SinnZENTRUM Salzburg, Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Philosophische Gesprächsrunde am 6.11.2014

Das Grundlagenwerk der philosophischen Antrophologie

Max Scheler: Was den Menschen zum Menschen macht

In seiner 1928 veröffentlichten Schrift ‘Die Stellung des Menschen im Kosmos’ hat Scheler unter Einbeziehung des damaligen Wissens der Einzelwissenschaften versucht, eine philosophische Anthropologie zu entwickeln. Die in diesem Werk enthaltenen Ideen haben auf den jungen Viktor Frankl großen Einfluss ausgeübt, da die zentralen Gedanken der Logotherapie und Existenzanalyse hier bereits klar formuliert sind. Es ist interessant zu sehen, dass sich Scheler (2010, S. 28) seinerseits wiederum in der Tradition antiker Philosophen sieht, indem er sich auf Julius Stenzels Schrift ‘Der Ursprung des Geistesbegriffes bei den Griechen’ bezieht. Dabei versucht er das Wesen des Menschen im Vergleich zu Pflanzen und Tieren abzugrenzen und das herauszuarbeiten, was er die “metaphysische Sonderstellung des Menschen” (Scheler, 2010, S. 7) nennt.

1) Der Stufenbau der Psyche

Um die Sonderstellung des Menschen verständlich zu machen, beschreibt Scheler zunächst eine aufeinander aufbauende Stufenabfolge der psychischen Kräfte. Die Grenzen der Psyche fällt mit der Grenze des Lebendigen zusammen (Scheler, 2010, S. 8), woraus folgt, dass in der anorganischen Welt psychische Phänomene nicht vorkommen. Über das Verhältnis von Körper und Psyche führt Henkmann (2005, S. 154) aus, dass beides bei Scheler als psychosomatische Einheit oder als zwei einander entsprechende Seiten des Lebendigen zu betrachten ist. Nach Scheler (2010, S. 9 – 26) ist die erste Stufe des Psychischen der ‘Gefühlsdrang’, auf dem als weitere Stufen der ‘Instinkt’, das ‘assoziative Gedächtnis’ und schließlich die ‘organisch gebundene praktische Intelligenz’ aufbauen. Die erste Stufe (Gefühlsdrang) drückt sich bereits im pflanzlichem Leben aus, während die weiteren Stufen in unterschiedlich ausgeprägtem Ausmaß bei Tieren vorkommen. Für die psychischen Kräfte ist charakteristisch, dass sie der Triebbefriedigung dienen. Zu Scheler’s Zeit bestand unter den Wissenschaftlern keine Einigkeit darüber, ob höher entwickelte Tiere (insbesondere die Menschenaffen) über die vier geschilderten Stufen des Psychischen in vollem Ausmaß verfügen.

2) Der Mensch als geistiges Wesen

Die Quintessenz von Scheler’s Anthropologie ist die Idee, dass die Sonderstellung des Menschen durch ein zu den psychischen Kräften hinzukommendes, diesen aber entgegengesetztes Prinzip gegeben ist. Dieses Prinzip, das bereits von den alten Griechen behauptet und mit dem Wort ‘Vernunft’ bezeichnet wurde, nennt Scheler (2010, S. 28) den ‘Geist’, der im Menschen die ‘Person’ konstituiert: “Das Aktzentrum aber, in dem der Geist innerhalb endlicher Seinssphären erscheint, bezeichnen wir als ‘Person‘, …” Die wesentliche, umfassende Fähigkeit, die dem Menschen durch das Wirken des Geistes gegeben ist und die ihn von allen anderen Lebewesen unterscheidet, ist sein Objektivierungsvermögen. Das bedeutet, dass er seine Umwelt und seine eigene physische und psychische Existenz vergegenständlichen kann. Die Fähigkeit, sich die äußere Realität zum Gegenstand zu machen, nennt Scheler ‘Weltoffenheit’. Das Vermögen eines geistigen Wesens, sich von eigenen Bewusstseinszustände zu distanzieren, wird auch als ‘Selbstobjektivierung’ bezeichnet (Gritschneder, 2005, S. 112 – 114).

