Uunarteq - Sommer 2015


- Ravneskåret -

Uunarteq ist der grönländische Name für eine verlassene Siedlung auf einer kahlen Landzunge, die von Norden in die Mündung des Scoresbysundes hineinragt. Von Ittoqqortoorrmiit - dem bewohnten Hauptort am Scoresbysund - kann man die Häuser von Uunarteq, das häufig auch Kap Tobin genannt wird, mit freiem Auge in etwa sieben Kilometer Entfernung erkennen. Auf der aus Geröll bestehenden und nur mit spärlichen Grasflecken bewachsenen Landzunge sind die Häuser etwa auf einer Länge von einem halben Kilometer zwischen dem westwärts gerichteten Ufer und einer kleinen Schlucht, genannt Ravneskåret, verstreut. Das wahrscheinlich eigentliche Kap Tobin befindet sich noch einen Kilometer südöstlich der Siedlung. Es ist dies die südlichste Spitze des Liverpool-Landes, die bereits auf einer alten Karte von William Scoresby junior - einem Walfänger, der hier im Jahr 1822 landete - als Cape Tobin verzeichnet ist. Auf dem Weg dorthin befinden sich warme Quellen, deren schwefelhaltiges Wasser zwischen den Gesteinsbrocken aus dem Boden fließt.
Zahlreiche Funde aus der Zeit der Paleo-Eskimos belegen, dass die Gegend an der Mündung des Fjordes als Wohnstätte diente, seit der Scoresbysund von Menschen besiedelt wurde. Der Grund dafür liegt in den besonderen Strömungsverhältnissen, die das Meer an dieser Stelle auch im Winter niemals zufrieren lassen. Diese permanent offene Wasserfläche (auch als polynya bezeichnet) reicht im Winter oft an die Uferfelsen heran und der große Reichtum an Tieren bietet in der kalten Jahreszeit gute Jagdmöglichkeiten. Die Einwohner von Ittoqqortoorrmiit erzählten mir, dass im Winter und Frühjahr einige der Häuser aus diesem Grund alljährlich wieder bewohnt werden.
Im Sommer bietet sich dem Besucher von Uunarteq eine seltsame Mischung von ungezähmter Natur und langsam verfallenden Zivilisationsgütern. Zudem lassen das arktischen Klima und die karge Landschaft den Ort rau und unwirtlich erscheinen.


- Der langsame Zerfall -

Am Nachmittag des 11. August 2015, einem verregneten Dienstag, brachen Eeva Kaisa und ich von Ittoqqortoorrmiit auf, um der weiß markierten Route nach Uunarteq zu folgen. Der "Weg" ist nur für trittsichere Wanderer geeignet, denn je nach Witterung können unerwartete Hindernisse auftreten. Die Markierungen leiten an den östlich von Ittoqqortoorrmiit gelegenen kleinen See, aus dem ein Bach mündet, der in den Amdrup Havn hinunter fließt. Als wir an jenem Tag an den Ausfluss kamen, war wegen der anhaltenden Regenfälle das Rinnsal zu einem Sturzbach angeschwollen, dessen Querung viel zu risikoreich gewesen wäre. Wir mussten den See daher in nördlicher Richtung auf ins Wasser abfallenden Schneefeldern umgehen, um wieder auf den markierten Weg zu gelangen. Bald darauf erforderte der Aufstieg auf den 270 Meter hohen Inugsukajik die Begehung von unwegsamen Geröll und steilem Schnee. Südwestlich dieser Erhebung konnten wir auf der weiten Ebene, die nach Uunarteq hinausführt, die mit grauen Metallkegeln markierte Landebahn des neuen, hier geplanten Flughafens von Ittoqqortoorrmiit sehen.
Nach sechsstündiger Wanderung erreichten wir die ersten Häuser und bezogen ein offen stehendes grünes Haus, vor dessen Eingang ein großer Eisschrank lag. Obwohl das Haus Schutz vor der Witterung bot und der gesamte Hausstand vom Fernseher bis zum kleinen Kuscheltier-Eisbären noch vorhanden war, blieb es im Inneren wegen fehlender Heizmöglichkeiten sehr kühl. Am Ende des Tages fanden wir am südlichen Ende des Ravneskåret noch ein aus einem Schneefeld fließendes Rinnsal, das uns mit Trinkwasser versorgte.


