Wieder in den Øvre Anarjohka - Ostern 2015

Wie im vergangenen Jahr führte uns die diesjährige Osterreise erneut in den norwegischen Øvre Anarjohka-Nationalpark und die benachbarten Gebiete in Finnland (Pöyrisjärven erämaa alue, Muotkatunturin erämaa alue). Der Øvre Anarjohka ist ein altes Rentierzuchtgebiet der Samen, die daher hier im Winter ein Bleiberecht haben. Zusammen mit dem angrenzenden Lemmenjoki-Nationalpark in Finnland ist der Øvre Anarjohka das größte Wildnisgebiet Nordeuropas. Im Winter trifft man außer den Samen, die sich dort mit ihren Rentieren aufhalten, kaum auf andere Menschen.


- Wohin führt uns unser Weg? -

Nach einem inzwischen zur Tradition gewordenen Zwischenstopp bei unseren Freunden Paula und Juha in Vantaa bei Helsinki kamen wir am Nachmittag des 28. März in Hetta an. Obwohl die Sonne um diese Jahreszeit auch im Norden schon kräftiger wärmt, lag noch gut ein Meter Schnee. Allem Anschein nach gute Bedingungen für unsere geplante Tour in den Øvre Anarjohka! Nur die langwierige Erkältung, die Eeva Kaisa noch etwas plagte, trübte die Stimmung etwas. Wie würde es ihr gehen, wenn wir morgen zu unserer Schiwanderung aufbrachen?
Als ich am Abend in der kleinen Küche des Hetan Majatalo das Abendessen zubereitete, hörte ich, wie draußen an der Rezeption ein Berliner, der seit Jahren zum Langlaufen nach Finnland kommt, mit der Wirtin unserer Unterkunft sprach. Wie ein Wasserfall erzählte er auf Deutsch von seinen bisherigen Erlebnissen. Dazwischen versuchte Tina ihm ein paar Wörter der Landessprache beizubringen und meinte "Hyvä päivää" heiße "Guten Tag" auf Finnisch. Der Langläufer machte ein paar Versuche die zwei Wörter auszusprechen, gab aber bald auf, um mit seinen Ausführungen auf Deutsch fortzufahren. Später fragte ich Tina, ob sie denn alles verstehen könne, was ihr der gesprächige Gast so erzählt. Daraufhin meinte sie nur: "I don't understand all what he says but I do understand all what he means."

Am Morgen des Palmsonntags war das schöne Wetter starker Bewölkung gewichen. Nachdem das Packen des Schlittens leicht von der Hand gegangen war, marschierten wir am späten Vormittag in Richtung Vuontisjärvi los. Trotz des schweren Schlittens glitten wir zügig auf der harten Spur über den Ounasjärvi dahin. Wir brachten die 18 Kilometer nach Vuontisjärvi ohne Schwierigkeiten hinter uns und stellten am späten Nachmittag am Seeufer das Zelt auf. Glücklicherweise stellten wir am Abend fest, dass Eeva Kaisas Erkältung trotz der Anstrengung fast verschwunden war.

Anderntags verließen wir Vuontisjärvi bei trübem Wetter in Richtung der Autiotupa (Selbstversorgerhütte) am Staalojärvi. Die ersten Kilometer hielten wir uns entlang des Pöyrisjoki, was wegen des tiefen Schnees auf dem Eis bald sehr anstrengend wurde. Daraufhin verließen wir den Fluss und folgten durch den dichten Wald der Kompassrichtung nach Nordost, so gut es eben ging. Das Vorankommen war wegen des weichen, feuchten Schnees sehr mühsam und als wir vom Wald auf freie Flächen (im Sommer Sumpfland) auswichen, wurde es zunehmend schwieriger, unsere Richtung zu halten. Die Landschaft verschwamm im Nebelgrau, es schneite immer wieder und wir bewegten uns nur im Schneckentempo vorwärts. Am späteren Nachmittag hatten wir uns endlich in freieres Gelände vorgearbeitet, aber trotz besserer Sicht und Einsatz des Kompasses gelang es mir nicht, die wolkenverhangene Landschaft mit der Karte in Übereinstimmung zu bringen. Kurz gesagt wusste ich nicht mehr genau, wo wir waren! Nun rächte es sich, dass ich in einer Art von überheblicher Nachlässigkeit ("Diese Hütte wird schon nicht so schwer zu finden sein ...") die Koordinaten unseres Zielortes nicht in das GPS-Gerät eingespeichert hatte. Schließlich fragte Eeva Kaisa über eine wackelige Handyverbindung bei unseren Freunden Sirkka und Antti in Inari die Daten an, die wir eine Viertelstunde später auch erhielten. Als ich diese mit eisigen Fingern in das GPS-Gerät eingegeben hatte, stellte sich heraus, dass wir uns noch etwa fünfeinhalb Kilometer südlich der Hütte befanden. An besseren Tagen kein Problem, aber nach neun Stunden Plackerei und diesen lausigen Bedingungen war für heute Schluss! Wir verabschiedeten uns von der Vorstellung, die kommende Nacht in einer gemütlichen Hütte zu verbringen und stellten enttäuscht im Schneetreiben erneut das Zelt auf.

