SinnZENTRUM Salzburg, Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Philosophische Gesprächsrunde am 7.5.2015

Martin Buber: Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre (Teil 3)

Im dritten Kapitel spricht Buber von der Entschiedenheit menschlichen Handelns. Die menschliche Seele, die im Chassidismus die Gesamtheit der leiblichen und geistigen Kräfte bedeutet, neigt in ihrer Vielfalt zur Widersprüchlichkeit. Dies macht es dem Menschen oft schwer, die an ihn herangetragenen Aufgaben mit ganzer Entschlossenheit anzugehen. Nach der chassidischen Vorstellung wirkt im Innersten der menschlichen Seele eine göttliche Kraft, die den Menschen befähigt, seine Seele zu einen. Das bedeutet, dass wir die einander widersprechenden Kräfte bündeln und unsere Werke entschlossen in die Welt setzen können.

Der Chassidismus setzt sich auch mit dem Ursprung zwischenmenschlicher Konflikte auseinander. Diese werden darauf zurückgeführt, dass im menschlichen Leben im Denken, Sprechen und Handeln oft keine Übereinstimmung besteht. Diese Widersprüchlichkeit schädigt die Beziehung zu unseren Mitmenschen. Wenn wir uns in diesem Punkt wandeln, sind wir in der Lage, in neue, veränderte Beziehungen zu unseren Mitmenschen zu treten.

5. Kapitel: Sich mit sich nicht befassen

In diesem Kapitel kommt ein Lebensprinzip des Chassidismus von fundamentaler Bedeutung zur Sprache. Es wird zu Beginn in einer kurzen Lehrgeschichte verdeutlicht: „Als Rabbi Chajim von Zans seinen Sohn der Tochter des Rabbi Elieser vermählt hatte, trat er am Tag nach der Hochzeit beim Brautvater ein und sagte: »Schwäher, Ihr seid mir nahe gekommen, und ich darf Euch sagen, was mein Herz peinigt. Seht, Haupt- und Barthaar sind mir weiß geworden, und noch habe ich nicht Buße getan!« »Ach, Schwäher«, erwiderte ihm Rabbi Elieser, »Ihr habt nur Euch im Sinn. Vergeßt Euch und habt die Welt im Sinn!«“ (Buber, 2014, S. 41).
Das Prinzip, welches in der Geschichte von Rabbi Elieser hervorgehoben wird, besagt, dass sich der Mensch nicht mit seiner eigenen Person und seinen Befindlichkeiten befassen, sondern sich auf sein Tun in der Welt konzentrieren soll. Daher fordert er seinen Gesprächspartner auf, seine Lebenskraft nicht mit Selbstvorwürfen und der Sorge um sein eigenes Seelenheil zu vergeuden. Nach der chassidischen Lehre geht es vorrangig darum, sich mit ganzer Kraft seiner Aufgabe in der Welt zuzuwenden!

Buber bringt diese Idee mit dem für das Judentum so grundlegenden Begriff der Umkehr in Verbindung, der mehr als Reue und Bußhandlungen bedeutet. Nach jüdischer Auffassung ist die Umkehr das zentrale Element auf dem menschlichen Weg, und meint im tieferen Sinn die Abwendung des Menschen von sich selbst und seinen selbstsüchtigen Verstrickungen und die Hinwendung zu seiner von Gott bestimmten Aufgabe in der Welt. (Buber, 2014, S. 43). Diese Idee ist so zentral, dass nach chassidischer Vorstellung die Erlösung der Welt von ihr abhängt. Diejenigen, die vordergründig sich selbst im Sinn haben, werden als die Hochmütigen und diejenigen, deren Sinn auf die Welt gerichtet ist, als die Demütigen beschrieben. Die Welt als Ganzes kann nur erlöst werden, wenn irgendwann die Demut über den Hochmut gesiegt hat.

Viktor Frankl hat dieses Prinzip unter dem Begriff Selbsttranszendenz in die Logotherapie übernommen. Wie das Auge, das dann gesund ist, wenn es beim Sehen die Welt wahrnimmt und nicht sich selbst, dringt der Mensch zu seinem eigentlichen Sein vor, wenn er in der Hingabe an die Welt sich selbst vergisst. (Frankl, 2011, S. 214).