- Der Amdrup Havn auf dem Weg nach Uunarteq -

Am darauffolgenden Tag gönnte uns das bislang schlechte Wetter eine Verschnaufpause und wir konnten zeitweilig einige Sonnenstrahlen genießen. Nachmittags machten wir uns mit einem Buch (Paleo-Eskimo Settlements in Scoresby Sund, Northeast Greenland) der Archäologen Hanne Tuborg und Birger Sandell im Gepäck auf den Weg zu den unterhalb der Häuser gelegenen Uferfelsen, um nach lithischen Artefakten zu suchen. Nach einer Weile wurde mein Eifer belohnt, als ich in den Ritzen und Spalten der Granitfelsen ein paar Abschläge aus verschiedenfarbigem Achat entdeckte. Schließlich fand ich noch einige Stücke, die meinem laienhaften Auge wie kleine bearbeitete Werkzeuge erschienen. Einige Wochen später bestätigten mir Hanne und Birger, dass alle diese Fundstücke menschlichen Ursprungs sind, da mikrokristalline Quarze in Uunarteq nicht natürlich vorkommen. Drei Stücke konnte Birger mit einiger Sicherheit als verschiedene Typen von Steinwerkzeugen (Burin Spall oder Microblade/ Endscraper/ Sideblade) identifizieren.
Später wanderten wir an der Küste entlang zur Landspitze von Kap Tobin. Die Hütte, die an dem guten Jagdplatz einst stand, ist höchstwahrscheinlich niedergebrannt, wie die verkohlten Holzreste an der Stelle noch bezeugen. Wie um die Siedlung herum ist auch diese Gegend mit allen Arten von Zivilisationsmüll übersät.
Auf dem Rückweg zu unserer Bleibe besuchten wir noch die warmen Quellen, die wir trotz GPS-Unterstützung nicht gleich fanden. Schließlich führte uns aber der deutlich wahrnehmbare Schwefelgeruch zu der Stelle, an der das heiße Wasser aus dem Boden fliesst. In dem Becken lag ein kleinerer Eisbärenschädel, dessen wackelnde Eckzähne im Oberkiefer ich meiner Sammlung einverleibte. 


- William Scoresby junior's Cape Tobin (Kap Topin) -

Am frühen Nachmittag des nächsten Tages machten wir uns auf den Rückweg nach Ittoqqortoorrmiit. Da ich beim Hinweg Probleme mit dem Tragen des Rucksacks gehabt hatte, ließ ich einen Großteil meines Gepäcks im Haus zurück, welches wir später mit dem Boot abholen wollten. Den Inugsukajik überschritten wir noch bei passablem Wetter, aber als wir den See erreichten, den wir beim Hinweg umgehen hatten müssen, traf uns das schlechte Wetter mit voller Wucht. Eeva Kaisa riss der Wind auf Nimmerwiedersehen den Regenschutz vom Rucksack und ich stolperte in einer Windböe und stürzte in das grobe Geröll. Als wir am Abend die Ortschaft erreichten, fehlte uns jegliche Motivation, bei diesem Wetter das Zelt aufzustellen, und wir gönnten uns eine Nacht im orangefarbenen Guesthouse.


- Auf dem Rückweg nach Ittoqqortoorrmiit -

Samstag, 15. August 2015. Nach einem Tag Aufenthalt in Ittoqqortoorrmiit hatten wir heute geplant, mit dem Boot mit einem Abstecher nach Uunarteq (um meine Sachen zu holen) in den Hurry Fjord zu fahren. Gegen Mittag erfuhren wir jedoch von unserem Bootsführer Manasse, dass die Fahrt in den Hurry Fjord wegen zu viel Eis vor Ittaajimmiit (Kap Hope) nicht möglich sei. Schließlich brachte er uns am Nachmittag noch nach Uunarteq, wobei es während der Bootsfahrt wegen des dichten Eises zeitweilig so aussah, als ob auch dieses Unternehmen scheitern würde.
Wir quartierten uns wieder im "Kühlschrank-Haus" ein und wanderten anschließend bei etwas freundlicherem Wetter noch einmal hinaus nach Kap Tobin. Wir beobachteten, wie das Meereis in der Strömung an der Landspitze vorbeitrieb und trotz des vielen Mülls fand ich in den Uferfelsen einige Achatsplitter aus alten Zeiten.


