht oder wie es Buber (2014, S. 39) in großer Klarheit sagt: „Der Ursprung allen Konflikts zwischen mir und meinen Mitmenschen ist, daß ich nicht sage, was ich meine, und daß ich nicht tue, was ich sage.“
Gegen Ende des Kapitels betont Buber noch einmal, dass gesunde Beziehungen sehr von unserem Willen abhängen, Gedanken, Worte und Handlungen in Übereinstimmung zu bringen. Damit dies gelingen kann, müsse man aber zuvor „sich selber finden, nicht das selbstverständliche Ich des egozentrischen Individuums, sondern das tiefe Selbst der mit der Welt lebenden Person.“ (Buber, 2014, S. 39). Meiner Einsicht nach verweist Buber hier wieder auf seine im zweiten Kapitel dargelegten, tiefgehenden Aussagen: „In jedermann ist etwas Kostbares, das in keinem andern ist.“

Literatur

Buber, M. (2014) Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre. München.

Buber, M. (1949) Die Erzählungen der Chassidim. München.

 

22. März 2015          oliver beihammer