SinnZENTRUM Salzburg, Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Philosophische Gesprächsrunde am 8.1.2015

Oliver Beihammer, Linoldruck ‘Nach den Sternen greifen’, 2008.

Was sind Werte?

Gedanken zur Wertethematik: Viktor Frankl (1905 – 1997) und Hans Joas (* 1948) im Vergleich.

Frankl orientiert sich in der Logotherapie und Existenzanalyse an der materialen Wertethik, wie sie von Max Scheler und Nicolai Hartmann vertreten wurde. Für ihn sind ästhetische und ethische Werte objektiv, dass heißt, sie existieren in einem eigenen Seinsbereich, unabhängig von menschlichem Sein und menschlicher Erkenntnis. In diesem Sinn sind Werte gegenüber den Akten der Werterkenntnis, die sich auf sie richten, transzendent. (Frankl, 2007, S. 85).
In Frankls Terminologie sind die Begriffe Wert und Sinn eng miteinander verknüpft. Er definiert Werte als „umfassende Sinnmöglichkeiten“ (Frankl, 2007, S. 89) und an anderer Stelle als „abstrakte Sinn-Universalien“ (2007, S. 90). Sinn kann in konkreten, einmaligen Situationen von bestimmten Menschen erfahren werden, wenn ‘dahinter liegende’, umfassendere Werte erkannt und verwirklicht werden. Frankl (2007, S. 91 – 95) hat für die Logotherapie die Werte in die ‘praxisnahen’ Kategorien der Erlebnis –, Schaffens – und Einstellungswerte unterteilt.
Frankl geht nun davon aus, dass der Mensch mit der intuitiven Fähigkeit ausgestattet ist, in jeder einmaligen Lebenssituation den ebenso einzigartigen Sinn dieser Situation zu erfassen – oder anders formuliert: objektive, für diese Situation geltende Werte zu erkennen und zu verwirklichen, um den Sinn dieser Situation zu erfahren. Dieses nur beim Menschen vorkommende Phänomen wird von ihm als das Gewissen bezeichnet. (Frankl, 2007, S. 87). Frankl räumt allerdings auch ein, dass sich das Gewissen irren kann. In diesem Fall wird ein für die Situation geltender Wert nicht erfasst. In Hinblick auf die drei Wertkategorien bedeutet dies, dass eine Erlebnismöglichkeit nicht wahrgenommen, eine Möglichkeit, auf bestimmte Weise schöpferisch tätig zu werden, nicht erkannt oder für eine besondere Lebenssituation keine passende Einstellung gefunden wird. Frankl (2007, S. 89) schreibt: „ … , er (der Mensch) muß das Risiko solchen Irrens auf sich nehmen und sich zu seiner Menschlichkeit, zu seiner Endlichkeit bekennen.“
Den anthropologische Tatbestand, dass der Mensch über seinen momentanen Ist-Zustand hinausgreifend, zu möglichen Werten hinstrebt, um dadurch Sinn zu verwirklichen, bezeichnet Frankl (2007, S. 213) als Selbsttranszendenz.

Für Joas ist die Annahme der materialen Wertethiker, dass es irgendwo ein ‘Reich der Werte’ gibt, in dem diese unabhängig von menschlichem Sein existieren, nicht glaubhaft. Für ihn sind Werte stark mit subjektive Werterfahrungen verbunden, dass heißt, es gibt sie dann, wenn Menschen sich an Werte gebunden fühlen oder sie zumindest in kulturellen Überlieferungen und Schriften niedergelegt sind. (Joas, 2006, S. 4).
Joas entwickelt seine Definition von Werten aus zwei allgemein menschlichen Erfahrungen. Zunächst beschreibt er das, was er das „passivische Element, die Erfahrung des Ergriffenseins“ (Joas, 2006, S. 2) nennt. Das für uns Wertvolle wird nicht aufgrund von Wahlentscheidungen gefunden, sondern es gewinnt dadurch an Wert, weil es uns auf besondere Weise packt oder ergreift. Deshalb beschreibt Joas (2006, S. 3) Werte als „attraktiv“ und als „hochgradig emotional besetzt“. Die affektive Dimension von Werterfahrungen ist wesentlich für Joas’ Verständnis von personaler Wertbindung. Das zweite Element ist das Phänomen, dass uns Wertbindungen nicht das Gefühl geben uns einzuschränken, sondern im Gegenteil ein Gefühl der Freiheit und besonders mit uns identisch zu sein, vermitteln (Joas, 2006, S. 2).
In Anlehnung an den amerikanischen Philosophen John Dewey, verweist Joas auf die seiner Ansicht nach wesentliche Unterscheidung zwischen einem Wunsch und dem Wünschenswerten. Faktische Wünsche zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich konkret auf dieses oder jenes beziehen und sich deshalb von Werten unterscheiden. Aus dieser Unterscheidung und den genannten Erfahrungen entwickelt Joas (2006, S. 3) seine Definition von Werten: „Werte sind stark emotional besetzte Vorstellungen darüber, was eigentlich wahrhaftig des Wünschens wert ist.“
Eine weitere zentrale Überlegung von Joas (2006, S. 4) besteht darin, dass Wertbindungen „in Erfahrungen der Selbstbildung und Selbsttranszendenz“ entstehen. Die Werte, die in Erfahrungen der Selbstbildung entstehen, sind jene, die im Lauf der Entwicklung von unseren engsten Bezugspersonen übernommen werden. Die Selbsttranszendenz bezeichnet nun jenes eigenständige Ergriffen-werden von bestimmten Wertvorstellungen, mit denen wir uns wieder von den Werten unserer Bezugspersonen distanzieren.

Es ist interessant zu sehen, dass trotz der Verschiedenheit der Ausgangspunkte bei Frankl und Joas der Begriff der Selbsttranszendenz in sehr ähnlicher Bedeutung verwendet wird. Auch lässt Joas’ Definition von Werten ebenfalls die Möglichkeit des von Frankl hervorgehobenen Irrtums offen. Wir erleben es tagtäglich, dass bestimmte Menschen oder Menschengruppen emotional besetzte Vorstellungen von Wünschenswertem haben, die von vielen anderen nicht geteilt werden.

Literatur

Frankl, Viktor, E. (2007) Ärztliche Seelsorge, Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. München.

Joas, Hans. (1997) Die Entstehung der Werte. Frankfurt.

Joas, Hans. (2006) Wie entstehen Werte? Wertebildung und Wertevermittlung in pluralistischen Gesellschaften.
http://fsf.de/data/hefte/pdf/Veranstaltungen/tv_impuls/2006_Ethik/Vortrag_Joas_authorisiert_061017.pdf

 

6. Januar 2015          oliver beihammer