SinnZENTRUM Salzburg, Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Philosophische Gesprächsrunde am 2.6.2016

Martin Heidegger: Die Grundstrukturen menschlichen Seins

In seinem 1927 erschienenen Werk Sein und Zeit analysiert Heidegger die Grundstrukturen menschlichen Seins, die er "Existentiale" nennt. Diese stellen den wesenhaften Unterschied zwischen dem Menschen und allem anderen Seienden dar. Um das menschliche Sein von anderem Seienden sprachlich abzugrenzen, verwendet Heidegger dafür den Begriff "Dasein". Im Folgenden sollen aus Heideggers Werk einige grundlegende Wesenszüge des Daseins, die auf die Entwicklung der Existenzanalyse großen Einfluss hatten, herausgegriffen und kurz beschrieben werden. Da Heideggers Sprache das von ihm Gemeinte sehr klar veranschaulicht, möchte ich auf einige Zitate aus Sein und Zeit zurückgreifen.

1. Existenz

Ein erstes grundlegendes Charakteristikum des Daseins besteht darin, dass es sich verstehend zu seinem eigenen Sein verhält. Heidegger (1967, S. 12) formuliert dies folgendermaßen: "Zu dieser Seinsverfassung des Daseins gehört aber dann, daß es in seinem Sein zu diesem Sein ein Seinsverhältnis hat. Und dies wiederum besagt: Dasein versteht sich in irgendeiner Weise und Ausdrücklichkeit in seinem Sein. Diesem Seienden eignet, daß mit und durch sein Sein dieses ihm selbst erschlossen ist." Dass dem Dasein sein eigenes Sein erschlossen ist, bedeutet in diesem Zusammenhang, dass dem Dasein sein Sein immer irgendwie auf ganz spezifische Art und Weise erscheint. 
Das verstehende Verhalten des Menschen zu seinem Sein zeigt sich letztlich in den Möglichkeiten, die sich uns bieten und von denen wir einige ergreifen und verwirklichen, während wir andere ungenutzt verstreichen lassen. Dieses Charakteristikum des Daseins, sich durch den Umgang mit den sich bietenden Möglichkeiten zu seinem Sein zu verhalten, nennt Heidegger die "Existenz".

2. Jemeinigkeit

Neben der Existenz beschreibt Heidegger als zweiten grundlegenden Wesenszug des Daseins die von ihm so benannte "Jemeinigkeit". Damit ist gemeint, dass jeder Mensch sein je eigenes Leben lebt, es als sein eigenes erfährt und es ihm letztlich um dieses eigene Leben geht. Im folgenden Zitat kommen Existenz und Jemeinigkeit als grundlegende Phänomene des Daseins in ihrer engen Verbundenheit zum Ausdruck: "Das Sein dieses Seienden ist je meines. Im Sein dieses Seienden verhält sich dieses selbst zu seinem Sein. Als Seiendes dieses Seins ist es seinem eigenen Sein überantwortet. Das Sein ist es, darum es diesem Seienden je selbst geht." (Heidegger, 1967, S. 41-42). So sind zum Beispiel die Gedanken, Vorstellungen und Gefühle, die beim jeweils subjektiven Erleben eines Menschen in einer bestimmten Situation zum Tragen kommen, die jeweils meinen oder die eines anderen Menschen. Auch wenn wir versuchen, uns in andere Menschen hineinzuversetzen, ist dies wieder unser subjektiv so erfahrenes Leben, das sich von dem der anderen unterscheidet.
Die Jemeinigkeit ist mit der Existenz so eng verknüpft, weil der Mensch beim Ergreifen und Verwirklichen verschiedener Möglichkeiten nach Heidegger letztendlich vor der Frage steht, zwischen einer "eigentlichen" und einer "uneigentlichen" Seinsweise zu wählen. Diesen Begriffen folgend stellen sich für den Menschen die grundlegenden Fragen "Wer bin ich eigentlich?" und "Welche Möglichkeiten muss ich ergreifen, um dieses Eigentliche zu verwirklichen?" Den Gegensatz zwischen "eigentlich" und "uneigentlich" formuliert Heidegger (1967, S. 12) auch mit der grundsätzlichen Möglichkeit des Daseins "es selbst oder nicht es selbst zu sein". Die Jemeinigkeit ist die Voraussetzung dafür, dass diese Gegensatzpaare im Dasein als solche überhaupt möglich sind. 

3. In-der-Welt-sein

Das "In-der-Welt-sein" ist ein weiteres Phänomen, welches das Dasein grundlegend bestimmt. Dies bedeutet, dass die dem Menschen eigene Welt und was ihm darin begegnet, in solcher Weise Wirklichkeitscharakter hat, dass er deren Einfluss auf sein Leben verstehend erfasst. Diese Grundstruktur des Daseins wird von Heidegger auch mit dem Begriff der "Faktizität" bezeichnet. "Der Begriff der Faktizität beschließt in sich: das In-der-Welt-sein eines »innerweltlichen« Seienden, so zwar, daß sich dieses Seiende verstehen kann als in seinem »Geschick« verhaftet mit dem Sein des Seienden, das ihm innerhalb seiner eigenen Welt begegnet." (Heidegger, 1967, S. 56).
In der Existenzanalyse wird in diesem Sinne die dem Menschen begegnende Welt als die "Wirklichkeit" bezeichnet und diese als all jenes definiert, was von außen auf den Menschen einwirken kann oder worauf er umgekehrt eine Wirkung ausüben kann (Längle, Wagner, 1996, S. 48-49).

4. Gestimmtheit

Neben dem Verstehen wird dem Menschen die ihm eigene Welt und was ihm darin begegnet auch emotional erschlossen, was Heidegger mit den Begriffen "Gestimmtheit" und "Befindlichkeit" bezeichnet. Die Gestimmtheit des Daseins ist in Hinblick auf das Erschließen der Wirklichkeit ein viel "feineres Instrument" als das kognitive Verstehen. "Daß Stimmungen verdorben werden und umschlagen können, sagt nur, daß das Dasein je schon immer gestimmt ist. Die oft anhaltende, ebenmäßige und fahle Ungestimmtheit, die nicht mit Verstimmung verwechselt werden darf, ist so wenig nichts, daß gerade in ihr das Dasein ihm selbst überdrüssig wird. Das Sein ist als Last offenbar geworden. Warum, weiß man nicht. Und das Dasein kann dergleichen nicht wissen, weil die Erschließungsmöglichkeiten des Erkennens viel zu kurz tragen gegenüber dem ursprünglichen Erschließen der Stimmungen, in denen das Dasein vor sein Sein als Da gebracht ist." (Heidegger, 1967, S. 134).
In der Emotionstheorie der Existenzanalyse spielt die Gestimmtheit des Menschen, die ihm seine Welt emotional erschließt, eine tragende Rolle (Längle, 2003, S. 188).

Literatur

Heidegger, M. (1967) Sein und Zeit. Tübingen.

Längle, A. Wagner, R. (2000) Die existentielle Wirklichkeit. Ein existenzanalytisches Verständnis fundamentalen Bezogenseins.  In: Fazekas, T. (Hrsg.) Die Wirklichkeit der Psychotherapie. Beiträge zum Wirklichkeitsbegriff. Klagenfurt. 

Längle, A. (2003) Zur Begrifflichkeit der Emotionslehre in der Existenzanalyse. In: Längle, A. (Hrsg.) Emotion und Existenz. Wien.

 

28. Juni 2016          oliver beihammer