Westwind - Sommer 2016

Der Campingplatz von Sinebjerg ist ein guter Ausgangspunkt für Kajaktouren südlich der dänischen Insel Fünen. Die Besitzerin des gepflegten Platzes ist sehr hilfsbereit, denn obwohl ich dort nicht mein Zelt aufschlug, durfte ich das Auto abstellen, den Wasserhahn benutzen und ihr verschiedene Dinge zur sicheren Aufbewahrung übergeben. Sie erzählte, dass der Campingplatz während des Winterhalbjahres immer geschlossen sei. Im Herbst gehe es dann jedes Jahr nach Kanada, weil sie dieses Land so liebe. Und den windigen und regnerischen dänischen Winter würden sie und ihr Mann immer zum Teil auf den Philippinen verbringen, weil es ihm dort so gefalle. Sie meinte, nur der Weihnachtsmann habe noch mehr Ferien als sie, denn der arbeite schließlich nur an einem Tag im Jahr ...


- Die Halbinsel von Dyreborg -

Nachdem ich die Nacht auf den 1. August am Rande einer Christbaum-Plantage verbracht hatte, begann ich in den Morgenstunden am windigen Strand von Sinebjerg den Kajak für die geplante einwöchige Paddeltour zu laden. Trotzdem dauerte es bis zum frühen Nachmittag, bis ich den Bug des Bootes in die heranrauschenden Wellen schob und die Fahrt begann. Die leichte Aufregung, die mit solchen Starts verbunden ist, bringt schon überwunden geglaubte, zwanghafte Charakterzüge immer noch zuverlässig ans Licht. Und bis dann mancherlei Dinge, die man für die Fahrt braucht, zumindest zum zweiten Mal überprüft sind, vergeht die Zeit. Einmal auf dem Wasser unterwegs, musste ich jedoch meine Gedanken schnell auf anderes richten. Der auffrischende Westwind schob kräftige Wellen an die Küste und ich musste achtgeben, nicht schon während der ersten Kilometer auf Grund zu laufen. Nach dem herausfordernden Start setzte ich jedoch im Lee der Halbinsel von Dyreborg entspannt zur Insel Bjørnø über und ließ mich anschließend von Wind und Wellen in die östlich gelegene Hansebugt hinübertreiben. Als ich am dortigen Badestrand angelandet war, fehlte mir jegliche Motivation, mich an diesem Tag noch einmal aufs Meer hinaus zu wagen, denn der Wind hatte sich inzwischen auf Stärke fünf gesteigert. Da die einladenden Wiesen dänischer Badeplätze nicht zum Campieren gedacht sind, stellte ich mein Zelt erst spät bei einbrechender Dunkelheit auf.


- Fünische Landschaft in der Hansebugt -

Der darauffolgende sonnige Tag mit dem anhaltenden Wind aus Westen versprach ein guter Paddeltag zu werden. Von Wind und Wellen geschoben überquerte ich zunächst ohne große Anstrengung den Nakkedølle Fjord. Anschließend paddelte ich entlang der Küste weiter und die malerische fünische Landschaft mit den sanften Hügeln, den gelben Kornfeldern und den tiefgrünen Laubwäldern zog auf der linken Seite an mir vorbei. Von der Gunst des Augenblickes dazu verleitet, gab ich mich mit der größten Selbstverständlichkeit dem Gedanken hin, dass beim Rückweg der Wind in anderer Richtung wehen oder zumindest viel schwächer sein würde. Am Nachmittag ging ich bei Lehnskov an Land, saß in der wärmenden Sonne und schaute den Segelschiffen zu, die in großer Zahl im Svendborg Sund verkehrten. Als ich später bei Svendborg die Nordspitze der gegenüber liegenden Insel Tåsinge umrundete, waren an den Stränden und auf dem Wasser viele Menschen unterwegs, die offensichtlich das wunderbare Wetter genossen - eine lichte und heile Welt, wie mir schien. Am Abend paddelte ich schließlich noch an den prunkvollen, herrschaftlichen Gebäuden von "Valdemars slot" vorbei. Erst später erfuhr ich, dass es sich hier um eine der schönsten Schlossanlagen Fünens handelt. Da in der Nähe der Anlage kein brauchbarer Zeltplatz zu finden war, überquerte ich trotz meiner Müdigkeit noch die Lunkebugten und landete schließlich am flachen Strand von Stenoddens Sommerland an. Die sauber gemähte Wiese mit dem dazu gehörigen Picknick-Tisch bot alles, was ich mir für die bevorstehende Nacht wünschte.


