SinnZENTRUM Salzburg, Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Philosophische Gesprächsrunde am 3.3.2016

Vom Wert der Selbsterkenntnis

In einem Fragment (B 116) des griechische Philosophen Heraklit heißt es: "Allen Menschen ist es gegeben sich selbst zu erkennen und klug zu sein." Der Schweizer Philosoph und Literat Peter Bieri setzte sich in seinem Buch Wie wollen wir leben? (eine Niederschrift von drei im Jahr 2011 gehaltenen Vorlesungen) fast 2500 Jahre nach Heraklit erneut mit dem Thema der Selbsterkenntnis auseinander. In seinen Ausführungen sind Selbsterkenntnis und unser Bedürfnis, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, eng miteinander verbunden. Nach Bieri hängt ein selbstbestimmtes Leben sehr davon ab, inwieweit wir unser Denken, Fühlen und Wollen selber verstehen. Er nennt eine Reihe von Gründen für den Wert der Selbsterkenntnis, die zeigen, dass Selbsterkenntnis ein wertvolles Gut ist, das wir im Laufe unseres Lebens auch entwickeln können. Seine Gedanken dazu sollen in den folgenden sechs Punkten kurz zusammengefasst werden (Bieri, 2015, S. 55-60).

Es ist eine häufige Erfahrung, dass sich manche Lebensbereiche ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr stimmig in das Gesamte unseres Lebens einfügen wollen. Unsere Gefühle sagen uns, dass sie mit der Art und Weise, wie wir uns unser Leben wünschen und vorstellen, nicht mehr zusammenpassen. Warum fühle ich mich in dieser Arbeit, in dieser Beziehung, in dieser Freundschaft nicht mehr wohl? Das sind die Fragen, die sich uns dann stellen. Sich selbst zu erkennen heißt, den Gründen für derartige Veränderungen nachzugehen.
Als Menschen haben wir ein tief in uns verwurzeltes Bedürfnis nach Wahrhaftigkeit. Das bedeutet, dass es auf Dauer schwierig ist, sich selber etwas vorzumachen und sich mit Selbsttäuschungen zufrieden zu geben. Auch wenn dies manchmal länger andauernde Prozesse sind, kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem die Selbsttäuschung der Wahrheit weichen muss. Das hängt damit zusammen, dass wir durch permanente Selbsttäuschungen gefährdet sind, unsere Selbstachtung zu verlieren. Wenn wir uns selber achten wollen, kommen wir nicht umhin, unangenehmen Wahrheiten ins Auge zu schauen, dazu zu stehen und möglicherweise auch die Konsequenzen daraus zu ziehen.
Selbstbestimmung bedeutet für Bieri, dass es eine Übereinstimmung gibt zwischen dem, wie ich bin, und der Art und Weise, wie ich sein möchte (meinem Selbstbild). Wenn das gelebte Leben und unser Selbstbild zu weit auseinanderklaffen, erleben wir das auf Dauer als eine belastende innere Zerrissenheit. Hier kommt es darauf an hinzuschauen und dem nachzuspüren, was die Gründe für diesen Zwiespalt sind. Z. B. kann ich der Überzeugung sein, dass mir materielle Werte nicht wichtig sind. Warum schaue ich dann trotzdem andauernd auf das, was sich mein Nachbar leisten kann? Dies zu ergründen hat mit Selbsterkenntnis zu tun.
Viele Menschen leiden unter belastenden Erinnerungen, seien es Kränkungen, erlittenes Unrecht oder Schuld, die sie auf sich geladen haben. Wenn es nicht gelingt, diese Dinge zu verarbeiten, d. h., ihnen im Laufe der Zeit ihre drückende Schwere zu nehmen, behindern sie uns nicht nur in der Gegenwart, sondern beeinträchtigen auch den befreiten Blick in die Zukunft. Auch gibt es unbewusst hervorgerufene Verhaltensweisen, die uns einengen und eine lähmende Wirkung entfalten. Ist diese Angst, die ich immer wieder verspüre, die Angst zu versagen oder vielleicht die Angst, nicht mehr geliebt zu werden? Eine Antwort auf solche Fragen zu finden ist ein Beginn, unser Leben zu verändern.
Wenn es um die Beziehung zu unseren Mitmenschen geht, sieht Bieri einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Kenntnis unserer selbst und der Fähigkeit zu moralischem Handeln. Damit ist die Fähigkeit gemeint, die Bedürfnisse anderer zu sehen und diese für einen Grund zu halten, unser Tun und Lassen danach auszurichten. Menschen, die z. B. für ihren Hass oder Neid blind sind, stehen in der Gefahr, den moralischen Respekt gegenüber anderen zu verlieren. Selbsterkenntnis in diesem Zusammenhang bedeutet, sich über die Ursachen solcher Gefühle Klarheit zu verschaffen. Dies ist ein wichtiger Schritt, um der Rüchsichtslosigkeit und Ignoranz gegenüber anderen Menschen vorzubeugen.
Menschen, die sich selber kennen, haben auch bessere Chancen, ihre Mitmenschen so wahrzunehmen, wie diese tatsächlich sind. Die Voraussetzung dazu ist, die eigenen auf andere Menschen übertragenen Wunschvorstellungen zu erkennen und diese als Projektionen zu entlarven.