Der kurze Weg zum Staalojärvi war am nächsten Tag trotz der schlechten Sicht und zeitweiligen Schneetreibens leicht zu machen. Wir bezogen die Hütte und ließen es uns nach dem gestrigen anstrengenden Tag gut gehen.
Ich fand unter der Hütte einen halbvollen Benzinkanister und da mir schien, dass unsere Brennstoffvorräte während der vergangenen Zeltnächte rasch dahingeschmolzen waren, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, etwas davon in unseren sauberen Primus-Benzin zu mischen. Eine Schnapsidee, wie sich bald herausstellte! Auch in starker Verdünnung sonderte das Zeug beim Verbrennen ein dunkles, klebriges Öl ab und nur mit Glück konnte ich unseren Kocher weiterhin in Schwung halten.


- Finnische Autiotupa am Staalojärvi -

Am 1. April bot sich uns auf dem Weg vom Staalojärvi zur Autiotupa am Tsheärbmakjohka (Lenkihaka) das gleiche Bild wie bisher: viel zu warmes, trübes Wetter und in tieferen Lagen schlechte Schneebedingungen. Von der Hütte mühten wir uns zunächst bei schlechter Sicht und schwerem Schnee durch bewaldetes, hügeliges Gelände. Erst als wir den Suukisjoki überquert und zwischen den Fjellbergen des Patavaara (auch Risuvaara) und Suukisvaara an Höhe gewonnen hatten, kam zeitweilig die Sonne zum Vorschein und wir erhaschten einen Blick auf die umliegende, weite Landschaft. Schließlich ließen wir die Bäume hinter uns und kamen auf dem windgepressten Schnee der freien Hochebene zügig voran. Dort sahen wir viele Rentiere, die in Wind und Schnee nach spärlichen Flechten gruben und in langen Reihen gemächlich an den Nordhängen des Suukisvaara entlangzogen. Als wir die Hütte am Westhang des Lenkihaka bereits im Blick hatten, mussten wir wieder in die bewaldeten Niederungen mit miserablen Schneebedingungen hinunter. Der Schnee klebte so heftig an den Schiern, dass die letzten 200 Meter über den kleinen See zur Hütte noch zur Schwerarbeit wurden.

In der Autiotupa am Tsheärbmakjohka verbrachten wir nach den Mühen der vergangenen Tage einen erholsamen Rasttag und sammelten Kräfte für den Weg über die norwegische Grenze in den Øvre Anarjohka. Der Tag zeigte sich trüb und wolkenverhangen und wie bisher viel zu warm. Bei Plusgraden tropfte es den ganzen Tag vom Dach!