6. Kapitel: Hier wo man steht

Das abschließende Kapitel im Weg des Menschen beginnt Buber mit der Geschichte des Eisik Sohn Jekel, die Rabbi Bunam zugeschrieben wird. Nach dieser Geschichte träumte Eisik Sohn Jekel – ein leidgeprüfter und dennoch auf Gott vertrauender Jude aus Krakau – dass in Prag unter der Brücke, die zum Königschloss führt, ein Schatz vergraben liege. Nachdem er dreimal in dieser Weise geträumt hatte, wanderte Eisik nach Prag, um dort den Schatz auszugraben. Als er in Prag ankam, sah er, dass die Brücke streng bewacht war und ihm fehlte der Mut, mit dem Heben des Schatzes zu beginnen. Vom Morgen bis zum Abend harrte er Tag für Tag in der Nähe der Brücke aus und schließlich fragte ihn der Hauptmann der Wache, der auf ihn aufmerksam geworden war, nach dem Grund seiner Anwesenheit. Eisik erzählte dem Hauptmann von seinen Träumen, die ihn nach Prag geführt hätten. Daraufhin lachte der Hauptmann und sagte, dass auch ihm einmal im Traum befohlen worden sei, nach Krakau zu wandern und im Haus des Juden Eirich Sohn Jekel unter dem Ofen einen Schatz zu heben. Da aber in Krakau die eine Hälfte der Juden Eirich und die andere Jekel heiße und er demnach viele Häuser hätte aufreißen müssen, sei er gar nicht erst losgezogen. Als Eirich Sohn Jekel das von dem lachenden Hauptmann hörte, wanderte er zurück nach Krakau und grub in seinem Haus unter dem Ofen den Schatz aus, um dann ein Bethaus zu bauen. (Buber, 2014, S. 49, 50).
In dieser Geschichte ist der Schatz, den es auszugraben gilt, eine Metapher für das erfüllte, gelungene Leben. Es ist eine der tiefen Weisheiten des Chassidismus, dass das erfüllte Dasein genau an jenem Ort zu finden ist, an dem man durch das Schicksal und früher getroffene Entscheidungen jetzt steht. Demjenigen Menschen wird das erfüllte Leben zuteil, der auf die vielfältigen, einander folgenden Situationen des Alltags in der rechten Weise antwortet. Buber (2014, S. 52, 53) hat diese Einsicht in sehr klare und eindringliche Worte gefasst: „Und hätten wir Macht über die Enden der Erde, wir würden an erfülltem Dasein nicht erlangen, was uns die stille hingegebene Beziehung zur lebendigen Nähe geben kann. Und wüßten wir um die Geheimnisse der oberen Welten, wir hätten nicht so viel wirklichen Anteil am wahren Dasein, als wenn wir im Gang unseres Alltags ein uns obliegendes Werk mit heiliger Intention verrichten. Unterm Herd unsres Hauses ist unser Schatz vergraben.“

In weiterer Folge bezieht sich Buber auf eine Lehre des Baalschem, nach der alle Menschen, Wesen und Dinge, mit denen wir in unserem Alltag zu tun haben, eine tiefere Bedeutung in sich tragen, eine heilige Seelensubstanz, die durch den Menschen zur Vollendung gelangen kann. „Pflegen wir heiligen Umgang mit der uns anvertrauten kleinen Welt, helfen wir in dem Bezirk der Schöpfung, mit der wir leben, der heiligen Seelensubstanz zur Vollendung zu gelangen, dann stiften wir an diesem unserem Ort eine Stätte für Gottes Einwohnung, dann lassen wir Gott ein.“ (Buber, 2014, S. 57). Obwohl Buber in großer Klarheit darstellt, worum es im abschließenden Kapitel geht, führt er nicht genauer aus, was mit der heiligen, in allen Dingen waltenden Seelensubstanz gemeint ist.

Literatur

Buber, M. (2014) Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre. München.

Buber, M. (1949) Die Erzählungen der Chassidim. München.

Frankl, V. E. (2011) Ärztliche Seelsorge, Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. München.

 

4. Mai 2015          oliver beihammer