Rund um Langeland - Sommer 2017

Vor Jahren las ich in einem Katalog des finnischen Malers Juhani Tuominen den Ausspruch "Sea makes men wise", der in diesem Text Homer zugeschrieben wurde. Es gelang mir nicht, andere Quellen zu finden, die bestätigen, dass dieser Satz tatsächlich von Homer stammt. Ich kann jedoch erahnen, welche Weisheit der antike Dichter meinte und möchte gerne glauben, dass er seinen Odysseus dies sagen lässt.


- Am Keldsnor im Süden Langelands -

Am 30. Juli traf ich in Dyreborg auf Fünen ein, an dem Ort, an dem ich voriges Jahr meine Kajakfahrt beendet hatte. Viele der kleinen Wochenendhütten, die sich auf dem schmalen Landstreifen zwischen dem Meer und dem seichten Binnengewässer des Noret aneinanderreihten, waren an diesem Wochenende bewohnt. Nach der langen Fahrt von Salzburg nach Dänemark empfand ich es als wohltuend, hier angekommen zu sein.

Am Vormittag des folgenden Tages fuhr ich nach Rudkøbing auf der Westseite Langelands. Obwohl der Wetterbericht für die kommende Woche nichts Gutes verhieß, wollte ich den Plan, Langeland mit dem Kajak zu umrunden, nicht ohne weiteres aufgeben. Wenn die Fahrt wegen allzu stürmischer Winde tatsächlich scheitern sollte, wollte ich dies wenigstens am eigenen Leib erfahren. Als ich über die beiden Brücken von Tåsinge nach Langeland fuhr, gab es jedoch noch keinen Grund zur Sorge. Die Sonne schien vom fast wolkenlosen Himmel und ein schwacher Wind aus Südwest trieb im Siø Sund nur ein einige harmlose Wellen vor sich her.
Am Yachthafen in Rudkøbing parkte ich unseren Dacia Logan und lud die Dinge, auf die ich während einer Woche Strandcamping nicht verzichten möchte, in meinen schon viel benutzten 17.7 Valley Etain. Als ich am früheren Nachmittag aus dem Hafen paddelte, war es an der Zeit zu entscheiden, ob ich die Insel im oder gegen den Uhrzeigersinn umrunden wollte. Der Südwestwind hatte inzwischen an Stärke zugenommen und die Versuchung, die Fahrt in Richtung Nordwesten mit Rückenwind zu beginnen, war groß. Andererseits hatte ich einen vagen Wetterbericht im Kopf, der für morgen den einzigen Tag mit wenig Wind in dieser Woche voraussagte. Das wäre ein idealer Tag gewesen, die exponierte Südspitze Langelands zu umrunden, was allerdings bedeutet hätte, dass ich es an diesem Tag gegen den Wind noch bis zum Lindsele Nor schaffen hätte müssen. Ein ziemlich anstrengender Beginn also! Nach einigem Zögern wählte ich schließlich den entspannteren Start, paddelte von Wind und Wellen geschoben unter der Brücke hindurch, dann an flachen Sandstrände entlang und legte nach etwa eineinhalb Stunden unter einem kleinen Felsen zu einer ersten Rast an. Als ich wieder ins Boot stieg und schließlich so weit vom Ufer entfernt war, dass ich meine Spritzdecke schließen konnte, riss mir eine größere Welle auf der rechten Seite das Paddel aus der Hand, welches ich allzu locker in der Hand hatte. Ich beugte mich in Richtung des geteilten Ersatzpaddels nach vorn, musste aber feststellen, dass es am Vorderdeck zwar gut verstaut, aber schwer in die Hand zu bekommen war. Ich ließ mich ins Wasser fallen und schwamm mit dem Boot die kurze Strecke zurück zum Strand, nachdem ich zuvor noch das in den Wellen auf und ab tanzende Paddel geborgen hatte. Danach verstaute ich das Ersatzpaddel auf dem Hinterdeck, da ich es von dort im Ernstfall viel leichter zu ergreifen war. Bald nach diesem Zwischenfall ging ich bei Dageløkke Fæbæk, einem gut besuchten Feriendorf an Land und stellte außer Sichtweite der Häuser das Zelt auf.