Die Weltoffenheit

Nach Scheler (2010, S. 28 – 34)  ist das Verhalten des Menschen nicht mehr ausschließlich durch seine Triebe bestimmt, sondern er ist als geistiges Wesen ‘weltoffen’. Während das Tier nur das wahrnimmt, was für seine Instinkte und Triebe interessant ist, kann sich ein geistiges Wesen unabhängig von seiner psychophysischen Befindlichkeit den Dingen der Welt zuwenden. ‘Welt zu haben’ im Sinne Schelers bedeutet, die Dinge in ihrem So-Sein wahrzunehmen, z. B. die Form eines Baumes und seine Eigenheiten zu bewundern, verschiedene Arten zu unterscheiden oder nach seiner Entstehungsweise zu fragen. Der Mensch hat jedoch nicht nur Welt, sondern auch ‘Weltraum': Die Vorstellung eines abstrakten Raumes, in dem sich die Dinge zueinander in Beziehung setzen. Die weitreichenden Folgen dieser Fähigkeit verdeutlicht Scheler im ‘Gartenbeispiel': Ein Hund in einem Garten nimmt die dortigen Bäume, Sträucher und Pflanzen nur als Dinge in abgegrenzten Räumen der Umwelt wahr, die sich mit seinen Bewegungen ständig verändern. Er kann sich jedoch kein Bild von der Gesamtheit des Gartens machen. Der Mensch ist jedoch dazu fähig, sich in seiner Vorstellung ein ‘Bild’ davon zu erschaffen, wie der Garten als Ganzes aussieht (sozusagen aus der Vogelperspektive) und sein eigenes körperliches Sein als Teil des Gesamten zu ‘sehen’. Diese Fähigkeit ist nach Scheler die Voraussetzung für alle Wissenschaft.

Die Selbstobjektivierung

Die Fähigkeit eines geistigen Wesen, seine eigenen Bewusstseinszustände aus einer gewissen Distanz zu betrachten, beschreibt Scheler (2010, S. 30) folgendermaßen: “Kraft seines Geistes vermag das Wesen, das wir ‘Mensch’ nennen, nicht nur die Umwelt in die Dimension des Weltseins zu erweitern und Widerstände gegenständlich zu machen, sondern es vermag auch – und das ist das Merkwürdigste – seine eigene physiologische und psychische Beschaffenheit und jedes einzelne psychische Erlebnis, jede einzelne seiner vitalen Funktionen selbst wieder gegenständlich zu machen.” Nach Gritschneder (2005, S. 114 – 115) ist das Vermögen zur Selbstobjektivierung der grundlegende anthropologische Gedanke den Frankl für die Logotherapie von Scheler übernommen hat. Der Mensch kann sich von seinen psychischen Zuständen distanzieren und ihnen auf frei gewählte Art und Weise entgegentreten.

Die Aktualitätsthese des Geistes

Scheler (2010, S. 35) schreibt, dass der Geist selbst das einzige Sein ist, dass sich der Mensch nicht zum Gegenstand machen kann. Dem geistigen Sein (und damit auch der Person) liegt keine wie immer geartete Substanz zugrunde, sondern es existiert nur im Vollzug geistiger Akte. Die Person ist immer der letzte Bezugspunkt, von dem aus die Realität erfahren wird. Trotzdem ist der Mensch nach Scheler (2010, S. 35) auch in der Lage, sich der Person bewusst zu werden: “Zum Sein unserer Person können wir uns nur sammeln, zu ihm hin uns konzentrieren – nicht aber es objektivieren.” Nach Henckmann (2005, S. 156) hat Frankl die Aktualitätsthese des Geistes von Scheler übernommen, in weiterer Folge jedoch dessen Idee, dass es eine Selbstreflexivität geistiger Akte gebe, abgelehnt. Frankl sah darin eine unzulässige Objektivierung des Geistes und betonte  vor allem sein Ausgerichtetsein auf die Welt (Intentionalität).

3) Die Grenzen der philosophischen Anthropologie Schelers

Das sowohl von Scheler, als auch von Frankl gedachte Konzept des Menschen als einer ‘unitas multiplex’ (die Einheit des Menschen aus Körper, Psyche und Geist) wirft auch offene Fragen auf. Henckmann (2005, S. 153 – 154) erläutert, dass beide Autoren die ‘Ganzheit’ des Menschen als funktionale Einheit verstanden (was auch unserer Alltagserfahrung entspricht). Es ist jedoch schwierig zu erklären, wie Körper, Psyche und Geist, die als verschiedene, nicht aufeinander reduzierbare Wesensmomente gesehen werden und somit verschiedenen ontologischen Kategorien angehören, im Menschen auf sinnvolle Weise zu einer Einheit zusammenwirken können. Da Scheler den Geist als ein der Psyche entgegengesetztes Prinzip beschrieben hat, ist bei ihm ein ausgeprägter Dualismus zu erkennen, der die funktionale Einheit des Menschen auf eine harte Probe stellt.

Literatur

Henckmann, Wolfhart. (2005) „Geistige Person“ bei Viktor E. Frankl und Max Scheler. In: viktor frankl und die philosophie. Hrsg.: dominik batthyány, otto zsok. Wien und New York.

Gritschneder, Moritz. (2005) Der Einfluss der Philosophie Max Schelers auf die Logotherapie Viktor E. Frankls. In: viktor frankl und die philosophie. Hrsg.: dominik batthyány, otto zsok. Wien und New York.

Scheler, Max. (2010) Die Stellung des Menschen im Kosmos. Bonn.

 

 4. November 2014          oliver beihammer