Rund um den Vestfjorden - Sommer 2014


- Tysfjorden -

Arjeplog - diese Ortschaft in Nordschweden kannte ich bis jetzt nur vom Hörensagen. Als Eeva Kaisa und ich am Nachmittag des 1. August dort ankamen, hatten wir schon eine dreieinhalbtägige Autofahrt hinter uns. Vor der Abreise hatten wir des öfteren darüber nachgedacht, ob wir die lange Autofahrt auf uns nehmen wollten. Eine Norwegenreise ohne eigenen Kajak konnte ich mir jedoch nur schwer vorstellen, und anschließend planten wir noch über halb Finnland verstreute Verwandte und Bekannte zu besuchen. Daher hatten wir kaum eine andere Wahl. Im Nachhinein ist mir aber auch klar, dass ich die Fahrt durch Schweden, die mich wieder sehr beeindruckt hat, nicht missen möchte. Als wir den Vätternsee und die Agrarlandschaften Südschwedens hinter uns gelassen und durch die großen Wälder des Nordens fuhren, fühlte ich wieder die besondere Stimmung dieses Landes. Von den schönen Rastpausen während der Fahrt ist mir vor allem das Frühstück mit den vielen Besuchern des Urkult-Musikfestivals in Näsåker in Erinnerung.

In Arjeplog trafen wir die "Oulun Seudun Lapinkävijät", den Wanderverein aus Oulu in Finnland. Anderntags fuhren wir über Jäkkvik nach Norwegen, wo ich mich von Eeva Kaisa verabschiedete, die mit ihren finnischen Landsmännern eine Wanderung im Saltfjellet-Nationalpark unternahm. Ich hingegen fuhr auf der E6 weiter nach Norden, und am Skjerstadfjorden vor Fauske sah ich zum ersten Mal das norwegische Meer. Später am Tag setzte ich mit der Fähre von Drag am Tysfjorden nach Kjøpsvik über und blieb schließlich am Parkplatz unter dem Stetinden - dem norwegischen Nationalberg - stehen, wo ich in Gemeinschaft vieler Kletterer übernachtete. Die Sonntagstour auf den Prestinden und anschließend auf den Vorgipfel des Stetinden (der höhere Hauptgipfel ist nur auf einer Klettertour erreichbar) mit dem unvergleichlichen Ausblick über den weitverzweigten Tysfjorden wurde zum ersten Höhepunkt dieser Nordlandreise.


- Stetinden vom Gipfel des Prestinden -

Im Koppvikdalen an der Mündung des Efjorden lernte ich Paul Knudsen kennen, beim dem ich für die Dauer der Kajakfahrt entlang der Küste von Hamarøy das Auto stehen lassen konnte. Paul war sehr hilfsbereit und stand mir bei meinen Plänen mit guten Ratschlägen zur Seite. Von der Bucht unterhalb seines Hauses unternahm ich eine erste Ausfahrt aufs Meer. Bei ruhigem Wetter paddelte ich durch die Mündung des Efjorden mit den vielen Inseln auf den Ofotfjorden hinaus und umrundete die Insel Barøya. Das klare, grünblaue Wasser über dem hellen Meeresgrund und die vielen Sandstrände übertrafen alle meine Erwartungen. An der Südküste von Barøya sah ich auf den Felsen ein altes, rostiges Schiffswrack liegen. Paul erzählte mir später, dass der Fischkutter hier in den sechziger Jahren in einem Sturm auf Grund gelaufen war und die Mannschaft nur mit Mühe ihr Leben retten konnte. Darüber wurde mir bewusst, dass auf dem Ofotfjorden wahrscheinlich häufig auch viel rauere Bedingungen herrschen.


- Kurs auf Barøya -

Am 6. August startete ich schließlich im Koppvikdalen und paddelte in sechs Tagen bei wechselnden Bedingungen die Küste von Hamarøy hinunter nach Skutvika. Bereits am zweiten Tag legte ich bei der Anlegestelle der Fähre an der Ostseite des Tysfjorden einen unfreiwilligen Rasttag ein, da ich bei Starkregen und kräftigem Wind aus Nordwest die Querung des Fjordes nicht wagen wollte. An den folgenden Tagen erkundete ich zum Teil das Innere der Fjorde und Meeresarme mit den zahlreichen Inseln und erlebte bei sonnigem Wetter wunderbare Paddeltage. Besonders gut ist mir der letzte Tag von Buvåg nach Skutvika in Erinnerung. Die südwärts verlaufende Felsenküste ist hier den Winden und Wellen des sich öffnenden Vestfjordes besonders ausgesetzt. Eine meterhohe Dünung aus Westen und kräftige Wellen von hinten (Wind aus Nord) mischten sich unter den schroffen Klippen des Hansbakkfjellet zu einem gewaltigen Szenario. Während der ganzen Fahrt hörte ich linkerhand das laute Donnern der Dünung, die sich an den steilen Felsen brach. Als mich die Wellen am späteren Nachmittag in die geschützteren Regionen des Økssundet schoben, war ich froh, diesen Bedingungen entkommen zu sein. In Skutvika legte ich schließlich an einem Sandstrand mit einem wunderbaren Zeltplatz an und genoss die Ruhe nach dem Sturm.