- Treibeis vor Kap Tobin -

Der Sonntag begann mit starker Bewölkung und Nebel und später am Tag regnete es immer wieder kräftig. Am Morgen machte ich mich allein zu unserer "Quelle" im Ravneskåret auf, um unsere Trinkwasservorräte wieder aufzufüllen. Während ich über den steinigen Hügel ging, ließ ich meinen Blick über das dichte Meereis schweifen, konnte aber nichts Ungewöhnliches erkennen. Nachdem ich unsere Eimer gefüllt hatte und mich gerade auf den Rückweg machen wollte, hörte ich plötzlich ein eigentümliches Fauchen hinter mir. Als ich mich umwandte, sah ich auf dem gegenüberliegenden Geröllhang in etwa 20 Meter Entfernung einen ausgewachsenen Eisbären. Zu einer Felsspalte hingewandt stand er seitlich zu mir und sah mit gedrehtem Kopf ruhig zu mir her. Ich nahm das Gewehr von der Schulter, machte es für den Notfall schussbereit und sah ihn eine kurze Weile an. Dann nahm ich die gefüllten Wasserkübel und machte mich langsam auf den Rückweg. Als ich auf der Anhöhe war, konnte ich sehen, wie der Bär seine Aufmerksamkeit bereits wieder der Felsspalte zugewandt hatte.
Eisbären haben in Ittoqqortoorrmiit keinen besonders guten Ruf. Bei verschiedenen Begegnungen mit Einheimischen hatte ich die Gelegenheit, schaurige Geschichten zu hören. So wurde mir erzählt, dass sie Robben (und möglicherweise auch Menschen) jagen, indem sie zunächst den Kopf senken und sich dann mit blitzschnellen Sprüngen so auf ihre Beute stürzen, dass von dieser lediglich ein großer Fettfleck übrig bleibt. Oder dass sie durch gezielte Hiebe mit den Vordertatzen mühelos menschliche Köpfe von den Schultern fliegen lassen könnten. Trotz dieser wenig ermutigenden Geschichten kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass ich auf unseren Reisen ins Land der Eisbären bisher nur solchen Exemplaren begegnet bin, die - wie der letztere - relativ wenig Interesse an Menschen zeigten. Tatsächlich ist es jedoch so, dass die Tiere wegen den klimatischen Veränderungen auch im Sommer vermehrt in die Nähe der Siedlung kommen und es wird über verschiedene Maßnahmen nachgedacht, um die Sicherheit der Bevölkerung - vor allem der Kinder - zu gewährleisten.
Wegen des miserablen Wetters hielten wir uns im weiteren Tagesverlauf zumeist in unserer Behausung auf. Der von mir gesichtete Bär kam am Nachmittag ganz in die Nähe unseres Hauses und von der Veranda aus konnten wir uns ohne größere Sorgen dem Anblick des beeindruckenden Tieres hingeben. Als sich der Bär wieder verzogen hatte, verbrachten wir gegen Abend einige Zeit im Freien mit Schießübungen, denn um in einer Notsituation entsprechend handeln zu können, braucht es vorher einiges an Übung. 


- Im "Kühlschrank-Haus" -

Am nächsten Tag, unserem letzten Tag in Uunarteq, versuchten wir auf der Anhöhe über den Häusern noch eine historische Stätte aus der Dorset-Zeit zu finden, welche die Archäologen in ihrem Buch beschrieben hatten. Wir konnten nach einigem Suchen eine ringförmige Struktur ausmachen, waren aber nicht sicher, ob es sich tatsächlich um die beschriebene Stelle handelte. Als wir von dem Hügel hinunterschauten, sahen wir unten in Richtung der Häuser "unseren" Eisbären auf einem Schneefleck hocken. Er schien auch jetzt kein Interesse an uns zu haben und nach einer Weile erhob er sich und trottete langsam in östlicher Richtung davon.
Kurz nach Mittag erblickten wir von der Anhöhe aus Manasse, der sich mit seinem Boot durch das immer noch dichte Eis zu uns vorgearbeitet hatte. Er gab einen Schuss ab, um seine Ankunft anzukündigen und legte etwas später am steinigen Ufer an. Nachdem wir unsere Sachen verladen hatten, fuhren wir bald zügig über das Wasser zurück nach Ittoqqortoorrmiit. Manasse legte dort an, überprüfte noch kurz die Eissituation vor Ittaajimmiit und gab zu unserer Freude bald darauf grünes Licht für die Weiterfahrt in den Hurry Fjord. 


- Der ehemalige "Hafen" von Uunarteq -
 
- Eisbären wissen zu stehen und zu schauen -

 

2. Februar 2016          oliver beihammer