- Die finnische Staatsforstverwaltung (Metsähallitus) erhält die  Selbstversorgerhütten. -

Am Karfreitag zeigte das Thermometer am Morgen endlich ein paar Minusgrade und die Schneeverhältnisse hatten sich deutlich gebessert. Bei vorerst guter Sicht stiegen wir nordwärts in Richtung der norwegischen Grenze auf. Als wir jedoch die Höhe des Juoluvaara erreicht hatten, hüllte uns wieder dichter Nebel ein und nur der Kompass wies uns für die nächsten Kilometer den Weg. Trotzdem erreichten wir die EU-Außengrenze wie geplant am Westhang des Rávdoaivi. Mit vereinten Kräften hoben wir unsere Pulka über den Rentierzaun und bei zunehmend sonnigerem Wetter ging es nun zügig voran, bis wir an das Südufer des Gavdnjajávri kamen - dem größten See im Øvre Anarjohka-Nationalpark. Obwohl ich schon größere Seen im winterlichen Lappland gesehen habe, machte die im hellen Sonnenlicht daliegende, weiß glitzernde Schneefläche einen tiefen Eindruck auf mich. Wie schon öfter zuvor, war es wieder die stille, große Erhabenheit der weiten Landschaft, die mich so berührte und plötzlich kam der Wunsch in mir auf, diese Gegend auch einmal im Sommer zu sehen. Am Nordufer des Sees bemerkten wir neben einer verfallenen Samenhütte einige Schispuren, die - wie wir später erfuhren - von vier Norwegern stammten, die auf dem Weg zum Nordkap waren. Bald darauf trafen wir auf eine große Anzahl von Rentieren, die den hier lebenden Samen gehören. Da es für die Tiere um diese Zeit schwierig ist, genügend Nahrung zu finden und ihnen jede zusätzliche Bewegung viel Energie kostet, bemühten wir uns, in gebührendem Abstand an ihnen vorbeizuziehen. Nachdem wir auf der linken Seite den flachen Hügel des Akšoláhpponvárri hinter uns gelassen hatten, fanden wir schließlich die Spur, die zum Samenlager am Bávttajohka führt.
Einen Kilometer vor den Hütten brauste uns auf einem Motorschlitten ein junger Same entgegen, wie sie leicht an ihren dicken Kapuzen aus Rentierfell zu erkennen sind. Da uns letztes Jahr eine junge Frau erzählt hatte, dass es hier eine Übernachtungsmöglichkeit für müde Wanderer gebe, erkundigte ich mich bei ihm danach. Ja, es gebe hier eine alte Hütte, in der man bleiben könne, meinte er in holprigem Englisch und brauste auf seinem Gefährt bald wieder davon. Später wies uns ein älterer Mann mit Handzeichen den Weg zu einem etwas desolaten Haus, vor dem sich Haufen von geschnittenem Birkenholz türmten. Als wir bereits drinnen saßen, hörten wir draußen Motorlärm und einen Hund, die Tür ging auf und der junge Mann von vorhin kam herein. Ich fragte ihn, ob wir hier richtig seien und er sagte vorerst nur: "Yes!" Selten habe ich nach einem langen Schitag so gut geschlafen wie in Jørgens alter Hütte. Die junge Frau vom Vorjahr war in diesem Winter nicht hier, weil die beiden vor zwei Monaten Nachwuchs bekommen hatten.


- Rentiere am Nordufer des Gavdnjajávri -

Am folgenden Tag war Jørgen bereits um vier Uhr morgens losgezogen, um nach seinen Rentieren zu sehen, kam aber zum Frühstück noch einmal vorbei, um seine "Ostergäste" zu verabschieden. Die Begegnung mit ihm und seine Gastfreundschaft erscheint mir im Rückblick als eines der schönsten Dinge dieser Reise. Obwohl sich das Wetter im Laufe des Vormittages wieder verschlechterte, brachten wir die sechs Kilometer bis zu Ostufer des Hárdilanjávri (den wir auch im Vorjahr besucht hatten) gut hinter uns. Von hier hielten wir uns nordwärts und da sich die Landschaft zunehmend mehr in Nebel hüllte, wurde die Orientierung wieder schwieriger. Nach einigen Stunden trafen wir unvermutet auf einen See, den ich zweifelsfrei als den auf der Karte verzeichneten Geađgeborjávrrit identifizieren konnte. Damit waren wir etwa einen Kilometer westlich der geplanten Route, aber immer noch gut auf Kurs. Wir kämpften uns durch den nassen, schweren Schnee über den See und trafen dort auf zwei Motorschlittenfahrer, die uns baten, für zwei Kilometer ihrer Spur nach Nordwesten zu folgen, damit wir ihren umherziehenden Rentieren nicht in die Quere kämen. Nachdem wir für eine Weile ihrer Spur gefolgt waren, mühten wir uns am Ende des Tages bei miserablen Schneebedingungen noch einen Kilometer den Giđđavárri hinauf, der der Hochebene des Skielgan südlich vorgelagert ist. Nachdem wir im dichten Nebel für die Osternacht unser Zelt aufgebaut hatten, wollte unser Kocher wegen der unseligen Benzinmischung nicht mehr funktionieren. Mit viel Glück brachte ich ihn mit dem noch vorhandenen sauberen Benzin wieder zum Gehen, worüber wir über alle Maßen glücklich waren. Danach konnte es mich auch nicht mehr schrecken, dass ich vor dem Einschlafen noch den Regen aufs Zeltdach trommeln hörte.