Der Stellenwert der Selbsterfahrung in der Logotherapie und Existenzanalyse

Nach Bieris Gedanken zum Wert der Selbsterkenntnis möchte ich noch auf das in der Logotherapie und Existenzanalyse relevante Thema der Selbsterfahrung eingehen, da dieses eine große Nähe zur Selbsterkenntnis aufweist. Das hat damit zu tun, dass eine bewusste Selbsterfahrung in der Regel auch mit einem Zuwachs an Wissen über uns selbst einhergeht.
Noch zu Lebzeiten Viktor Frankls hat das Thema der Selbsterfahrung zu einer Spaltung in der Entwicklung der Logotherapie und Existenzanalyse geführt. Diese Vorgänge wurden von Alfried Längle in seinem Aufsatz Kritik, Bedeutung und Stellenwert der Selbsterfahrung in Logotherapie und Existenzanalyse auch mit dem entsprechenden theoretischen Hintergrund detailliert dargestellt. Viktor Frankl hat sich deutlich gegen die Selbsterfahrung ausgesprochen, da sie für ihn in Widerspruch zu seinem Verständnis der Person und zum zentralen Prinzip der Selbsttranszendenz stand. Dieses besagt, dass sich menschliches Sein nur dort ganz erfüllt, wo es sich selbst vergisst, indem es im Dienst an einer Sache oder in der Liebe zu einer anderen Person ganz aufgeht (Frankl, 2011, S. 213-214).
Längle (1996, S. 11) hat in der Weiterentwicklung der Logotherapie und Existenzanalyse im Bereich der Selbsterfahrung einen anderen Weg beschritten. Durch die Erfahrungen in der Praxis schien ihm eine stärkere Hinwendung zur Selbsterfahrung in der Therapeutenausbildung notwendig. Dabei spielte auch die Entwicklung der Theorie der Existenzanalyse eine wichtige Rolle. Ohne die Kernpositionen Frankls aufzugeben, wurden in der Personalen Existenzanalyse unter anderem im Personverständnis andere Akzente gesetzt. Dadurch wurde eine stärkere Hinwendung zur Selbsterfahrung in der Therapeutenausbildung auch mit der Theorie der Existenzanalyse vereinbar.

Literatur

Bieri, P. (2015) Wie wollen wir leben? München.

Diels, H. (1903) Die Fragmente der Vorsokratiker. Berlin.

Frankl, V. E. (2011) Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. München.

Längle, A. (1996) Kritik, Bedeutung und Stellenwert der Selbsterfahrung in Logotherapie und Existenzanalyse. In: Psychotherapie Forum 4.

 

12. Juni 2016          oliver beihammer