SinnZENTRUM Salzburg, Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Philosophische Gesprächsrunde am 8.10.2015


- Oliver Beihammer, Fotografie -

Die Gleichnisse des Platon

Im sechsten Buch der Politeia (Der Staat) trägt die literarische Figur des "platonischen" Sokrates seinem Gesprächspartner Glaukon das Sonnengleichnis vor. Anschließend folgt das Liniengleichnis, mit dem das sechste Buch der Politeia endet. Das siebte Buch beginnt mit dem bekanntesten der drei Gleichnisse, dem Höhlengleichnis. Die drei Gleichnisse bauen aufeinander auf und geben einen umfassenden Einblick in das Gedankengut Platons.

Das Sonnengleichnis (507 St.2 A - 509 St.2 C)

Im Sonnengleichnis entwirft Platon eine Metaphysik, in der die "Wesenheit des eigentlichen Guten" (508 St.2 E) als Ursache für alles Seiende gedacht wird. Auch die Erkenntnis des Seienden ist wie seine Existenz letztlich im eigentlichen Guten begründet.

Bevor Platons Sokrates zur Veranschaulichung der Erkenntnisvorgänge auf der Seelenebene ein gleichnishaftes Bild entwirft, erklärt er das Verhältnis der sichtbaren Dinge zum Wesen der Dinge (den Ideen). Er unterscheidet zwischen der Vielheit einer Kategorie von Dingen, die sprachlich genauer beschrieben werden und einem Begriff, der diese Vielheit vereinheitlicht und als deren Wesen bezeichnet wird. Die Vielheit ist dem Auge sichtbar und nicht denkbar, während der einheitliche Begriff dem Auge nicht sichtbar, sondern nur denkbar ist. Um diese Gedanken zu veranschaulichen, kann man sich z. B. verschiedene Pferde mit ihren jeweiligen Eigenschaften (Rennpferd, Zugpferd …) vorstellen, die als solche in der Wirklichkeit vorkommen. Dem gegenüber steht der Begriff "Pferd", der allen Menschen, die wissen, was ein Pferd ist, eine abstrakte allgemeine Vorstellung dieses Vierbeiners gibt. Diese hat in der äußeren Wirklichkeit keine Entsprechung und ist daher nur denkbar.

In weiterer Folge entwickelt der platonische Sokrates im Dialog mit Glaukon das plastische Bild, dem das Gleichnis seinen Namen verdankt. Er führt zunächst aus, dass wir als Menschen die Fähigkeit, die umgebende Wirklichkeit wahrzunehmen, neben den anderen Sinnen vor allem dem Gesichtssinn (den Augen) und seinem Sehvermögen verdanken. Die visuelle Wahrnehmung wird jedoch nicht nur durch gesunde Augen alleine ermöglicht, sondern erst das von der Sonne ausgehende Licht lässt die Dinge in ihrer ganzen Schärfe erscheinen. Dort wo Finsternis herrscht, werden die Augen trotz gutem Sehvermögen nicht in der Lage sein, die Umwelt richtig wahrzunehmen. Die wichtigen "Eckpunkte" dieses Bildes sind somit die mit Sehvermögen ausgestatteten Augen, die wahrnehmbaren Dinge mit ihren jeweiligen Eigenschaften (Form, Farbe …) und die Sonne, die durch das von ihr ausgehende Licht die Wahrnehmung ermöglicht.
Im nächsten Schritt erläutert Platon, wie sich dieses Verhältnis auf die Seelenebene umlegen lässt. Obwohl er an dieser Stelle nicht näher ausführt, was mit der Seele eigentlich gemeint ist, ist sie offenbar das Instrument, das dem Menschen für wahre Erkenntnis zur Verfügung steht. Die Fähigkeit der Seele zu wahrer Erkenntnis, die in unterschiedlicher Stärke vorhanden sein kann, wird als die Vernunft bezeichnet. Im vorangegangenen Bild war von den mit Sehvermögen ausgestatteten Augen die Rede, die die Dinge der Welt wahrzunehmen vermögen. Sie stehen gleichnishaft für die mit dem Vermögen zur Vernunft ausgestatteten Seele, die das Wesen der Dinge zu erkennen vermag. Die Sonne im Bild ist auf der Ebene der Seele das, was Platon die Wesenheit des eigentlichen Guten oder das "höchste Gute" (509 St.2 A) nennt. So wie die Sonne die Ursache für das Licht ist, das die äußeren Dinge in ganzer Schärfe für das Auge sichtbar macht, so ist das höchste Gute die Ursache von wahrer Erkenntnis, die der Seele vom Wesen der Dinge zuteil wird. Oder anders formuliert: Der Mensch ist durch die Vernunft befähigt, das Wesen der Dinge im Licht der vom höchsten Guten ausgehenden Wahrheit zu erkennen. Richtet sich die Seele jedoch aus einem Mangel an Vernunft auf häufig sich verändernde, vorurteilsbehaftete Meinungen, kann sie nicht zum eigentlichen Wesen der Dinge vordringen.

Nach diesen Ausführungen kehrt Platon noch einmal zur Ursache allen Seins zurück. So wie die Sonne das Entstehen, Wachsen und Gedeihen der sichtbaren Dinge ermöglicht, geht nicht nur die Erkenntnis der durch die Vernunft erkennbaren Wirklichkeit, sondern alles Seiende aus dem höchsten Guten hervor. "Und so räume denn auch nun ein, daß den durch die Vernunft erkennbaren Dingen von dem Guten nicht nur das Erkanntwerden zuteil wird, [C] sondern daß ihnen dazu noch von jenem das Sein und die Wirklichkeit zukommt, ohne daß das höchste Gute Wirklichkeit ist, es ragt vielmehr über die Wirklichkeit an Würde und Kraft hinaus." (509 St.2 B,C) Indem Platon an dieser Stelle dem höchsten Guten die Wirklichkeit abspricht und es an Kraft und Würde darüber hinausragen lässt, liegt der Gedanke nahe, dass er hier das höchste Gute mit der Idee eines seinstranszendenten Absoluten gleichsetzt.

Literatur

Platon, (1855) Politeia (Der Staat). Nach der Übersetzung der Bücher I-V von Wilhelm Siegmund Teuffel und der Bücher VI-X von Wilhelm Wiegand. In: Platons Werke. Zehn Bücher vom Staate. Stuttgart.
http://www.opera-platonis.de/Politeia.html

 

24. Oktober 2015          oliver beihammer