- Jørgens "alte Hütte" -

5. April, Ostersonntag. Der heutige Tag brachte die ersehnte Wende. Auf dem Weg von unserem Zeltplatz hinauf zum Skielgan wurden die Schneebedingungen deutlich besser. Als wir auf der Hochebene anlangten, hatten sich die Nebel bereits soweit gelichtet, dass wir unser nächstes Ziel, den langgezogenen Rücken des Áibmečearru in sieben Kilometer Entfernung deutlich sehen konnten. Ich war glücklich, nach dem gestrigen Tag mit schlechtem Wetter endlich wieder auf ein sichtbares Ziel zusteuern zu können. Im Flusstal des Aibmejohka - das es vor dem Anstieg auf den Áibmečearru zu queren gilt - brachen wir immer wieder durch den Harschdeckel in den darunterliegenden weichen Schnee ein. Es gelang mir jedoch, aus dem teilweise offenen Bach ein paar Flaschen guten Trinkwassers zu holen. Auf dem weiteren Weg wärmte uns die im Süden stehende Sonne den Rücken und die abziehenden Wolken gaben den Blick auf eine wunderbare, weite Landschaft frei, die wir nun umso mehr genossen. Von der Anhöhe des Áibmečearru hatten wir einen unvergesslichen Ausblick in alle Richtungen. Im Süden glänzte die Hochfläche des Skielgan und die flachen Fjellberge des Øvre Anarjohka (Gurbbeš, Heargevárri) und nordwärts sahen wir den nach Osten verlaufenden Rücken des Njoammelčearru, über den unser Weg nach Finnland zurückführen sollte. Etwas später trafen wir auf einen Samen aus Karasjok, der uns erzählte, dass er auf dem Weg zu einem Freund sei, der hier in der Nähe eine Hütte hätte. Als wir unseren Weg fortsetzten, dachte ich darüber nach, wie es wäre, hier zu leben - immer unterwegs mit den Rentieren in dieser ruhigen, abgeschiedenen Gegend. Nachdem wir den höchsten Punkt des Rávotčohkka überschritten hatten, kreuzten wir am späten Nachmittag eine Spur, die nach Karasjok führte. Nach einer weiteren Stunde bauten wir schließlich an den Südhängen des Njoammelčearru unser Lager für die Nacht auf. Später am Abend sahen wir das erste Mal auf dieser Tour das Nordlicht und im Süden stieg über den runden Bergen des Øvre Anarjohka ein großer, orangefarbener Mond auf. Ich konnte nicht widerstehen, ein paar Mal die Kamera darauf zu richten - nur um an den Ergebnissen die Vergeblichkeit eines solchen Tuns zu erkennen!