- Zelten an der Ostseite des Tysfjorden -

Nachdem ich im Koppvikdalen das Auto geholt hatte, setzte ich mit der Fähre von Skutvika nach Svolvær über. Durch das anstrengende Paddeln hatte sich eine frühere Verletzung unter dem rechten Rippenbogen wieder bemerkbar gemacht, und ich beschloss, für eine Weile auf Abenteuer auf dem Wasser zu verzichten. Die Lofoten empfingen mich mit schlechtem Wetter. Aus der geplanten Besteigung des Rundfjellet auf Austvågøya und einem Besuch des Møysalen-Nationalparks auf Hinnøya wurde wegen des strömenden Regens nichts. Dafür wurde ich einige Tage später mit umso beeindruckenderen Bergtouren belohnt. Nach einer kürzeren Tour auf den Fiskefjordtindan auf Hinnøya erstieg ich am Sonntag, dem 17. August, den Skittendalstinden im Skånland. Zuerst wanderte ich von Dragvika am Meer zum Strandvatnet mit der schön gelegenen Blåvannhytta. Danach fand ich mit etwas Glück auf dem wolkenverhangenen, zum Teil vergletscherten Plateau des Berges den höheren der beiden Gipfel. Ein ungetrübter Ausblick vom höchsten Punkt blieb mir verwehrt, aber die wilde Rauheit des Skånlandes hatte es mir dennoch angetan. Eine andere Perspektive auf diese Berge bekam ich noch, als ich am darauffolgenden Tag mit dem Kajak die vor der Küste liegende Insel Skogøya umrundete.


- Strandvatnet im Skånland -

Bevor ich Norwegen für dieses Jahr verließ, erstieg ich noch einige Berge in der Umgebung von Narvik, den Durmålsfjellet am Beisfjorden, den Sandviktinden über dem Håkvikdalen und den Nævertind auf dem Björnfjell. Vom Durmålsfjellet konnte ich gut in das gegenüberliegende Stubblidalen sehen, wo ich im August 2004 auf einer Tour nach Abisko auf den nassen Granitplatten unter dem Vomtinden gestürzt und mit viel Glück einigermaßen heil (nur mit einem blauen Daumen) davon gekommen war. Beim Abstieg vom Sandviktinden fand ich zwei große, weißgebleichte Rentiergeweihe, und ich konnte nicht widerstehen sie auch mitzunehmen. Auf dem Weg zum Nævertind genoss ich viele der Blau- und Moltebeeren, die in den sumpfigen Wiesen in riesigen Mengen wuchsen. Trotzdem kommen wahrscheinlich nur selten Menschen hierher, um sie in dieser entlegenen Gegend zu pflücken.


- Nævertind -

In der Nähe von Abisko traf ich auf Simon, einen Austauschstudenten aus Belgien, mit dem ich einige Tage unterwegs war. Als Abschluss für diese Sommerreise erwanderte ich noch den Tjåmuhas in den Abiskobergen. Nachdem ich Abisko in den letzten Jahren nur im Winter erlebt hatte, war es schön, wieder einmal im Sommer hier zu sein. Vom Gipfel des Tjåmuhas schaute ich noch einmal über die Grenze hinüber nach Norwegen und konnte in der Ferne viele Berge und Landschaften erkennen, die ich auf dieser und früheren Reisen im Sommer und Winter besucht hatte.

Im Anschluss an die Abenteuer in Norwegen verbrachte ich noch einige Tage in Finnland, wo ich Eeva Kaisa in ihrem Heimatort Kuivaniemi abholte. Es freute mich, die Verwandten und Freunde wiederzusehen, aber nach den Wochen um den Vestfjorden schien mir Finnland zu flach und gleichmäßig. Vor meinem inneren Auge tauchten immer wieder das grünblaue, klare Meer und die steilen, schwarzen Zacken der norwegischen Berge auf. Und wenn ich - während ich dies schreibe - mir die norwegischen Karten ansehe, gibt es alsbald wieder neue Pläne dorthin aufzubrechen.


- Hansbakkfjellet und Tranøya -

 

29. Oktober 2014          oliver beihammer