- Am Strand von Dageløkke Fæbæk -

Dienstag, 1. August. Am Morgen sonniges Wetter bei ruhiger See. Nach dem Start kam ich bei guten Bedingungen zügig voran. Als ich am frühen Nachmittag Lohals passierte, kam ein leichter Wind aus Nordwest auf und der Himmel begann sich langsam einzutrüben. Trotz der schlechter werdenden Sicht war im Norden die große Brücke über den Storebælt bereits deutlich zu sehen.
Etwas später ging ich etwa einen Kilometer vor der Nordspitze Langelands an Land. Vom Strand führten einige verwitterte Holzstufen mit der Aufschrift "Privat" auf ein höher gelegenes Grundstück. Am Rand der Wiese stand ein großer Laubbaum, an dessen waagrechtem Ast eine ergraute Holzschaukel hing. Trotz des Schildes wagte ich es, über die Stufen hinaufzusteigen und einen Blick auf das Haus zu werfen, dass am anderen Ende der Wiese stand. Es war ein altes Haus mit weiß gekalkten Ziegelmauern und einem roten, leicht bemoosten Plattendach. Alles wirkte still, unbewohnt und verlassen. Auf den Holzstufen sitzend, begann ich unwillkürlich darüber nachzudenken, welche Geschichte dieser Ort wohl zu erzählen hätte. Welche Leute hatten hier gelebt? Oder war dieses Haus an den Wochenenden vielleicht immer noch bewohnt? Wer war auf dieser Schaukel gesessen und hatte hier seine Kindertage verbracht? Eine Weile hing ich diesen Vorstellungsbildern und Gedanken nach, bevor ich wieder ins Boot stieg und langsam die Fahrt fortsetzte.
Als ich den nördlichsten Punkt Langelands umrundete, war der Wind wieder eingeschlafen und das silbergraue Meer fast unbewegt. Nun auf der Ostseite der Insel paddelte ich zunächst nach Südosten und bald direkt nach Süden. Die Frachtschiffe im Storebælt schienen in der Entfernung völlig unbewegt in der ruhigen See zu stehen und erst ein späterer Blick ließ erkennen, dass sie sich tatsächlich bewegten. Ich versuchte, die ruhigen Bedingungen für ein gutes Vorankommen zu nutzen, fühlte mich aber bereits nach zehn Kilometern so müde, dass mir schien, ich müsste das Boot durch ein Meer aus zähflüssigem Öl bewegen. Schließlich ging ich am früheren Abend etwas südlich von Snøde bei einem Bootsschuppen direkt über dem Strand an Land. Um den Schuppen herum hatte der Landwirt, dessen Haus einige hundert Meter entfernt stand, eine schöne Fläche ausgemäht. Dort wo die Wiese in die Vegetation am Ufer überging, fand ich einen guten Zeltplatz für die Nacht.


- Kurz vor der Nordspitze Langelands -

Am folgenden Morgen sonniges Wetter und leichter Wind aus Südost. Die Blätter der Windmühlen, die nahe am Ufer in kleinen Gruppen zusammen standen, bewegten sich nur träge. Bis Øtnebjerg in Sichtweite des Leuchtturms bereitete das Paddeln bei wenig Gegenwind keine Schwierigkeiten. Nach dem Leuchtturm nahm der Südostwind auf Stärke drei zu und die sieben Kilometer nach Spodsbjerg verlangten wieder mehr Krafteinsatz. Ich ließ noch die Fähre nach Lolland passieren, bevor ich im Hafen anlegte und dort meine zu Neige gehenden Trinkwasservorräte auffüllte.
Auf der weiteren Fahrt entlang der Küste lief ich im seichten Wasser des Næbbe Reviers zwei Mal auf Sandbänken auf und musste aus dem Boot steigen, um wieder in tieferes Wasser zu gelangen. Am späteren Nachmittag verschlechterte sich das Wetter zusehends und die Sonne verschwand hinter trüben grauen Wolken. Bald darauf legte ich am Rastplatz von Illebølle Udflyttere an und beschloss dort die Nacht zu verbringen. Die schöne Wiese über dem Strand und der offene Schuppen mit einem davor stehenden Picknicktisch bot alles, was ich mir für den Abend wünschte. Wegen des kühlen Windes wollte mir trotz meiner Jacke nicht recht warm werden und ich zündete bald den Kocher an, um etwas Wärmendes zuzubereiten. Umso mehr erstaunte es mich, als später zwei junge Mädchen und zwei Burschen kamen, die trotz der kühlen Temperaturen mit viel Geschrei und guter Laune eine Stunde im Meer herumplantschten.


