Das Sonnengleichnis (507 St.2 A - 509 St.2 C)


- Oliver Beihammer, Fotografie -

Im sechsten Buch der Politeia (Der Staat) trägt Platons literarische Figur des Sokrates seinem Gesprächspartner Glaukon das Sonnengleichnis vor. Anschließend folgt das Liniengleichnis, mit dem das sechste Buch der Politeia endet. Das siebte Buch beginnt mit dem bekannten Höhlengleichnis. In den drei Gleichnissen finden sich wesentliche Ideen von Platons Gedankengut.

Im Sonnengleichnis entwirft Sokrates eine Metaphysik, in der die "Wesenheit des eigentlichen Guten" (508 St.2 E) als letzte Ursache für alles Seiende gedacht wird. Auch die Erkenntnis des Seienden ist wie seine Existenz letztlich im eigentlichen Guten begründet.
Bevor Sokrates zur Veranschaulichung der Erkenntnisvorgänge auf der Seelenebene ein gleichnishaftes Bild entwirft, erklärt er das Verhältnis der sichtbaren Dinge zum Wesen der Dinge, den Ideen. Er unterscheidet zwischen der Vielheit von Dingen einer Kategorie, die sprachlich genauer beschrieben werden und einem Begriff, der diese Vielheit vereinheitlicht und als deren Wesen bezeichnet wird. Die vielen Dingen, die unter eine Kategorie fallen, sind mit dem Auge wahrnehmbar, während der einheitliche Begriff dem Auge nicht sichtbar, sondern nur denkbar ist. Um diese Überlegungen zu veranschaulichen, können wir uns z. B. verschiedene Pferde mit ihren jeweiligen Eigenschaften (Rennpferd, Zugpferd, ...) vorstellen, die als solche in der Wirklichkeit vorkommen. Dem gegenüber steht der Begriff "Pferd", der allen Menschen, die wissen, was ein Pferd ist, eine abstrakte allgemeine Vorstellung dieses Vierbeiners gibt. Dieser hat in der äußeren Wirklichkeit keine Entsprechung und ist daher nur denkbar.

In weiterer Folge entwickelt Sokrates im Dialog mit Glaukon das anschauliche Bild, dem das Gleichnis seinen Namen verdankt. Er führt zunächst aus, dass wir als Menschen die Fähigkeit, die umgebende Wirklichkeit wahrzunehmen, neben den anderen Sinnen vor allem dem Gesichtssinn (den Augen) und seinem Sehvermögen verdanken. Die visuelle Wahrnehmung wird jedoch nicht nur durch gesunde Augen alleine ermöglicht, sondern erst das von der Sonne ausgehende Licht lässt die Dinge in ihrer ganzen Schärfe erscheinen. Dort wo Finsternis herrscht, werden die Augen trotz gutem Sehvermögen nicht in der Lage sein, die Umwelt richtig wahrzunehmen. Die wichtigen "Eckpunkte" dieses Bildes sind somit die mit Sehvermögen ausgestatteten Augen, die wahrnehmbaren Dinge mit ihren jeweiligen Eigenschaften (Form, Farbe, …) und die Sonne, die durch das von ihr ausgehende Licht die Wahrnehmung ermöglicht.
Im nächsten Schritt erläutert Sokrates, wie sich dieses Verhältnis auf die Seelenebene umlegen lässt. Obwohl er an dieser Stelle nicht näher ausführt, was mit der Seele eigentlich gemeint ist, ist sie offenbar das Instrument, das dem Menschen für die Erkenntnis der Ideen zur Verfügung steht. Die Fähigkeit der Seele zu wahrer Erkenntnis, die in unterschiedlicher Stärke vorhanden sein kann, wird als die Vernunft bezeichnet. Im vorangegangenen Bild war von den mit Sehvermögen ausgestatteten Augen die Rede, die die Dinge der Welt wahrzunehmen vermögen. Sie stehen gleichnishaft für die mit dem Vermögen zur Vernunft ausgestatteten Seele, die das Wesen der Dinge zu erkennen vermag. Die Sonne im Bild ist auf der Ebene der Seele das, was Platon die Wesenheit des eigentlichen Guten oder das "höchste Gute" (509 St.2 A) nennt. So wie die Sonne die Ursache für das Licht ist, das die äußeren Dinge in ganzer Schärfe für das Auge sichtbar macht, so ist das höchste Gute die Ursache des Gutseins, das den Ideen die Wahrheit und der Seele das Vermögen zu erkennen verleiht. "Im Bereich des Seienden wird durch das Gutsein, das von der Idee des Guten ausgeht, das Seiende zum Wahren, nämlich zu dem, was sich als das zeigt, was es ist. Und die Seele wird zur erkennenden, insofern sie als gute das Vermögen der Vernunft in sich ausbildet." (Böhme, 2000, S. 359) Richtet sich die Seele jedoch aus einem Mangel an Vernunft auf häufig sich verändernde, vorurteilsbehaftete Meinungen, ist es ihr verwehrt, zum eigentlichen Wesen der Dinge vordringen.

Nach diesen Ausführungen kehrt Sokrates noch einmal zur Ursache allen Seins zurück. So wie die Sonne das Entstehen, Wachsen und Gedeihen der sichtbaren Dinge ermöglicht, geht nicht nur die Erkenntnis der Wahrheit der Ideen durch die Vernunft, sondern alles Seiende aus dem höchsten Guten hervor. "Und so räume denn auch nun ein, daß den durch die Vernunft erkennbaren Dingen von dem Guten nicht nur das Erkanntwerden zuteil wird, [C] sondern daß ihnen dazu noch von jenem das Sein und die Wirklichkeit zukommt, ohne daß das höchste Gute Wirklichkeit ist, es ragt vielmehr über die Wirklichkeit an Würde und Kraft hinaus." (509 St.2 B,C) Indem Sokrates an dieser Stelle dem höchsten Guten die Wirklichkeit abspricht und es an Kraft und Würde darüber hinausragen lässt, liegt der Gedanke nahe, dass er hier das höchste Gute mit der Idee eines seinstranszendenten Absoluten gleichsetzt.

Literatur

Böhme, G. (2000) Platons theoretische Philosophie. Stuttgart.

Platon, (1855) Politeia (Der Staat). Nach der Übersetzung der Bücher I-V von Wilhelm Siegmund Teuffel und der Bücher VI-X von Wilhelm Wiegand. In: Platons Werke. Zehn Bücher vom Staate. Stuttgart.
http://www.opera-platonis.de/Politeia.html

 

24. Oktober 2015          oliver beihammer