- Die runden Fjellberge des Øvre Anarjohka -

Am Morgen des Ostermontags schien die Sonne vom fast wolkenlosen Himmel und wir gaben uns dem Gedanken hin, heute noch die finnische Grenze zu erreichen. Andererseits wussten wir jedoch, dass irgendwann das Vorankommen wegen der Tageserwärmung und dem weichen Schnee nur mehr schwer möglich sein würde. Zunächst aber bescherte uns die vergangene, kalte Nacht eine schnelle Abfahrt von unserem Zeltplatz in die bewaldeten Niederungen des Čealmebealjohka. Als wir uns am frühen Nachmittag einem kleinen See südlich des Čealmebealskaidi näherten, begann der nur oberflächlich gefrorene Schnee wieder unter unserem Gewicht zu brechen. Mehrfach kreuzten tiefe Elchspuren unseren Weg, die davon zeugten, dass sich auch diese mächtigen Tiere mühsam ihren Weg durch den nassen Schnee bahnen mussten. Kurz bevor wir das Flusstal des Goššjohka erreichten, ließen wir uns an einem Baum zu einer Rast nieder und tankten in der Frühlingssonne Kräfte für die nächsten Kilometer auf dem Fluss. [Der Goššjohka ist einer größten Flüsse der Region. Er entspringt im Øvre Anarjohka und mündet schließlich in den Inarijoki, der für Hunderte von Kilometern die Grenze zwischen Norwegen und Finnland bildet.] Obwohl das Vorankommen auf dem Fluss wegen des teilweise offenen Wassers nicht leicht war, schafften wir an diesem Tag noch acht Kilometer. Die Spur, die einige Fischer auf dem Eis hinterlassen hatten, war für uns leider nur zum Teil nutzbar. Die Antriebswalzen ihrer Motorschlitten hatten eine tiefe Rinne in den weichen Schnee gefräst, in der unsere Pulka stellenweise wie ein Keil klemmte und nicht mehr voranzubringen war.
Als ich in der Abendsonne am Flussufer das Zelt aufbaute, brauste ein rauchender Motorschlittenfahrer in Turnschuhen über das Eis daher. Er hätte nicht erwartet, hier jemanden zu treffen, sagte er auf Englisch und erzählte anschließend von seiner Wochenendhütte in der Gegend und seiner Arbeit als Busfahrer in Karasjok. Als er mit Vollgas wieder davonfuhr, gab das Eis unter dem Gewicht seines Gefährts stellenweise nach und das Wasser spritzte nach allen Seiten. Dies war unsere letzte Zeltnacht in Norwegen mit jeder Menge gutem Trinkwasser, das wir aus dem offenen Fluss schöpften.


- Zeltleben am Goššjohka -

Als Ziel des heutigen Tages erhofften wir die Stuorraäytsi-Autiotupa im finnischen Muotkatunturi-Gebiet (Muotkatunturin erämaa-alue) auf der anderen Seite der Grenze zu erreichen. Wir malten uns aus, morgen in dieser Hütte nach fünf anstrengenden Wandertagen einen Ruhetag zu verbringen. Da wir dorthin noch einen langen Weg vor uns hatten, brachen wir früh auf und folgten zunächst der vorhandenen Spur auf dem Fluss. Wegen gefährlicher Stellen offenen Wassers mussten wir uns aber immer wieder selber mühsam einen Weg bahnen. Nach wenigen Kilometern brach ich trotz aller Vorsicht in der Nähe des Ufers durch das schneebedeckte Eis. Schon stand ich mit beiden Beinen bis zu den Knöcheln im Wasser, konnte mich aber durch einen schnellen Sprung aus der Misere retten, bevor ich bis auf die Knochen nass war. Nahe der finnischen Grenze biegt sich der Goššjohka nach Norden und bei Jorrgástat sahen wir am linken Flussufer einige Wochenendhäuser, die in Norwegen auch in entlegenen Gegenden auffallend gut gepflegt sind. Kurz darauf erreichten wir den Inarijoki und nachdem wir die rechte Uferböschung überwunden hatten, waren wir wieder in Finnland.
Die nur aus einigen wenigen Häusern bestehende Ortschaft auf der finnischen Seite der Grenze ist auf der Karte mit dem Namen "Aslakkala" verzeichnet. Wir ließen uns auf den Brettern vor einer Scheune nieder und bald ging die Tür auf und ein alter Mann trat heraus. Er erzählte uns, dass er all die hölzernen Transportschlitten rund um den Schuppen repariere und immer genug zu tun habe. Der Alte war sehr gesprächig und als er hörte, dass wir uns auf Deutsch unterhielten, meinte er, dass die Deutschen im Krieg in Norwegen gerne die von seinem Vater gefangenen Schneehühner gekauft hätten. Auch sei er früher ebenfalls viel mit Schiern unterwegs gewesen, aber nie nur aus "Lust an der Sache".
Das Thermometer in Aslakkala zeigte bei bedecktem Himmel +8°C und wir folgten auf unserem Weiterweg dankbar der Spur, die hinter den Häusern in unsere Richtung führte. Nach dem ersten Anstieg merkten wir jedoch bald, dass sie nicht direkt zu unserem Ziel, sondern nordwestlich auf die Anhöhe des Guoldnáskaidi führte. Trotz dieser Unsicherheit blieben wir auf der Spur, denn das GPS-Gerät zeigte, dass wir uns der Stuorraäytsi-Autiotupa immerhin näherten. Außerdem wäre bei diesen Plusgraden das freie Gelände für uns nicht zu begehen gewesen. Auf dem weiteren Weg stieg die Spur beständig an und irgendwann erkannten wir, dass sie auf den nächsten, westlich von uns liegenden, flachen Berg führte. Als wir am frühen Abend auf dem höchsten Punkt des Garamasvarri standen, war zu unserem Glück trotz der umherziehenden Wolken die Sicht so gut, dass ich "unsere" Hütte in einigen Kilometern Entfernung kurz sehen konnte. Die Spur endete "am Berg", aber mit dem Ziel so nahe vor Augen waren wir trotz unserer Müdigkeit und den schlechten Schneebedingungen nicht mehr aufzuhalten. In der Hütte trafen wir auf die ersten Schiwanderer, denen wir auf dieser Reise begegneten - Aki und Erika aus Savonlinna in Südfinnland. Aki schenkte uns ein Stück Schokolade, das wir nach diesem anstrengenden Tag dankbar entgegennahmen.