- Der Storebælt bei aufziehendem Schlechtwetter -

In der Nacht prasselte der Regen aufs Zelt. Der Morgen sah ebenfalls trüb und regnerisch aus. Es fiel mir leicht, den heutigen Start auf später zu verschieben und las eine Stunde in Jon Turks Buch The raven's gift. Später ließen Wind und Regen nach und ich begann meine Sachen zu packen. Am späteren Vormittag schob ich den Kajak erleichtert in die nur mehr mäßig hohen Wellen und setzte meine Reise nach Süden fort. Als ich am Nachmittag am Rastplatz von Bukkemose an Land ging, hatten die Wolken blauem Himmel Platz gemacht und die noch feuchte Vegetation dampfte in der Sonne. Ich begegnete einem Handwerker, der mir mitteilte, dass heute noch ein russisches Atom-Unterseeboot durch den Storebælt fahren würde. Als ich ihn fragte, ob die Russen mit solchen Booten hier durchfahren dürften, erklärte er mir, dass der Storebælt ein internationales Gewässer sei. Ich verabschiedete mich von ihm, machte noch einige Fotos vom sonnenbeschienenen Strand von Bukkemose und stieg wieder ins Boot.
Seltsamerweise erinnere ich mich jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, kaum an die drauffolgende Stunde, während der sich das Wetter schnell verschlechtert haben musste. Meine Erinnerungsbilder setzen zu dem Zeitpunkt wieder ein, an dem die Sonne längst vielen dunklen, schnell dahin ziehenden Wolken gewichen war. Im Westen stand über Langeland eine fast schwarze, bedrohlich wirkende Wolkenwand und der vorhin noch zahme Südostwind wehte mir plötzlich kräftig entgegen. Ich paddelte nun schneller und hielt Ausschau nach irgendetwas an Land, dass mir bei dem aufziehenden Unwetter Schutz geboten hätte. Es war jedoch weit und breit kein Haus zu sehen. Über dem Strand erhob sich nur ein flacher bewachsener Schuttwall und dahinter dehnten sich Äcker und Kornfelder in alle Richtungen aus. Als aus der dunklen Wolkenwand über Land fast gleichzeitig zwei leuchtende Blitze niederfuhren, wusste ich, dass es höchste Zeit war, das Wasser zu verlassen. Von kurzen steilen Wellen geschoben, bohrte sich der Bug des Kajaks etwas unsanft in den groben Kies des Strandes und ich zog das Boot noch ein Stück den dahinterliegenden Schuttwall hinauf. Als die ersten schweren Tropfen fielen, streifte ich meine gelbe Paddeljacke über und da ich auch jetzt in der Umgebung nichts sah, wohin ich mich hätte flüchten können, legte ich mich einfach flach aufs Feld. Kurz darauf prasselte der Regen auf mich nieder und verästelte Blitze gefolgt von ohrenbetäubendem Donner leuchteten über der in finstere Wolken gehüllten Landschaft auf. Nach einer halben Stunde  des Ausharrens in dieser prekären Lage wurden die Abstände zwischen den Blitzen und dem Donnergrollen länger und das Gewitter zog langsam hinter mir aufs Meer hinaus. Der Regen ließ vorübergehend nach, aber in der Richtung, aus der das Unwetter gekommen war, sah es immer noch sehr finster aus. Der Wind trieb die Wolken jedoch bald in anderer Richtung davon und in mir festigte sich die Überzeugung, dass ich auch dieses Abenteuer heil überstehen würde. Nachdem der Regen aufgehört hatte, ließ auch der Wind plötzlich nach und über dem Meer wurde es fast gespenstisch still. Über dem Storebælt zogen trübe Wolkenschleier dahin und plötzlich sah ich dahinter die geisterhaft wirkenden Umrisse eines Schiffes, das wie ein Kriegsschiff aus den Weltkriegen aussah. In einigem Abstand dahinter pflügte etwas durchs Meer, das mich zunächst an den Rücken eines aus dem Meer aufgetauchten Wals erinnerte, sich jedoch bald als das angekündigte russische Atom-Unterseeboot entpuppte. Nach dem gerade hier niedergegangenen Unwetter löste der Gedanke an die gezähmte Energie im strahlenden Reaktor dieses Ungetüms ein leises Unbehagen in mir aus.
Klatschnass und fröstelnd stieg ich ins Boot, aber durch das gleichmäßige Paddeln breitete sich bald eine angenehme Wärme in mir aus. Das Meer war nach dem abgezogenen Unwetter plötzlich seltsam ruhig und es regnete leicht. Nach einer Stunde tauchte der weiße Leuchtturm von Keldsnor Fyr zwei Kilometer vor der Südspitze Langelands vor mir auf. Es kam ein leichter Wind aus Südwest auf, der stetig zunahm, je weiter ich aus dem Lee der Ostküste in Richtung der exponierten Landspitze hinauspaddelte. Nach dem Leuchtturm kämpfte ich mich noch einen Kilometer gegen den inzwischen kräftigen Gegenwind weiter und legte schließlich zu einer Verschnaufpause am Strand an. Am Ufer des Keldsnor - eines seichten Sees, der hier durch einen Schuttwall vom Meer getrennt ist - sah ich jedoch einige schöne Grasflecken zum Zelten und die zwischen den Wolkenbänken hervorgekommene Sonne tauchte den Ort in ein schönes Licht. Da die Wellen inzwischen wieder ungestüm an Strand rauschten, gab ich der Anziehungskraft des einladenden Platzes nach einigem Zögern nach, zog den Kajak auf die Wiese und stellte das Zelt auf.


