Von Hetta nach Inari - Ostern 2014


- Heargevárri, Øvre Anarjohka-Nationalpark, Norwegen -

Zuerst wollten Eeva Kaisa und ich zu Ostern dieses Jahres in die Hardangervidda. Als Martin Hülle schrieb, dass dort um diese Zeit viel los sei, änderten wir unseren Plan und entschieden uns für eine selten begangene Route viel weiter im Norden: ausgehend vom finnischen Hetta (Enontekiö) planten wir zuerst zum Pöyrisjärvi und dann durch den norwegischen Øvre Anarjohka-Nationalpark und die finnischen Muotkatunturit nach Inari zu wandern. Von einer früheren Tour wussten wir, dass auch in dieser Gegend Lapplands in der zweiten Aprilhälfte der Winter rasch zu Ende geht und in tiefen Lagen die Schneebedingungen sehr schlecht sein können. Aber auch dieses Wissen konnte uns von dem einmal gefassten Plan nicht abbringen. Im Vertrauen darauf, dass alles gut gehen würde, wollten wir das Wagnis eingehen …

Wir starteten in Hetta am 13. April. Die ersten beiden Tage zum Pöyrisjärvi über das Samendorf Näkkäla brachten viele Erinnerungen an das Jahr 2009. Auf unserem Weg nach Kautokeino waren wir damals auf einer ähnlichen Route unterwegs gewesen. Wir haben die Gegend um den Pöyrisjärvi bislang nur im Winter gesehen, aber für uns ist es eine der schönsten Gegenden in Finnisch-Lappland. Die riesige, weiße Fläche des Sees und die fernen, flachen Berge in der Umgebung vermitteln ein unvergleichliches Gefühl von Raum und Weite. Auch über Schneemangel konnten wir uns hier noch nicht beklagen, denn um die Hütte (Pöyrisjärven autiotupa) herum lag der Schnee so hoch, dass er den Ausblick durch die Fenster versperrte. Beim alten Lappendorf (vanha lapinkylä) am Kalkujärvi holte uns noch einmal der nordische Winter ein. In unseren dicken Daunenjacken machten wir im Windschatten der Hütten Rast, bevor wir uns an den Aufstieg auf den Valkamapää machten. Am Tag darauf überquerten wir beim Grenzstein Rr 335 die Grenze nach Norwegen und erreichten damit den Øvre Anarjohka-Nationalpark.


- Grenzstein Rr 335 -

Der Weg über die Hochebene des Riehttečearru ist mir besonders gut in Erinnerung. Die vielen Punkte am Báhtoaivi erkannten wir erst aus der Nähe als eine riesige Ansammlung weit über den Hügel verstreuter Rentiere. Der Same aus Kautokeino, der bald darauf in seinem Scooter neben uns hielt, meinte, es wären über fünftausend. Seine Offenheit war erstaunlich, denn die Samen sprechen nie über die Zahl ihrer Rentiere. Im östlichen Teil des Øvre Anarjohka mit Blick auf die runden Berge des Heargevárri und Gurbbeš wurde schließlich der Schnee doch weniger. Am Ostersamstag überschritten wir den flachen Passübergang südlich des Heargevárri und kämpften uns anschließend wegen der sehr dürftigen Schneelage auf alten Scooterspuren zum Inarijoki (weiter im Süden: Kietsimäjoki) hinunter, der hier die Grenze nach Finnland bildet. Die letzten fünf Kilometer entlang des Flusses zur Andreas Nilsen-Hytta wurden zu einem Abenteuer, welches wir uns am Ende dieses Tages gerne erspart hätten. Wegen des Schneemangels am Ufer mussten wir den an vielen Stellen bereits offenen, rauschenden Fluss mehrfach über manchmal unsicheres Eis queren. Das verlangte Vorsicht und einiges an Vertrauen, dass alles gut gehen würde. Als ich in der sonnigen Abendstimmung die Pulka über einen kleinen Hang vom Fluss zur Hütte hinaufzog, merkte ich erst, wie müde ich war.


- Andreas Nilsen-Hytta, Norwegen -

Als wir am Ostersonntag nach Angeli kamen, hofften wir zunächst, dass wir hier irgendwo auf einen Kaffee einkehren könnten. Aber wir wurden enttäuscht, denn Angeli besteht nur aus einigen wenigen Häusern, die am Feiertag großteils verlassen dalagen. Später stellte ich am Waldrand über dem Inarijoki das Zelt auf, während Eeva Kaisa am Fluss unsere Wasserflaschen füllte. Noch nie - so schien es mir - hatte ich die Abendsonne so rein und klar am Himmel stehen sehen wie in diesen Stunden. Nach einem langen Schitag kehrten wir am folgenden Abend in der Hütte am Kurtojoki (Kurtojoen autiotupa) in den Muotkatunturit ein, wo wir einen herrlichen Rasttag verbrachten. Am elften Tag unserer Tour genossen wir zuerst für einige Stunden beste Schneeverhältnisse (harter Firn mit einigen Zentimetern Neuschneeauflage) und überquerten noch zügig den Verkkojärvi, bis wir in tieferen Lagen in der Nähe des Mutusjärvi erneut auf sehr schlechte Bedingungen trafen.


- Verkkojärvi, Muotkatunturit, Finnland -

Nur mit Glück fanden wir in dem aperen, braunen Wald noch einige hartgepresste Schneeflecken, über die wir schließlich auf das noch dicke, blanke Eis des riesigen Sees gelangten. Noch weitere zehn Kilometer schlitterten wir über das glatte Eis des Mutusjärvi, bis wir schließlich in die kleine Bucht einbogen, an deren hinterem Ende das Holzhaus unserer Freunde Sirkka und Antti steht. Es war einer der Höhepunkte dieser Tour, als wir uns dem Haus näherten und die beiden bereits auf dem Balkon standen und uns erwarteten. Das letzte Stück des Weges nach Inari legten wir nach einem Rasttag wegen Schneemangel zu Fuß ohne Schier und Schlitten zurück. Dabei statteten wir auch der Holzkirche am Pielpajärvi (Pielpajärven erämaakirkko) einen Besuch ab, bevor wir schließlich auf das spiegelglatte Eis des Inarijärvi gelangten. Obwohl wir auch auf der Straße hätten gehen können, ließen wir es uns nicht nehmen, den letzten Kilometer über das gefährlich glatte Eis zu rutschen.


- Pielpajärven erämaakirkko, Finnland -

- Pielpajärven erämaakirkko, Innenansicht -

Als wir nach dreizehn Tagen Inari am 25. April erreichten, hatten wir auf der ganzen Tour außer den einheimischen Samen und einigen Fischern aus den nächstgelegenen Dörfern niemanden getroffen. Aber vor allem die weite Landschaft mit den sanft geschwungenen Bergkuppen (tunturit), den einsamen Flusstälern, den unzähligen Seen und den niedrigen Birkenwäldern hat uns in ihren Bann gezogen. Und so denken wir jetzt schon daran, nächstes Jahr zu Ostern wiederzukommen …

 

20. September 2014          oliver beihammer