SinnZENTRUM Salzburg, Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Philosophische Gesprächsrunde am 6.10.2016

Parmenides: Die Deutung der Fragmente 2 und 3

Parmenides, der an der Wende vom 6. zum 5. Jahrhundert v. Chr. in Elea (Süditalien) lebte, ist der Verfasser eines Lehrgedichts, das dank einer Abschrift des Aristoteles-Kommentators Simplicios in zusammenhängenden Teilen erhalten ist. Von allen frühgriechischen Schriften hat dieses Werk auf die nachfolgende Philosophie den größten Einfluss ausgeübt. Es ist in epischen Hexametern, der Ausdrucksform Homers und Hesiods, abgefasst, wobei insgesamt etwa 150 Verse erhalten sind.
Es ist interessant zu sehen, wie der griechische Text auf unterschiedliche Weise interpretiert werden kann. Dies wird an den unterschiedlichen Deutungen von Uvo Hölscher, Wolfgang Röd und Hans-Georg Gadamer deutlich.

1. Das Proömium (Fragment 1)

Das Lehrgedicht beginnt mit dem Proömium, in dem dargestellt wird, wie der Dichter - auf einem Wagen fahrend - mit Hilfe der Töchter der Sonne den Weg zu einer Göttin findet, die ihn freundlich empfängt. Im Anschluss kündigt die Göttin dem Philosophen eine zwei Teile umfassende Offenbarung an: einen Teil über die unwiderlegbare Wahrheit und einen zweiten Teil über das, was die Sterblichen für wahr halten - was aber nicht unbedingt die Wahrheit widerspiegeln müsse. Damit endet das 1. Fragment.

2. Die beiden denkbaren Wege des Suchens (Fragment 2)

Der Wahrheitsteil beginnt mit dem 2. Fragment mit der Darlegung der zwei Wege des Forschens, die allein denkbar sind.

 "So komm denn, ich will dir sagen - und du nimm die Rede
   auf, die du hörst -
   welche Wege des Suchens allein zu denken sind.
   Der eine: daß (etwas) ist, und daß nicht zu sein unmöglich
   ist,
   ist der Weg der Überzeugung, denn die geht mit der Wahr-
   heit.
5 Der andre: daß (etwas) nicht ist, und daß nicht zu sein
   richtig ist,
   der, zeige ich dir, ist ein Pfad, von dem keinerlei Kunde
   kommt.
   Denn was eben nicht ist, kannst du wohl weder wahrnehmen
   - denn das ist unvollziehbar -
   noch aufzeigen." (Fr. 2, 1-8, Hölscher, 1986, S. 15-17).

In den überlieferten griechischen Texten zum 2. Fragment wird das "ist" und das "ist nicht" (im Text "nicht ist") der Verse 3 und 5 ohne Subjekt genannt.
Hölscher ergänzt in seiner Übersetzung diese Wendungen behelfsmäßig zu "(etwas) ist" und "(etwas) ist nicht". Er geht davon aus, dass es sich hier um die beiden Möglichkeiten einer Disjunktion handelt. Die Bedeutung des "(etwas) ist" soll in diesem Fall weder auf die Existenz noch auf die Kopula reduziert werden, sondern auf das Wahr-sein von etwas verweisen (Hölscher, 1986, S. 79). Auch Rapp (2007, S. 104-105) dokumentiert die veritative Verwendung als eine Grundbedeutung des griechischen Wortes estin im Sinne von "Es ist wahr, dass ...".
Röd (2009, S. 120) gibt den 3. Vers des 2. Fragments vom einen Weg des Suchens in der Bedeutung wieder, dass zum einen (Sein) ist und dass im Gegensatz dazu Nichtsein nicht ist. Diese Deutung verbindet er mit der Annahme, dass Parmenides daran gelegen war, die Existenzbehauptung des Seienden bzw. die Nicht-Existenz des Nicht-Seienden zum Ausdruck zu bringen.
Die Ergänzung von Gadamer (1996, S. 152-154) von "ist" zu "es ist" im Sinne von "es gibt" betont ähnlich wie bei Röd die Bedeutung der Existenz. Er geht davon aus, dass das "ist" bei Parmenides nicht nur die Existenz, sondern auch die für das klassische Griechisch gebräuchliche Bedeutung der Möglichkeit der Existenz von etwas anzeigt.