- Russische Atom-Unterseeboot im Storebælt -

Am folgenden Morgen düsterer und wolkenverhangener Himmel. Ein kühler Südwestwind der Stärke fünf schob hohe Wellen an den Strand. Überall weiße Schaumkronen auf einem grüngrauen Meer. Ich beschloss abzuwarten und wanderte nach dem Frühstück in das einige Kilometer entfernte Bagenkop. Zuerst auf kaum befahrenen schmalen Straßen, dann an wogenden Kornfeldern, mit Schilf gedeckten Häusern und einer alten Windmühle vorbei, bis ich auf eine größere Straße einbog, die mich in die kleine Ortschaft brachte. Am Hafen wehten die Fahnen im Wind und nachdem ich einige Waren im Laden eingekauft hatte, wollte ich noch die Kirche besuchen. Sie war jedoch verschlossen. Nach dem Auffüllen meiner Wasserflaschen wanderte ich zurück zu meinem Lagerplatz, den ich bereits zu Mittag wieder erreichte. Aber meine Hoffnungen auf einen verspäteten Start erfüllte sich an diesem Tag nicht. Der Wind wehte mit unverminderter Stärke und als es schließlich zu regnen begann, sah das Meer noch weniger einladend aus als zuvor. Ich stellte mich darauf ein, eine weitere Nacht am Keldsnor zu verbringen und hatte daher am Nachmittag viel Zeit in Jon Turks Buch zu lesen. Seine Erzählungen, wie er auf verwegenen Kajakabenteuern an der Küste Kamtschatkas auf die dort lebenden Korjaken getroffen und die Bekanntschaft mit der fast hunderjährigen Schamanin Moolynaut sein Leben nachhaltig verändert hatten, ließen mich die Zeit vergessen.