In der finnischen Hütte verbrachten wir einen wunderbaren Rasttag. Wir aßen gut, hatten Zeit zu lesen und erholten uns von den Anstrengungen der letzten Tage. Aki und Erika verließen uns bei schönem Wetter am Vormittag. Angeregt durch unsere Erzählungen von den Zeltnächten in Norwegen wollten sie die nächste Nacht ebenfalls in ihrem Zelt verbringen.
Nachdem wir ausgiebig die Karten studiert hatten, beschlossen wir für dieses Jahr unsere Tour in Muotkan Ruoktu - einem Campingplatz an der Straße zwischen Karigiasniemi und Kamannen - zu beenden. Wir gingen davon aus, dass die Strecke bis dahin in den verbleibenden zwei Tagen noch gut zu schaffen sein müsste.


- Rasttag in der Stuorraäytsi-Autiotupa -

Der strahlend schöne Morgen und die guten Schneebedingungen ließen uns heute bald aufbrechen. Anstelle des Weiterweges durch das enge Flusstal des Stuorrávzi entschieden wir uns, in die nördlich liegende Hochfläche der Muotkatunturit aufzusteigen, um dort das Licht, die Weite und die schönen Ausblicke zu genießen. Der Weg über die bewaldeten Hänge nördlich der Hütte auf den 545 Meter hohen Ávzegašoaivi war für mich mit dem Schlitten im Schlepptau eine Herausforderung, gelang aber schließlich, nachdem ich an einigen Stellen nach einem flacheren Aufstieg gesucht hatte. Vom höchsten Punkt hatten wir bei wolkenlosem Himmel in alle Richtungen einen wunderbaren Ausblick. Im Westen - drüben in Norwegen - waren in der Ferne noch die Fjellberge des Øvre Anarjohka und der Iškoras zu sehen, während im Norden schon die runden Erhebungen des finnischen Paistunturi-Gebietes (Paistunturin erämaa-alue) zu erkennen waren. Der weitere Weg über die nach Osten ziehende Hochfläche ging zügig voran und wir waren froh, die Mühen des Aufstieges unternommen zu haben. Nachdem wir den flachen Sattel des Gáskogielas überquert hatten, fuhren wir entlang eines Baches in nordwestlicher Richtung in das Flusstal des Nirvajoki ab. Am Fluss begann am frühen Nachmittag der Schnee wieder unter unseren Schiern zu brechen. Dennoch gelang es uns, entlang der südlichen Uferböschung zügig an die Stelle zu kommen, an der der Nirvajoki in den größeren Kielajoki mündet. Dort mussten wir unsere Pulka abermals über einen Rentierzaum heben. Wir freuten uns, als wir anschließend auf dem Eis des Flusses die Spuren einiger Schiwanderer entdeckten, die uns das Vorankommen sehr erleichterten. Nachdem die Spur für einige Kilometer auf einem Sommerweg auf der Südseite des Flusses verlaufen war, bog sie später nach Norden zur bereits naheliegenden Straße ab. Wir entschieden uns am frühen Abend dafür, auf dem Kielajoki zu bleiben und bahnten uns durch schlechten Schnee mühsam unseren Weg weiter nach Westen. Bald darauf wurde der Schnee jedoch so grundlos tief, dass wir wohl oder übel akzeptieren mussten, dass es an diesem Tag kein Vorwärtskommen mehr gab. Wir stellten neben dem teilweise offenen Fluss das Zelt auf und als es langsam dunkelte und die Sterne zum Vorschein kamen, fiel die Temperatur bald auf -15° C. Die darauffolgende Nacht wurde die bislang kälteste auf dieser Tour.