3. Der Satz des Parmenides (Fragment 3)

Dieser bekannte Satz darf nach Hölscher (1986, S. 81) als das Grundaxiom in der Philosophie des Parmenides bezeichnet werden. Erstaunlicherweise äußert im Gegensatz dazu Gadamer (1996, S. 154) die Überzeugung, dass das 3. Fragment gar nicht von Parmenides, sondern eigentlich von Platon stamme. Der griechische Text lautet:

τὸ γὰρ αὐτὸ νοεῖν ἐστίν τε καὶ εἶναι
to gar auto noein estin te kai einai

Die Interpretation dieses Satzes hängt zunächst von der Bedeutung ab, die dem griechischen Wort noein gegeben wird.
Hölscher gibt dieses Verb mit den Wörtern "denken" und "erkennen" wieder, deren Bedeutung über die rezeptive Wahrnehmung hinausgeht. "Der Nous ist aber ein erkennendes Denken, das heißt für Parmenides: ein Denken von Seiendem." (Hölscher, 1986, S. 82).
In Röds (2009, S. 127) Kommentar wird noein ebenfalls mit der Bedeutung von "denken" und "erkennen" übersetzt.
Gadamer übersetzt noein zunächst in traditioneller Weise ebenso mit "denken", betont aber anschließend seine Bedeutung als Wahrnehmung im weitesten Sinn. "Ich wiederhole: »Noein« meint das Spüren, daß da etwas ist, ähnlich der Witterung des Wildes, auf die wir vielleicht auch durch die Etymologie des Wortes geführt werden." (Gadamer, 1996, S. 151). Sinngemäß lässt sich festhalten, dass bei Gadamer dem Noein (er verwendet das Wort häufig im Substantiv!) die Bedeutung von "spüren" bzw. sogar "wittern" zukommt.

In weiterer Folge hängt die Interpretation des 3. Fragments von der Stellung des griechischen Ausdrucks to auto im Satz ab. Diese Wendung wird ins Deutsche mit "dasselbe" übersetzt und kann im Satz entweder als Subjekt oder als Prädikat verwendet werden.
Von Hölscher wird das to auto als Subjekt gebraucht und rückt deshalb an die erste Stelle des Satzes, als etwas, von dem in zweifacher Weise etwas ausgesagt wird. Seine Übersetzungen des 3. Fragments lauten demnach folgendermaßen:

"Denn dasselbe kann gedacht werden und sein." (Hölscher, 1986, S. 17).
"Denn dasselbe kann erkannt werden und kann sein." (Hölscher, 1986, S. 81).

Diese Sätze werden nun so interpretiert, dass nur Seiendes gedacht bzw. erkannt werden kann. In Hölschers (1986, S. 81) Deutung wird das Sein zur Grundbedingung für das erkennende Denken (so auch bei Rapp, 2007, S. 111).
Auch in Röds Übersetzung des 3. Fragments nimmt das to auto die Stellung des Subjekts ein. Der Satz lautet bei ihm wie folgt:

"Dasselbe ist es, das gedacht werden und sein kann." (Röd, 2009, S. 127).

Der Satz wird von Röd ebenfalls in der Weise verstanden, dass der Grund für das Denken die existierenden Seinsformen sind.
Im Gegensatz zu den beiden vorhergehenden Interpretationen behauptet Gadamer (1996, S. 154), dass bei Parmenides to auto immer als Prädikat aufgefasst wird und somit dasjenige ist, das von einem Subjekt ausgesagt wird. Gadamers Deutung dieses Satzes läuft nun darauf hinaus, dass Parmenides die These von der Untrennbarkeit von Noein und Sein vertrat:

"Diese beiden sind dasselbe, oder besser gesagt: Die beiden sind durch eine unauflösliche Einheit miteinander verbunden." (Gadamer, 1996, S. 154).

Das bedeutet, dass das Sein der Dinge dann zum Vorschein kommt, wenn das Spüren als weiteste Form der Wahrnehmung im Noein gegeben ist (Gadamer, 1996, S. 151). Während bei Hölscher und Röd mit dem Verb noein das erkennende Denken gemeint ist, betont Gadamer mit seiner Übersetzung eine viel elementarere Form der Wahrnehmung, die noch nicht mit dem erkennenden Denken gleichzusetzen ist. 

Literatur

Gadamer, H.-G. (1996) Der Anfang der Philosophie. Stuttgart.

Hölscher, U. (1986) Parmenides. Vom Wesen des Seienden. Frankfurt am Main.

Rapp, Ch. (2007) Vorsokratiker. München.

Röd, W. (2009) Die Philosophie der Antike 1. Von Thales bis Demokrit. München.

 

5. November 2016          oliver beihammer