- Keldsnor Fyr -

Samstag, 5. August. Immer noch bewölkter Himmel, aber deutlich weniger Wind aus Südwest als gestern. Obwohl sich die See etwas beruhigt hatte, schoben sich immer noch höhere Wellen an den Strand und ich war bei der Vorbereitung auf den heutigen Start in etwas angespannter Stimmung. Ich stand am Strand, wartete bis die letzte einer Reihe größerer Wellen den groben Kies hinaufgerauscht war, schob dann den Kajak schnell ins tiefere Wasser und schaffte den Einstieg ohne Probleme. Nachdem ich Abstand zum Ufer gewonnen hatte, konnte ich jedoch die Spritzdecke nicht schließen, weil ich mich beim Einsteigen darauf gesetzt und die Schlaufe sich irgendwo hinter mir verklemmt hatte. Also landete ich wieder an und wiederholte das Ganze noch einmal. Der zweite Start ging nicht so glatt wie der erste, aber schließlich saß ich mit geschlossenem Cockpit im Boot und arbeitete mich in der bewegten See der Südspitze Langelands entgegen. Am Dovnsklint paddelte ich noch ein Stück über die Landspitze hinaus, bevor ich den Bug des Kajaks nach Nordwesten drehte. Nun kamen die gut einen Meter hohen Wellen gerade von links, aber sie rollten gleichmäßig heran und es bestand noch kein Grund zu größerer Sorge. Trotzdem blieb ich konzentriert, denn gelegentlich kam unter den Wellen eine heran, die mächtiger und steiler als die anderen war und deren Kamm sich weiß schäumend brach. Nach der Landspitze von Dimesodde tauchten bald die ersten Häuser von Bagenkop auf und danach die Hafenmauer mit einem wilden Durcheinander sich brechender Wellen. Ich bemühte mich um einen sicheren Abstand zu diesem Chaos und wurde schließlich von den von hinten anrollenden Wellen hinter die Mauer ins stille Wasser des Hafens geschoben. Dort standen von Kindern umringte ältere Herren am Ufer, die mit Fernsteuerungen um den Hals Modelle von Fischkuttern zwischen den vertäuten Schiffen herumtuckern ließen.
Inzwischen schien die Sonne wieder und ich entschied ich mich für eine vorgezogene Mittagspause. Ich zog mir trockene Kleider an, ging zu dem nur wenige hundert Meter entfernten Laden und trank dort am Tisch zwischen Kassa und Eingang eine Tasse Kaffee. Eine Dreiviertelstunde später saß ich wieder im Boot und paddelte bei Wind und Wellen weiter nach Norden. Der langezogene Ristinge Strand war an diesem sonnigen Samstagnachmittag von vielen Menschen bevölkert und als die Felsen des Ristinge Klint in Sicht kamen, beschloss ich noch einmal anzulanden. Obwohl das Boot in der Brandung erstaunlich an Geschwindigkeit zulegte, bekam ich ohne Schwierigkeiten festen Boden unter die Füße. Dort legte ich mich auf einer Wiese über dem Strand eine halbe Stunde ins Gras und sah eine Weile den wechselnden Wolkenformationen zu, was mich in eine ruhige zuversichtliche Stimmung versetzte. Auf der Weiterfahrt erreichte ich bald das Ristinge Løb und paddelte durch das seichte Wasser der schmalen Einfahrt ostwärts in die große Bucht nördlich von Ristinge. Im Lee des Ristinge Klint lag das Meer nun fast spiegelglatt vor mir. Ich querte die ruhige Bucht, aber als ich am gegenüberliegenden Ufer wieder nach Norden drehte, bescherte mir der Südwestwind noch eine weitere Stunde anstrengenden Paddelns. Am Abend erreichte ich das Lindsele Nor und an der Nordspitze der Insel Langø schlug ich auf einer gemähten Wiese mein Zelt auf. Bald näherte sich jedoch über den Hügel eine Herde von Kühen und ich verlegte mein Zelt in das hohe Gras nur wenige Meter über dem Strand. Trotzdem ließen sich die neugierigen Tiere nicht davon abhalten, mein Zelt aus nächster Nähe in Augenschein zu nehmen und so musste ich damit leben, einen Teil des Abends inmitten einer Kuhherde zu verbringen.


