SinnZENTRUM Salzburg, Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Philosophische Gesprächsrunde am 3.12.2015

Das Höhlengleichnis (514 St.2 A - 518 St.2 B)

Das Höhlengleichnis ist unter Platons Gleichnissen das bekannteste und behandelt erneut den Aufstieg der menschlichen Seele zu wahrer Erkenntnis. Die grundlegenden Unterscheidungen, die im Sonnen- und Liniengleichnis bereits getroffen wurden, werden auch hier wieder formuliert. Außerdem erläutert die literarische Figur des Sokrates dem Glaukon noch ausführlich die Frage, wie es dem Menschen ergeht, der vom Unwissen zum wahren Wissen über das Wesen der Dinge vordringt.

Das Gleichnis beginnt mit den Menschen, die, in einer Höhle sitzend, von Jugend an in solcher Weise gefesselt sind, dass sie ausschließlich auf die vor ihnen befindliche, hintere Höhlenwand zu schauen vermögen. In Richtung des Einganges der Höhle brennt ein Feuer, welches die finstere Behausung erhellt. Zwischen den Gefesselten und dem Feuer befindet sich eine niedrige Mauer, hinter der Menschen Statuen, Bildwerke und andere Gerätschaften entlang tragen. Das Licht des Feuers wirft die Schatten dieser Dinge auf die hintere Höhlenwand. Die Gefesselten können daher auf dieser die sich bewegenden Schatten wahrnehmen und ordnen die manchmal hörbaren Stimmen der Menschen (da diese für die Gefesselten nicht zu sehen sind) den Schatten zu.
Auf der bildhaften Ebene gibt es noch eine Welt außerhalb der Höhle. Diese wird als jene Wirklichkeit beschrieben, die wir als Menschen normalerweise mit den Augen wahrnehmen. Es existiert dort die Fülle der sichtbaren Dinge, zu denen in der Nacht der Mond und die Sterne am Firmament und am Tag die Sonne mit dem von ihr ausgehenden Licht gehören. Die Gegenstände in der Welt werfen durch das Sonnenlicht wiederum ihre Schatten, während sich Sonne, Mond und Sterne ihrerseits in glatten Flächen und Gewässern spiegeln.
Platon deutet nun dieses Gleichnis, indem er die unterirdische Höhle mit der für unsere Augen sichtbaren Wirklichkeit gleichsetzt. Die Welt außerhalb der Höhle steht für jenen Bereich des nur Denkbaren, der der menschlichen Seele durch die Vernunft zugänglich ist. "Die mittels des Gesichts sich uns offenbarende Welt vergleiche einerseits mit der Wohnung im unterirdischen Gefängnisse, und das Licht des Feuers in ihr mit dem Vermögen der Sonne, das Hinaufsteigen und Beschauen der Gegenstände über der Erde andererseits stelle dir als den Aufschwung der Seele [C] in das Gebiet des nur durch die Vernunft Erkennbaren vor, und du wirst dann meine Meinung hierüber haben, dieweil du sie doch einmal zu hören verlangst, ein Gott mag aber wissen, ob sie richtig ist!" (517 St.2 B und C)
Ähnlich wie im Sonnengleichnis steht auch im Höhlengleichnis die Sonne in der Welt außerhalb der Höhle für das Wesen des eigentlichen Guten. Das höchste Gute kann die menschliche Seele nach Platon am schwierigsten und nur zuletzt erfassen. Der Mensch, dem dies gelingt, wird jedoch zur Erkenntnis gelangen, dass alle Dinge einschließlich der Sonne und ihrem Licht im Wesen des höchsten Guten ihren Ursprung haben. Ferner ist das höchste Gute auch die Ursache für die Wahrheit und die Erkenntnis von allem Richtigen und Schönen.

Platon vertritt die Auffassung, dass der Mensch, in der Welt der Schatten und Täuschungen befangen, erst nach einer schmerzvollen Phase der Gewöhnung die wahre Erkenntnis vom Wesen der Dinge zu schätzen weiß. Wenn einer der Gefesselten befreit und gezwungen würde, hinter ihm die wirklichen Gegenstände und in das Feuer zu sehen, wäre dieser Vorgang wegen der ungewohnten Helligkeit mit Schmerzen in den Augen verbunden. Und noch dem irrigen Glauben verhaftet, dass die Welt der Schatten wirklicher sei, wäre er geneigt, sich wieder diesen zuzuwenden. Würde einer der Höhlenbewohner in einem weiteren Schritt gewaltsam von der Höhle ins Freie gebracht, wären seine Augen vom Licht der Sonne wahrscheinlich so sehr geblendet, dass er zunächst nur die Schatten und Spiegelungen und erst dann langsam die tatsächlichen Gegenstände erkennen könnte. Schließlich wäre er fähig, die Sterne und den Mond in der Nacht und erst ganz zuletzt die Sonne selbst wahrzunehmen. Der Mensch, dem dann die Erkenntnis zuteil wird, dass die Sonne (das höchste Gute) der Ursprung der gesamten existierenden Welt ist, würde jedoch nach Platon lieber alles Ungemach der Welt über sich ergehen lassen, als wieder sein einstiges Leben im Reich der Schatten zu führen.
Es ist allerdings auch das Schicksal des zu wahrer Erkenntnis gelangten Menschen, dass er sich nach einer Rückkehr in die Höhle dort nur mehr schwer zurechtfindet. Seine Augen sind an das Licht gewöhnt und daher erscheint er in der Dunkelheit den anderen Höhlenbewohnern unbeholfen und setzt sich deren Spott aus. Und wenn er den Versuch machen würde, sie aus der Höhle hinaus zu führen, würde er sich der Gefahr aussetzen, von ihnen ermordet zu werden. So verliert dieser Mensch jegliche Lust, sich mit dem Alltag in der Höhle zu beschäftigen, da dort nicht über das wahre Wesen der Dinge, sondern nur über deren Schatten verhandelt wird (z. B. nicht über die wahre Gerechtigkeit, sondern nur über die Schatten von Gerechtigkeit).
Was auf der bildhaften Ebene im Höhlengleichnis als Blendung der Augen beschrieben wird, tut sich auf der Ebene der Seele als Verwirrung, Irritation und daraus folgender Ungeschicklichkeit kund. Wie das Gleichnis zeigt, treten diese Zustände dann auf, wenn die menschliche Seele zu höherer Erkenntnis über das Wesen der Dinge vordringt oder umgekehrt von dieser Stufe wieder in ein unwissendes Umfeld zurückkehrt. Nach Platon sind diejenigen Menschen glücklich zu schätzen, die Verwirrung erfahren, weil sie zu wahrer Erkenntnis gelangen. Jene aber, denen dieser Seelenzustand widerfährt, weil sie sich trotz ihres Wissens wieder in eine ungebildete Umgebung begeben, sind zu bedauern.

Literatur

Platon, (1855) Politeia (Der Staat). Nach der Übersetzung der Bücher I–V von Wilhelm Siegmund Teuffel und der Bücher VI–X von Wilhelm Wiegand. In: Platons Werke. Zehn Bücher vom Staate. Stuttgart.
http://www.opera-platonis.de/Politeia.html

 

13. Jänner 2016          oliver beihammer