SinnZENTRUM Salzburg, Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Philosophische Gesprächsrunde am 9.7.2015

Martin Buber: Geist als Antwort des Menschen auf ein Du

Der Begriff der Verantwortung im Sinne von "Antworten auf …" ist eine zentrale Idee von Martin Buber's Philosophie. In seiner Schrift Zwiesprache schreibt er dazu:          
"Echte Verantwortung gibt es nur, wo es wirkliches Antworten gibt. 
Antworten worauf?
Auf das, was einem widerfährt, was man zu sehen, zu hören, zu spüren bekommt." (Buber, 1994, S. 161).
Bevor wir mit dem Antworten beginnen können, müssen wir jedoch erst dessen gewahr werden, was von der Außenwelt an uns herangetragen wird. Dieses Bewusst-werden der Zeichen, die uns im persönlichen Alltag von außen zukommen, bezeichnet Buber als "aufmerken". Dabei ist das, was uns von der Außenwelt "gesagt" wird, nicht ausschließlich auf den Umgang mit Menschen beschränkt. Auch Tiere, Pflanzen und Dinge können ihre Zeichen senden. Es kommt lediglich darauf an, dass wir uns der Zeichen jeder einzigartigen Lebenssituation bewusst werden und uns entschließen, darauf zu antworten: mit einem Wort, einem Blick, einer Berührung, einer Geste. Die andere Möglichkeit, dass wir der auf uns zuströmenden Zeichen gewahr werden, uns jedoch entscheiden zu schweigen - also nicht zu antworten - hinterlässt nach Buber (1994, S. 163) "eine durch keine Produktivität und durch keine Betäubung zu vergessende Wunde".
Diese menschliche Fähigkeit des Aufmerkens und auf das so und so Wahrgenommene zu antworten, bezeichnet Buber als "Geist". In seinem Buch Ich und Du fasst er diese Verbindung mit folgenden Worten: "Geist in seiner menschlichen Kundgebung ist Antwort des Menschen an sein Du. Der Mensch redet in vielen Zungen, Zungen der Sprache, der Kunst, der Handlung, aber der Geist ist einer, Antwort an das aus dem Geheimnis erscheinende, aus dem Geheimnis ansprechende Du." (Buber, 1994, S. 41). Buber stellt damit einen Aspekt des menschlichen Geistes in den Vordergrund, der für die Logotherapie von zentraler Bedeutung ist.

In der Schrift Elemente des Zwischenmenschlichen beschreibt Buber das Wirken des Geistes in der menschlichen Begegnung in einprägsamen Worten. Nach seiner Auffassung eignet der "Geist" allein dem Menschen und ist entscheidend an seinem Person-sein beteiligt. Als menschliche Wesen haben wir die intuitive Gabe ein menschliches Gegenüber in umfassender Ganzheit, als eine ebenfalls vom "Geist" her bestimmte Person zu erfassen. Buber spricht in diesem Fall auch vom "innewerden" oder der "personalen Vergegenwärtigung".
"Eines Menschen innewerden heißt also im besonderen seine Ganzheit als vom Geist bestimmte Person wahrnehmen, die dynamische Mitte wahrnehmen, die all seiner Äußerung, Handlung und Haltung das erfaßbare Zeichen der Einzigartigkeit aufprägt.“ (Buber, 1994, S. 284).
In Zusammenhang mit der personalen Vergegenwärtigung stellt Buber noch das Prinzip der Annahme und Akzeptanz heraus, welches für jede therapeutische oder beratende Tätigkeit von großer Bedeutung ist. Durch die personale Vergegenwärtigung ist es möglich, einen anderen Menschen als jemanden erkennen, der in seinem Wesen anders ist als ich. Auch wenn ich verschiedene Überzeugungen dieses Menschen nicht teile, ist es nach Buber jedoch möglich, diesen Menschen in seiner Ganzheit und seinem Wesen anzunehmen (Buber, 1994, S. 283).

Wie es bereits Buber für seine Zeit festgestellt hat, scheint mir, dass die Fähigkeiten der Menschen zur Verantwortung (im Sinn von Antwort geben auf ...) und zur personalen Vergegenwärtigung tendenziell eher im Abnehmen begriffen sind. Die gestiegenen Anforderungen des Alltages, die Dauerpräsenz der Medien und die allgegenwärtige Reizüberflutung machen es schwieriger, für den anderen Menschen empfänglich zu sein. Oft sind wir so "im Eigenen" befangen, dass uns das Feine und Subtile im menschlichen Miteinander entgeht oder wir uns entscheiden, nicht darauf zu antworten. Auch die verbreitete Verwendung von unterschiedlichen Kommunikationsmitteln (Smartphones, …), die zwischenmenschliche Begegnungen auf das gesprochene oder geschriebene Wort reduzieren, beschneidet die Möglichkeiten ganzheitlicher Begegnung. Einem anderen Menschen im Sinne Bubers inne zu werden und zu antworten, ist mit großer Wahrscheinlickeit nur von Angesicht zu Angesicht möglich.
Ich denke, dass die Ideen Bubers heute mehr denn je in der Therapie und Beratung von Bedeutung sind, damit sie in unserer Gesellschaft ihre heilende Wirkung entfalten können.

Literatur

Buber, M. (1994) Das dialogische Prinzip. Ich und Du/ Zwiesprache/ Die Frage an den Einzelnen/ Elemente des Zwischenmenschlichen. Gerlingen.

 

7. Juli 2015          oliver beihammer