- Rastplatz bei Lehnskov -

Stenoddens Sommerland ist ein großes Areal, das von rechtwinkelig verlaufenden Straßen in viele kleinere Grundstücke geteilt wird. Hinter den oft ebenso rechtwinkelig geschnittenen Hecken befinden sich überaus saubere Sommerhäuser, die von Erholungsbedürftigen und Rentnern bewohnt werden. Als ich versuchte, an dem verregneten Morgen jenes Mittwochs dort etwas Trinkwasser zu bekommen, wirkte das Ganze geradezu gespenstisch verlassen. Schließlich traf ich auf einen Mann mit einem Hund, der mir zuerst zu Wasser verhalf und mir anschließend von seinen Reisen nach Nordwestgrönland erzählte. Zwei Mal sei er in Siorapaluk, der nördlichsten bewohnten Siedlung der Welt gewesen, einem winzigen Ort, in dem nur einige Jägerfamilien lebten. Im Winter könne man von Quaanaaq aus nur mit dem Hundeschlitten dorthin gelangen, berichtete er, und ich hörte fasziniert seinen Erzählungen zu. Nachdem ich mich von ihm verabschiedet hatte, fragte ich mich, wie lange man sich nach solchen Abenteuern damit zufrieden geben könnte, die Ferien in der wohlgeordneten Welt von Stenoddens Sommerland zu verbringen. Da es am Vormittag in Strömen regnete, beschloss ich, mich an diesem Tag nicht auf das Wasser zu begeben. Stattdessen holte ich die wasserdicht verstauten Bücher zu den Vorsokratikern aus dem Kajak und beschäftigte mich einige Stunden mit der Weltsicht antiker Philosophen. Später am Tag erhielt ich noch Besuch von einem älteren Herrn, der ebenfalls hier die Sommermonate verbrachte. Als ich nach einer Weile den Grönlandfahrer vom Vormittag erwähnte, meinte er, dass auch er in den Jahren 1964/65 ein Jahr auf Grönland verbracht hätte - als Elektriker auf der amerikanischen Thule-Airbase. Ich fragte ihn schließlich, ob er nach mehr als 50 Jahren noch einmal nach Grönland zurück wollte. Vielleicht wäre es möglich, sagte er, und ich glaubte, in seiner Stimme eine leise Sehnsucht zu vernehmen. Er müsse aber zuerst mit seiner Frau sprechen, meinte er abschließend. Am Abend fand ich am Strand viele Feuersteinknollen, die hier an der Küste überall vorkommen und die von der Bewegung des Wassers zu runden Formen geschliffen werden. Vom Aufenthalt in Ostgrönland im letzten Jahr wusste ich, das die Paleo-Eskimos vor Jahrtausenden dieses Material zur Herstellung ihrer Werkzeuge verwendet hatten.   


- Fünischer Flint -

Der nächste Morgen zeigte sich immer noch stark bewölkt, aber zumindest hatte der Regen aufgehört. Da auch der Wind nachgelassen hatte, schob ich den Kajak um 10.00 Uhr ins Wasser, mit der Absicht, heute eine längere Strecke zurückzulegen. Die ersten Kilometer kam ich auf der Ostseite von Tåsinge gut voran, aber als ich die Landspitze von Færgeodde umrundete, wehte mir aus dem Siø Sund ein kräftiger Wind entgegen, der schlagartig wieder Zweifel an diesem Vorhaben aufkommen ließ. Ich schaffte es gerade noch, bis zum kleinen schützenden Hafen von Vemmenæs zu gelangen, wo ich unter dem Vordach der Holzhütte am Parkplatz auf bessere Zeiten wartete. Der unfreiwillige Aufenthalt an dem windgeschützten Platz gab mir jedoch die Gelegenheit, mich aufs Neue der antiken Philosophie zu widmen. Als mir am Nachmittag schien, dass sich Wind und Wellen etwas beruhigt hatten, verstaute ich die Bücher wieder und unternahm einen neuerlichen Versuch, in südwestlicher Richtung zur Landspitze von Stjovl Knude zu gelangen. Ich paddelte bis zur Brücke, die nach Langeland hinüberführt, aber als ich von der windgeschützten Seite im Siø Sund zwischen den massiven Betonpfeilern die Durchfahrt wagen wollte, brandeten mir Wind und Wellen mit einer solchen Stärke entgegen, dass ich ein weiteres Vorankommen für diesen Tag ein für alle Mal aufgab. Auf dem Weg zurück zum Hafen kamen mir zwei deutsche Kajakfahrer entgegen, die noch zur weiter südlich gelegenen Insel Strynø weiterpaddeln wollten. Ihr Angebot, mit ihnen zu kommen, lehnte ich dankend ab, denn ich hatte mich bereits dafür entschieden, die Nacht unter dem Hüttendach am Hafen zu verbringen. Zudem erschien mir bei diesen Bedingungen die mehrere Kilometer lange Überfahrt nach Strynø als zu riskant.


