SinnZENTRUM Salzburg, Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Philosophische Gesprächsrunde am 4.12.2014

Vom Ursprung und Sein der Person

Die Herkunft und das Wesen der Person waren für Max Scheler zentrale Fragen seiner philosophischen Anthropologie. Viktor Frankl hat davon für die Logotherapie viele Gedanken von Scheler übernommen, sein Verständnis der Person jedoch in verschiedenen Aspekten neu bestimmt und vertieft.

1. Das Wesen der Person

Nach dem Verständnis von Scheler ist die Person im Menschen das Zentrum geistiger Akte, das nur im Vollzug dieser Akte existiert. Zur Person als sich vollziehender Geist, der sich selbst nicht vergegenständlichen kann, schreibt Scheler (2010, S. 35): „Der Geist ist das einzige Sein, das selbst gegenstandsunfähig ist – er ist reine, pure Aktualität, hat sein Sein nur im freien Vollzug seiner Akte. Das Zentrum des Geistes die «Person», ist also weder gegenständliches noch dingliches Sein, sondern nur ein stetig selbst sich vollziehendes (wesenhaft bestimmtes) Ordnungsgefüge von Akten. Die Person ist nur ‘in’ ihren Akten und durch sie*.“

Frankl hat die Aktualitätsthese der Person von Scheler übernommen und neu bestimmt, indem er vom unbewussten Sein der Person – von der ‘Tiefenperson’ – spricht. In seiner Schrift ‘Der unbewußte Gott’ betont er, dass die Person nur als „reine »Vollzugswirklichkeit«“ (Frankl, 1999, S. 20) existiert, und dass sie als geistiges Sein unreflektierbar ist. Den Zusammenhang zwischen geistigen Vollzügen und deren Unreflektierbarkeit erläutert Frankl (1999, S. 21) folgendermaßen: „Die Tiefenperson, nämlich die geistige Tiefenperson, also jene Tiefenperson, die allein verdient, im wahren Wortsinn Tiefenperson genannt zu werden, ist unreflektiert, weil unreflektierbar, und in diesem Sinne kann sie auch unbewußt genannt werden.“ Mit anderen Worten: Frankl erklärt die Person für unbewusst, weil die Person zur Selbstobjektivierung und der damit verbundenen Reflexion nicht befähigt ist. Die erotische Liebe, das ethische Gewissen und das künstlerische (ästhetische) Gewissen haben nach Frankl (1999, S. 26) ihren Ursprung im Zentrum des menschlichen Seins, in der Tiefenperson.

In weiterer Folge hebt Frankl (2007, S. 337) hervor, dass die Person mit Körper und Psyche eine Einheit und Ganzheit bildet und sich nur in Verbindung mit dem Psychophysikum Ausdruck verschaffen kann. Außerdem geht er davon aus, dass es die Person ist, die erst die Einheit und Ganzheit der drei Seinschichten menschlicher Existenz gewährleisten kann. Wie sich die Person durch Körper und Psyche Ausdruck verschafft, kann kurz an einem Beispiel von Scheler erläutert werden. In seiner Kosmos-Schrift schreibt er, dass der Mensch als Person zu Ironie und Humor befähigt ist, „die stets eine Erhebung über das eigene Dasein einschließen.“ (Scheler, 2010, S. 34). Nun können Ironie und Humor, so wie viele andere Phänomene des menschlichen Bewusstseins objektiviert, dass bedeutet, von uns selbst beobachtet und reflektiert werden. Im Sinne Frankl’s wären Ironie und Humor und die damit verbundene Erhebung über das eigene Dasein durch einen unbewussten Akt der Tiefenperson initiiert und verschaffen sich durch das Psychophysikum Ausdruck.

2. Der Ursprung der Person

Wo hat nun die Person als stetiger Vollzug geistiger Akte ihren Ursprung? Wann tritt sie zu Körper und Psyche hinzu, um sich in der beschriebenen Weise Ausdruck zu verschaffen?
Bereits Scheler geht diesen Fragen nach. Er schreibt, dass das Zentrum von dem der Mensch aus die Welt, seinen Körper und seine Psyche zu objektivieren vermag, nicht selber der Welt zugehörig sein kann, sondern „es kann nur im obersten Seinsgrunde selbst gelegen sein.“ (Scheler, 2010, S. 35).

Im Anschluss an Scheler hat sich Frankl unter anderem in den ‘Zehn Thesen zur Person’ mit diesen Fragen auseinander gesetzt. In der dritten These beschreibt er jede einzelne Person als „ein absolutes Novum.“ (Frankl, 2007, S. 331). Der Körper und die Psyche werden von den Eltern bei der Zeugung an das neue Leben weitergegeben, aber die Person, als etwas jeweils ganz Neues, Individuelles und Einzigartiges ist nicht in diesem Sinne fortpflanzbar. Den obersten Seinsgrund Scheler’s fasst Frankl mit dem Begriff des ‘nunc stans’, in dem jede neue Person ihren Ursprung hat. Otto Zsok (2005, S. 166) beschreibt den Begriff des nunc stans als Ewigkeit ohne Anfang und Ende, „ – als stehende und dennoch sich im Werden befindliche unteilbare Gegenwart.“ Damit ist formuliert, dass die Person im Menschen als jeweils absolutes Novum letztlich göttlichen Ursprungs ist und im Zeugungsakt zum von den Eltern vererbten Psychophysikum hinzutritt. Während der Dauer eines Menschenlebens verbleibt die Person in ganzheitlicher Verbindung mit Körper und Psyche, verschafft sich durch sie Ausdruck und kehrt nach dem Tod wieder in ihren eigentlichen Ursprung zurück. Zsok (2005, S. 169) formuliert dies folgendermaßen: „ … was immer schon dem ewig Geistigen, dem ewig Göttlichen, angehört hat – nämlich der unzerstörbare Kern geistigen Menschentums, der substantielle ewige „Geistesfunke“ -, strebt nach dem Tode des Körpers zurück zu seinem geistigen Ursprung: „ins ewige Licht“.

Es ist eine interessante Frage, was es eigentlich bedeutet, wenn die Person, die nur im Prozess – als Vollzug geistiger Akte wirkliches Sein hat, in jedem Menschen als etwas ganz Neues, Individuelles und Einzigartiges aus dem göttlichen Ursprung in Erscheinung tritt. Meiner Einsicht nach kann dies eigentlich nur heißen, dass in jedem Menschen geistige Prozesse in einem unverwechselbaren ‘Wie’ ablaufen, die menschliches Welterleben bei allen Gemeinsamkeiten auf je neue und einzigartige Weise bestimmen.

Literatur

Frankl, Viktor, E. (1999) Der unbewußte Gott, Psychotherapie und Religion, München.

Frankl, Viktor, E. (2007) Ärztliche Seelsorge, Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. München.

Scheler, Max. (2010) Die Stellung des Menschen im Kosmos. Bonn.

Zsok, Otto. (2005) Was heißt, dass jede Person ein „Absolutes Novum“ ist? In: viktor frankl und die philosophie. Hrsg.: dominik batthyány, otto zsok. Wien und New York.

 

1. Dezember 2014          oliver beihammer