Das Liniengleichnis (508 St.2 D - 511 St.2 E)

Im Anschluss an das Sonnengleichnis trägt Platon am Ende des sechsten Buches der Politeia das Liniengleichnis vor. Die literarische Figur des Sokrates erläutert hier vier unterschiedliche Arten der Erkenntnis, die sich in Bezug auf ihren Wahrheitsanspruch voneinander unterscheiden.

Zunächst trifft Platon in Anlehnung an das Sonnengleichnis eine Unterscheidung, indem er mögliche Erkenntnis in den Bereich des Sichtbaren (mit dem Auge erkennbar) und in den Bereich des durch die Vernunft Erkennbaren (nur dem Denken zugänglich) unterteilt. Der Sokrates Platons fordert seinen Gesprächspartner Glaukon auf, sich die Teilung einer Linie in zwei ungleiche Abschnitte vorzustellen und ordnet beide Arten der Erkenntnis jeweils einem Abschnitt zu. Nun wird abermals eine Teilung der beiden Abschnitte nach demselben ungleichen Verhältnis vorgenommen, wodurch wieder jeweils zwei Unterabschnitte entstehen, die eine weitere Unterscheidung in den beiden Bereiche ermöglichen.
Dem einen Unterabschnitt im Bereich des Sichtbaren werden nun jene Erscheinungen zugeordnet, die den geringsten Wahrheitsanspruch haben. Es sind dies einerseits Schatten und andererseits Spiegelungen und Reflexionen, wie sie auf dem Wasser oder an Körpern mit glatter Oberfläche entstehen. Die Wahrnehmung dieser Art von Phänomenen wird als "Wahrerscheinen" (eikasia) bezeichnet.
Der nächste Unterabschnitt umfasst das Erkennen der Dinge der sichtbaren Welt. Als Beispiele werden hierfür die Natur (die Tier- und Pflanzenwelt) und die Erzeugnisse der menschlichen Kunstfertigkeit genannt. Die dem Auge  wahrnehmbaren Dinge sind bei Platon Abbilder der Ideen, und die Erkenntnis dieser Dinge hat daher einen höheren Wahrheitsanspruch als der Bereich der bloßen Schatten und Spiegelungen. Diese auf die Welt gerichtete Erkenntnis wird als "Glauben" (pistis) bezeichnet.
Nun wendet sich Sokrates jenen Möglichkeiten der Erkenntnis zu, die nur dem Denken zugänglich sind. Der eine Unterabschnitt umfasst die Bereiche der Geometrie und Arithmetik. Auf diesen Gebieten werden ausgehend von unerwiesenen Voraussetzungen weitere Untersuchungen vorgenommen. Als Beispiele solcher Voraussetzungen werden der Begriff einer Geraden, die Festlegung geometrischer Figuren oder die drei Arten von Winkeln angeführt. Auch wenn in der Geometrie zur Veranschaulichung gezeichnete Abbilder von geometrischen Figuren ihre Anwendung finden, geht es letztlich nicht um diese, sondern um die Anwendung der damit in Verbindung stehenden abstrakten Prinzipien. Diese Art der Erkenntnis wird durch die  "Verstandestätigkeit" (dianoia) ermöglicht.
Schließlich erläutert Sokrates die Erkenntnis durch "Vernunfttätigkeit" (noesis), die in Platons Philosophie den höchsten Wahrheitsanspruch einnimmt. Das dafür angewandte Verfahren wird als Dialektik bezeichnet. Durch diese Methode kann die Seele das eigentlich Seiende (die Ideen) erfassen und schließlich auch zum Ursprung alles Seienden gelangen. Das höchste Gute ist die Ursprung alles Seienden und beruht seinerseits auf keiner Voraussetzung mehr. Wenn die Seele durch die Vernunft diesen Ursprung erfasst hat, lassen sich alle untergeordneten Begriffe des Richtigen, Schönen und Guten daraus ableiten.
Schließlich ordnet Platon die vier Arten der Erkenntnis nach ihrem jeweiligen Wahrheitsgehalt: "Das hast du durchaus richtig aufgefaßt, sprach ich. Und so laß denn jenen vier Abschnitten auch vier Seelenzustände entsprechen, Vernunfttätigkeit dem obersten, Verstandestätigkeit dem zweiten, dem dritten aber weise den Glauben und dem vierten das Wahrerscheinen zu, und ordne sie nach dem Verhältnis, daß du ihnen denjenigen Grad von Deutlichkeit beimißt, welcher dem Anteil entspricht, den sie an der Wahrheit haben." (511 St.2 E)

Im siebten Buch der Politeia werden die im Liniengleichnis in zwei Gruppen gefassten Weisen der Erkenntnis noch einmal in ihrem Verhältnis zueinander dargestellt: "Es genügt also, fuhr ich fort, den ersten Abschnitt des Erkennens Wissenschaft zu nennen, den zweiten Verstandeseinsicht, [534 St.2 A] den dritten Glaube, den vierten Wahrerscheinen, und einerseits die beiden letzten zusammen Meinung, andererseits die ersten zusammen Vernunfteinsicht, dabei bezieht sich Meinung auf das wandelbare Werden, Vernunfteinsicht auf das unwandelbare Sein, so daß wie Sein zum Werden, so Vernunfteinsicht zu Meinung, und wie Wissenschaft zum Glauben, so Verstandeseinsicht zum Wahrerscheinen sich verhält." (533 St.2 E und 534 St.2 A)
Platon bezeichnet hier die Erkenntnis in der sichtbaren Welt mit den Bereichen Wahrerscheinen und Glauben zusammen als "Meinung" (doxa), die sich auf das wandelbare Werden und Vergehen bezieht. Im Bereich des unwandelbaren Seins werden die Vernunfttätigkeit (im Zitat "Wissenschaft") und die Verstandestätigkeit zusammen mit dem Überbegriff "Vernunfteinsicht" versehen.

Literatur

Böhme, G. (2000) Platons theoretische Philosophie. Stuttgart.

Platon, (1855) Politeia (Der Staat). Nach der Übersetzung der Bücher I–V von Wilhelm Siegmund Teuffel und der Bücher VI–X von Wilhelm Wiegand. In: Platons Werke. Zehn Bücher vom Staate. Stuttgart.
http://www.opera-platonis.de/Politeia.html

 

29. November 2015          oliver beihammer