- Ristinge Strand - 

Der Sonntag begann mit viel Sonne und blauem Himmel. Ich hatte mit dem heutigen Start keine Eile, da Rudkøbing nicht mehr weit entfernt war. Kurz nachdem ich meinen Zeltplatz verlassen hatte, paddelte ich an der Insel Bukø vorbei und als ein kräftiger Westwind aufkam, brauchte es wieder mehr Kraft um den nördlichen Kurs zu halten. Als ich mich gegen den Wind nach Westen zur Landspitze Huggen hinausarbeitete, zog über Tåsinge eine Front grauer Regenwolken auf. Kurz darauf prasselte der Regen nieder und ich ging in Huggen kurz an Land, um mir meine Paddeljacke überzustreifen. Eine Viertelstunde später hatten sich Wolken und Regen bereits wieder verzogen, aber dieses Wechselspiel von Regen und Sonne ereignete sich auf den nächsten Kilometern noch einmal. Bald kamen jedoch die Häuser von Rudkøbing in Sicht und am frühen Nachmittag legte ich an der Stelle im Hafen an, wo ich vergangenen Montag meine Fahrt begonnen hatte. Eine sonntägliche Ruhe lag über dem Hafengelände und es waren nur wenige Menschen unterwegs. 
Mit dem schönen Gefühl die Umrundung Langelands gut gemeistert und heute noch viel Zeit zu haben, packte ich in der Sonne meine Sachen und lud den Kajak aufs Autodach. Anschließend unternahm ich noch einen Spaziergang durch den Ort und besuchte die Kirche. Solche schmale gepflasterten Gassen mit den bunten, teilweise strohgedeckten Häusern zu beiden Seiten hatte ich auch in Dänemark noch nie gesehen. Einige Wochen später traf ich auf Grönland einen Dänen, der treffend meinte, dass es in Rudkøbing Gassen wie im Märchen gebe. Gegen Abend fuhr ich zurück nach Dyreborg, wo ich am Ufer des Noret eine weitere geruhsame Nacht verbrachte.


- Abendstimmung über dem Noret -

Der folgende Tag bot bei klarem Wetter und mäßigem Wind aus Südwest noch einmal die Gelegenheit für eine Ausfahrt in die Inselwelt südlich von Faaborg. Von Dyreborg paddelte ich nach Bjørnø hinüber, dann an der Südwestseite der Insel entlang und über die Hansebugt weiter zur kleinen Insel Kidholm. Der Wind hatte inzwischen fast ganz aufgehört und so umrundete ich noch die einen Kilometer weiter südlich liegende Insel Store Svelmø und paddelte über den Faaborg Fjord zurück zu meinem Startpunkt. Ich fühlte mich nach der schönen abwechslungreichen Fahrt dieses Tages sehr wohl und machte in übermütiger Stimmung noch ein paar Eskimorollen, bevor ich an Land ging. Am Abend fuhr ich zum nahen Campingplatz von Sinnebjerg und genoss die dortigen Annehmlichkeiten.


- Die Insel Kidholm -

Am Dienstag verließ ich Fünen für dieses Jahr. Als ich auf der großen Brücke mit dem Auto über den Storebælt fuhr, wehte ein kräftiger Wind. Jenseits des aufgewühlten, mit vielen Schaumkronen bedeckten Meeres sah ich in der Ferne am südlichen Horizont zum Abschied die Küste Langelands.

 

29. Oktober 2017          oliver beihammer