- Der Sjø Sund und die Brücke nach Langeland -

Nach den rauen Bedingungen der vergangenen Tage hatte sich das Wetter am 5. August deutlich gebessert. Bei wenig Wind paddelte ich ohne Schwierigkeiten unter der Brücke nach Langeland hindurch und ging bald darauf bei Stjovl Knude kurz an Land. Die seichten Gewässer des Tåsinge Grund lagen ruhig und still vor der Küste und einige Gewitterwolken, die im Süden über der Insel Strynø hinwegzogen, verdeckten die Sonne nur für kurze Zeit. In Vårø Knude, der südlichsten Landspitze von Tåsinge, hielt ich Mittagsrast. Unweit von mir saß ein älteres Ehepaar, das sich den beschaulichen Platz für ein Picknick ausgesucht hatte. Die beiden schienen für irgendwelche Gespräche nicht die geringste Lust zu verspüren und gaben sich äußerst wortkarg. Nach einer Weile stiegen sie ohne Abschiedsgruß in ihr kleines Motorboot und verschwanden hinter der nächsten Landspitze. Auf dem Weg nach Norden Richtung Vornæs Skov legte der Wind von Westen her wieder deutlich zu, hielt sich aber soweit in Grenzen, dass ich ohne großes Zögern die zwei Kilometer lange Querung über den Svendborg Sund anging. In sicherem Abstand wartete ich noch, bis das von Aerø kommende Fährschiff passiert hatte. Ich schaukelte im Kajak in den vom Schiff verursachten meterhohen Wellen auf und nieder und setzte anschließend zügig meine Fahrt fort, um keinem der vielen anderen hier fahrenden Schiffe in die Quere zu kommen. Als ich bei Lehnskov wieder die Küste von Fünen erreichte, begann die harte Paddelarbeit gegen den Wind. Ich legte bereits nach zwei Kilometern am sonnigen Badestrand von Ballen an, und wegen der Annehmlichkeiten, die ich hier vorfand (Toilette und Trinkwasser!), beschloss ich alsbald, die Nacht hier zu verbringen. An dem schönen Strand waren viele nette Dänen unterwegs, so auch eine ältere Dame, die sich offensichtlich um mein Wohlergehen sorgte. Sie drückte mir 20 Kronen in die Hand und meinte, sie hätte jetzt nichts anderes, was sie mir geben könnte, aber davon sollte ich mir wenigstens einen Eislutscher kaufen.