- Offenes Wasser am Kielajoki -

10. April, der letzte Tag. In guter Stimmung packten wir an dem heutigen kalten Morgen unsere Sachen. Das Wetter war makellos schön und wir gedachten das letzte Stück nach Muotkan Ruoktu zügig hinter uns zu bringen. Aber wie sich bald herausstellte, war uns kein allzu leichter Abschluss dieser Tour beschieden! Zunächst folgten wir jedoch ohne Schwierigkeiten für einige Kilometer dem Kielajoki, der nach den Minusgraden der vergangenen Nacht wieder hart gefroren war. Einen Kilometer vor der Straße kreuzte die mit Stangen markierte Schlittenspur aus Karigiasniemi den Fluss. Der Weiterweg nach Süden auf der gefrorenen, aber von den Motorschlitten wild zerfurchten Spur war anstrengend, und als wir auf die weite freie Ebene südwestlich des Kiallaavaari kamen, verließen wir die Spur, weil dies ein leichteres Vorankommen versprach. Als ich nach einer halben Stunde die Spur an dem links ansteigenden Hang nicht mehr vorfand (ich dachte, dort müsse sie sein), sagte mir ein erneuter Blick auf die Karte, dass wir zu weit nach Süden geraten und bereits an den Westhängen des Jeageloaivi unterwegs waren. Wir entschieden uns dafür, auf den flachen Sattel südlich des Berges aufzusteigen, der - als wir oben waren - eine so schöne Aussicht bot, dass wir die anfängliche Irritation über unseren "Umweg" schnell vergaßen. Vom Sattel führte eine breite Spur in Richtung unseres Zieles, auf der wir mit Schiern und Schlitten ohne jede Anstrengung nach unten sausten. In unserer Euphorie bemerkten wir erst viel zu spät, dass wir auf dieser Spur auf der anderen Seite des Jeageloaivi viel zu weit nach Norden geraten waren und in dem Bestreben wieder auf den richtigen Kurs zu kommen, gerieten wir in erneut in steiles unwegsames Gelände. Vor allem für mich mit der Pulka war der Weg nach unten durch den Wald eine kritische Angelegenheit. Eeva Kaisa nahm das Missgeschick recht gelassen hin, während ich über diese "Dummheiten" nun doch etwas verärgert war. Trotz dieser Schwierigkeiten erreichten wir nach einer weiteren Stunde einen metallenen Wegweiser, der uns sagte, dass wir nur mehr zwei Kilometer von unserem Ziel entfernt waren.
Als wir in Muotkan Ruoktu in das Blockhaus mit der Rezeption eintraten und uns an den klobigen Holztischen zu einem ersten Kaffee niederließen, war meine schlechte Laune bereits großteils wieder verraucht. Während wir auf unseren Freund Antti aus Inari warteten, der angeboten hatte, uns hier abzuholen, schaltete ich nach zehn Tagen erstmals wieder mein Mobiltelefon ein. Kurz darauf bekam ich von meinem Freund Robert die Nachricht, dass vor einigen Tagen - während wir uns durch Norwegisch-Lappland gekämpft hatten - mein Patensohn Leonhard zur Welt gekommen war.


- Kurz vor dem Ziel! - 

 

15. Oktober 2015          oliver beihammer