- Am Badestrand von Ballen mit Blick auf Skarø -

Am nächsten Morgen regnete es wieder in Strömen und das Laden des Kajaks gestaltete sich daher etwas mühsam. Der gestrige Wind war jedoch soweit abgeflaut, dass ich während der ersten sechs Kilometer entlang der Küste gut vorankam, und nach einer Weile verzogen sich die Regenwolken wieder und die Sonne kam zum Vorschein. Als ich mich jedoch anschickte, erneut den Nakkedølle Fjord zu queren (dieses Mal in anderer Richtung), hatte indessen der Wind so zugenommen, dass von genussvollem Paddeln keine Rede mehr sein konnte. Um meine Kräfte zu schonen, fuhr ich die mir entgegenkommenden Wellen etwas schräg an und wurde dadurch weit ins Innere des Fjordes abgedrängt. Dafür erwartete mich bei Dybskrog ein wunderschöner Platz, um für eine Mittagspause an Land zu gehen. Ich saß an dem sonnigen Strand unter großen jahrhundertealten Laubbäumen, die kräftig über mir im Wind rauschten. Nach der erholsamen Rast gewährte mir die windgeschützte Bucht einen leichten Start. Als ich mich aber wieder der exponierten Südküste näherte, machte der inzwischen noch stärkere Gegenwind ein weiteres Vorankommen fast unmöglich. Unter Aufbietung aller Kräfte kämpfte ich mich noch die zwei Kilometer bis zur Insel Kidholm voran. Als ich dort jedoch den Bug des Kajaks nach Norden drehte, um noch den allerletzten Kilometer bis zu meinem ersten Zeltplatz zu schaffen, hatte ich die Grenze meiner Möglichkeiten erreicht. Meine Kräfte schwanden dahin und damit war die Gefahr zu groß, dass mich die von links anrollenden Wellen mit der Längsseite des Bootes an die steinige Küste drückten. Ich landete noch sicher an und zog daraufhin das Boot zum Schutz gegen die Wellen etwas höher den grasigen Hang über dem Strand hinauf. Es war noch nicht spät am Nachmittag und ich hoffte, später meine Fahrt bei besseren Bedingungen fortsetzen zu können. Aber auch als die Sonne nach einigen Stunden schon tief im Westen stand, war von einem Nachlassen des Windes keine Rede. Schließlich erkannte ich, dass sich die Verhältnisse heute nicht mehr viel zum Besseren wenden würden und richtete mich einigermaßen gemütlich im Zelt ein.


- Die Insel Kidholm vor der Südküste von Fünen -

Nach dem gestrigen sonnigen Abend begann der letzte Paddeltag wieder stark bewölkt. Zumindest hielt sich der Wind soweit in Grenzen, dass mir an diesem Sonntag ein ruhiger Start gelang. Ich querte die Hansebugt und paddelte anschließend am Nordufer des Faaborg Fjordes entlang. Meine Hoffnungen, im Inneren des Fjordes ruhigere Bedingungen vorzufinden, wurden nicht enttäuscht. Als ich im stillen Wasser des Hafens von Faaborg an den dort vor Anker liegenden Schiffen vorüberglitt, war von dem übers Land pfeifenden Wind kaum noch etwas zu spüren. Leicht brachte ich die wenigen Kilometer bis nach Dyreborg hinter mich und wagte danach noch einen Versuch, die Landspitze von Knolden in Richtung Sinebjerg zu umrunden. Einen halben Kilometer vor dem exponierten Felsen pfiff mir jedoch wieder der inzwischen wohlbekannte Westwind entgegen, der meterhohe Wellen vor sich herschob. Da ich keine Lust mehr verspürte, mich auf den letzten Kilometern noch diesen Gefahren auszusetzen, machte ich kehrt und flüchtete auf das ruhige Wasser des Noret, eines von Wind und Wellen geschützten Binnensees, der an der Westseite durch eine schmale Landbrücke vom Meer getrennt ist. Bei der Straße am Damm mit den vielen kleinen Wochenendhäusern zog ich den Kajak an Land und erklärte die Tour für dieses Mal für beendet. Anschließend ging ich zu Fuß über kleine Straßen die wenigen Kilometer nach Sinebjerg. Von dem erhöhten Weg blickte ich hinunter auf das tosende Meer, auf dem überall weiße Schaumkronen zu sehen waren, und ich bereute meine Entscheidung nicht. Als ich eine Stunde später meinen Kajak mit dem Auto abholte, traf ich eine Frau aus Innsbruck, die sehr davon angetan war, weit von der Heimat einen Tiroler zu treffen, der hier mit dem Boot unterwegs war. Diese Begegnung überzeugte mich vollends, dass es gut gewesen war, die Fahrt hier zu beenden.


- Kurz vor dem Ende der Fahrt -

Nachdem ich am Campingplatz von Sinebjerg eine angenehme Nacht verbracht hatte, fuhr ich am Morgen des 8. August nach Odense, um dort am Bahnhof Eeva Kaisa abzuholen, die die letzten Wochen in Finnland verbracht hatte. Von Odense ging es weiter nordwärts nach Hirthals, von wo am Tag darauf unser Schiff nach Island abfuhr. Auch hier im nördlichsten Teil Dänemarks war es sehr windig und das aufgewühlte weiße Meer schob gigantische Brecher an die sandige Küste. Nie zuvor hatte ich die unvorstellbare Kraft des Meeres so erlebt wie hier.


- Ein bewegtes Meer auf der Überfahrt nach Island -

 

22. November 2016          oliver beihammer